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Sex-Appeal durch Fantasie

Filmtage: In „Je suis à toi“ strandet ein Eskort-Boy in der Provinz

Ein schwuler Bäcker holt sich aus dem Netz einen jungen Lover in die belgische Provinz. Dass das nicht gutgehen kann, ist nur die vordergründige Story seines Films „Je suis à toi“, sagt Regisseur David Lambert im TAGBLATT-Gespräch.

05.11.2014
  • DOROTHEE HERMANN

Ein Flugticket und ein Zuhause ist alles, was der junge Argentinier Lucas (Nahuel Pérez Biscayart) von demjenigen verlangt, der ihn aufnimmt. Ohne Job, ohne Geld und ohne Freunde, verspricht er dem Unbekannten via Internet, „ganz dein“ zu werden. Er landet in der Backstube des schwergewichtigen, ziemlich unerotischen Mittfünfzigers Henri (Jean-Michel Balthazar).

In der eigentümlichen Kleinstadt-Ménage, zu der am Rande noch die Verkäuferin Audrey (Monia Chokri) gehört, erweist sich Lucas als überraschend starke Persönlichkeit. Anscheinend fühlen sich auch Frauen von ihm angezogen. „Er hat Fantasie und er versteht sich darauf, sexuelle Fantasien zu wecken“, sagt der belgische Regisseur David Lambert. „Das braucht er als Escort-Boy.“

Warum hat der Filmemacher eine solche Großstadtpflanze in die belgische Provinz versetzt? „Ich wollte zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinanderprallen lassen“, sagt der 40-Jährige, der nach einem literaturwissenschaftlichen Studium zum Film kam.

So treffe die ökonomische Misere von Lucas auf Henris emotionale Misere: die unerfüllte Sehnsucht nach Liebe und Sexualität, sagt Lambert, der seinen Plot darauf konzentrieren wollte, was sich zwischen einem einzelnen Prostituierten und einem einzelnen Kunden entwickelt.

Auf das bekanntere Uralt-Muster – Mann wählt abhängige Frau – hat der Brüsseler Regisseur bewusst verzichtet. Sein Film beruhe auf Geschichten von weiblichen und männlichen Sexarbeitern. Eine Beziehung zwischen Männern wählte er, weil er bei seinen Recherchen herausgefunden habe, dass es heterosexuelle junge Männer (wie Lucas) waren, die die härtesten Gewalterfahrungen erlebten – durch schwule Freier.

Der Darsteller von Lucas zeige eine außerordentliche Wandelbarkeit: „Er kann gleichzeitig einen Kämpfer und ein Opfer spielen“, so Lambert. Als Escort-Boy habe er „nicht genug Selbstbewusstsein und nicht genügend Kompetenzen. Wenn er für etwas Verantwortung übernehmen soll, schafft er es nicht“. Mit der Zeit zeichne sich im fragilen Beziehungsgeflecht der Figuren eine Entwicklung ab: „Die Perspektive verschiebt sich – weg von der expliziten sexuellen Exploitation.“ Und: „Ich wollte, dass Henri erkennt, dass er ein menschliches Wesen vor sich hat.“

Das alles kann ziemlich amüsant aussehen, denn Lambert versteht sich darauf, emotional stark aufgeladene Szenen durch komische Wendungen aufzulockern. Sein Film dreht sich nicht um falsche Versprechen oder falsche Erwartungen, wie er betont: „Es geht um sexuelle Fantasien.“

Filmtage: In „Je suis à toi“ strandet ein Eskort-Boy in der Provinz
David LambertBild:Filmtage

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05.11.2014, 12:00 Uhr

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