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Silvester

Finger weg von billig und laut

Feuerwerk richtet jedes Jahr Leid an, weil Menschen sich nicht an die Regeln halten. Vor allem Böller aus dem Ausland sind wegen ihrer Sprengkraft gefährlich. Ungesund ist die Knallerei sowieso.

29.12.2016
  • EGBERT MANNS

Ulm. Ein Fuß ab, ungezählte Platz- und Schnittwunden am Kopf und Händen, dutzende Finger weg, verbrannte Augen, hunderte Hände zerfetzt, entstellte Gesichter, taube und fiepende Ohren, Wohnungsbrände: Das Feuerwerk zum Jahreswechsel 2015/16 hat viel Unheil angerichtet. Nicht, dass das die Menschen in Deutschland störte, der Verband der pyrotechnischen Industrie erwartet für den jetzigen Jahreswechsel den gleichen Umsatz: 133 Millionen Euro. Das Umweltbundesamt erwartet etwas anderes: Atemnot, Kratzen im Hals, brennende Augen. Denn das Silvesterfeuerwerk produziert so viel Feinstaub wie 8 Millionen Autos das ganze Jahr über. Gift für die Lunge.

Die Zahl der Silvester-Opfer in Deutschland lässt sich allenfalls aus Zeitungsmeldungen der ersten Jahreswoche abschätzen. Erfasst werden die Fälle nicht, sofern sie nicht lebensbedrohlich sind, sagte die Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU), Susanne Herda. „Es gibt wohl keine Statistik.“

Die Größenordnung des Problems ist der DGOU natürlich bekannt. So heißt es in einer Pressemitteilung: „Eine durchschnittliche Silvesternacht an einem Großstadt-Krankenhaus: 60 Teilverletzungen, wie zum Beispiel abgetrennte Finger oder Fingerglieder, und fünf bis zehn schwere Verletzungen, wie zum Beispiel eine zerstörte Hand.“

Seit Jahren warnen Ärzte und die Bundesanstalt für Materialforschung vor immer den gleichen Gefahren: „Kein illegales Feuerwerk aus dem Ausland und kein selbstgebasteltes! Feuerwerk nicht in der Hand halten, schon gar nicht werfen! Abstand halten! Kinder unter 12 Jahren nicht mit Feuerwerk hantieren lassen!“

Zwecklos für die, die von billig und laut angezogen werden. Deshalb passieren die meisten schweren Silvesterunfälle mit illegalem Feuerwerk, zumeist Böllern, die eine zigfach so große Sprengkraft haben wie die zugelassenen. Fünf Tonnen solcher Böller hatte ein Lastwagen geladen, der vor einem Monat an der Grenze zu Polen erwischt worden ist. Er war weder als Gefahrguttransport ausgerüstet und ausgezeichnet, noch hatte der Fahrer eine Lizenz dafür.

Die meisten illegalen Sprengsätze werden in China hergestellt und kommen über Polen und Tschechien auf den europäischen Markt. Kaufen kann man sie im Internet, aber auch auf Märkten wie in Slubice in Polen. Der Frankfurter Zöllner Siegmund Poloczek hat dort schon Knaller entdeckt, sagte er der dpa, die Autos in die Luft sprengen können.

Die Bilanz des Zolls für 2015: Er fand 151 000 größere illegale Böller und Raketen. Dazu jede Menge kleinere, insgesamt 1,85 Tonnen.

Viele Unfälle passieren, wenn Illegalität und Alkohol aufeinandertreffen. So vor einem Jahr vor einem Landhotel in Datteln im Ruhrgebiet. 150 bis 200 Gäste feierten, dazu noch einmal so viele Ortsansässige und Campingplatz-Urlauber.

Einer der Feiernden hatte Feuerwerk aus Polen mitgebracht. Eine Batterie fiel um und schoss in die Menge. Einer 24-jährigen Hotelangestellten wurde der rechte Fuß abgerissen, sie wurde bis unter dem Knie amputiert. 23 Menschen erlitten Schnittwunden, Blutergüsse und geplatzte Trommelfelle. Zwei Monate später ermittelte die Polizei einen 49-jährigen Dortmunder und seinen 14-jährigen Sohn als Täter.

Gefährdet vom Feuerwerk, auch von legalem, sind immer Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Asthmatiker. Sie leiden noch Tage nach Silvester an der hohen Feinstaub-Belastung der Luft. Das Schlaganfallrisiko ist erhöht, hat eine Forschergruppe der Universität Birmingham herausgefunden, Asthmatiker brauchen mehr Medikamente.

Mehr als 50 Mikrogramm Feinstaub (Teilchen, die kleiner als 10 Mikrometer sind) pro Kubikmeter Luft darf es an maximal 35 Tagen geben. In der ersten Stunde des 1. Januar sind es in Großstädten jedoch regelmäßig mehr als 1000 Mikrogramm, teilt das Umweltbundesamt mit. Nicht irgendwo an der Autobahn, sondern da, wo feuergewerkt wird – in den Wohngebieten.

Vor acht Jahren habe Berlin 3445 Mikrogramm gemessen, schreibt der Wissenschaftsjournalist Michael van den Heuvel in DocCheck. Dabei „würde sich das Schlaganfallrisiko schätzungsweise verdoppeln“. In Stuttgart lag der Tagesmittelwert am Neckartor am 1. Januar 2016 bei 139 Mikrogramm. Der Tagesmittelwert! Direkt nach der Feuerei liegt er stundenlang mehrfach so hoch.

Wer seiner und aller Gesundheit etwas Gutes tun will, für den hat das Umweltbundesamt den schlichten Rat parat: „Ihr persönliches Feuerwerk einschränken oder sogar ganz darauf verzichten.“ Für alle anderen gilt: Legales Feuerwerk kann von heute bis Samstag gekauft werden.

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29.12.2016, 06:00 Uhr

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