Leinstetten · Tiere

Flauschige Faszination für Freizeittouren

„Alpaca Magic“ bietet seit Neuestem Spaziergänge mit den Andentieren in Leinstetten an. Familie Zahn hält auf einem Bauernhof acht der Puschelohrenträger. Den Anstoß gab Tochter Clara. Die Wolle der domestizierten Neuweltkamele wird zu Bettdecken verarbeitet, der Kot dient als Dünger für den Garten.

12.08.2020

Von Cristina Priotto

Ausschließlich Hengste leben auf dem Hof in der Dürrenmettstetter Straße. Typisches Geräusch auch beim Fressen ist eine Art Summen.

Dunkle Kulleraugen und ein warmes Maul nähern sich dem Schreibblock der Besucherin. Mit einem neugierigen Summen reckt „Felix“ den dünnen Hals nach vorne. „Ben“, „Linus“ und „Kurthi“ knabbern derweil unbeeindruckt Heu, „Marro’n Flor“ und „Navaro“ laufen zielstrebig zur Wiese, „El Primo“ stupst Carmen Zahn am Bein, derweil „Carlos“ sich breitbeinig erleichtert. Wer den acht Alpakas bei Familie Zahn zum ersten Mal begegnet, kann sich der Faszination der flauschigen Paarhufer nur schwerlich entziehen.

Das ging Carmen und Carla Zahn nicht anders. „Bei einer landwirtschaftlichen Veranstaltung in Lauterbach habe ich die Tiere vor vielen Jahren zum ersten Mal gesehen und war begeistert“, erzählt die Leinstetterin. Zum 13. Geburtstag im Dezember wünschte die ältere Tochter sich eine Wanderung mit Alpakas. Nach dem erneuten Kontakt mit den sanftmütigen Andentieren stand für Carmen Zahn fest: „Das ist mein Ding“. Nach einem Seminar zur Haltung der Tiere suchte die Familie sich bei einem Züchter in Nürtingen acht halfterführige Männchen im Alter zwischen einem und zwei Jahren aus – vier weiße, drei braune, ein schwarzes.

Seit März lebt die Herde auf dem Hof am Ortsausgang von Leinstetten in Richtung Neuneck. Die Platzvoraussetzung – mindestens 1000 Quadratmeter Weidefläche für die ersten beiden Alpakas, weitere 100 Quadratmeter für jedes zusätzliche Tier – erfüllt das Grundstück am Glattufer locker. Damit die Alpakas sich nicht mit den fünf Limousin-Rindern, den fünf Hühnern, den elf Wachteln, dem Hund und dem Hasen ins Gehege kommen, wurden zusätzliche Zäune eingezogen. Einen Teil des Rinderstalls baute die Familie für die Alpakas um. Benötigt wurden eine Futterkrippe für Heu und Öhmd, eine Wassertränke und ein Salzleckstein. Das Trockenfutter stammt von eigenen Wiesen im

Glatttal, ein Sack am Tag genügt. Bei der aktuellen Hitze erhalten die Tiere jeden Tag eine kühle Wasserdusche. „Das genießen sie und wälzen sich danach im Sand“, erzählt Carmen Zahn. Lediglich das Kinderplanschbecken, das die Familie auf Anraten einer Tierärztin aufstellte, nehmen die Alpakas noch nicht zum Baden an, sondern trinken daraus.

Auf der Wiese knabbern „Linus“, „Ben“, „Felix“, „El Primo“, „Marro’n Flor“, „Navaro“ und „Carlos“ Gras. Um „Kurthi“, den Kleinsten, hüpft eine Bachstelze ohne Scheu. „Es sind sehr genügsame Tiere und Gute-Laune-Tiere“, stellte die Halterin beim Besuch der SÜDWEST PRESSE am gestrigen Mittwoch fest.

Kaum erscheint Tochter Carla samt acht Schalen mit Alpaka-Spezialmüsli, einer Mixtur für sogenannte Neuweltkamele, scharen sich die Hengste um die Frauen. Beim Fressen lassen sich die Tiere über Rücken und Hals streicheln. Wer sich von den großen Kulleraugen und den Puschelohren nicht komplett verzaubern lässt, sondern einen genaueren Blick in die Mäuler wirft, entdeckt, dass die Alpakas hinter der gespaltenen Lippe anstatt eines Oberkiefers mit Schneidezähnen über eine Kauplatte verfügen.

Beim Füttern müssen die Halter Vorsicht walten lassen. Denn die Pflanzenfresser verfügen zwar über einen dreiteiligen Magen. Brot, Karotten sowie Farn, Jakobskreuzkraut oder Rhododendren vertragen die Wiederkäuer jedoch nicht. Auf dem Leinstetter Grundstück besteht diesbezüglich keine Gefahr, doch sobald die Herde im Ort und im Wald entlang von Glatt und Heimbach unterwegs ist, heißt es, gut aufpassen.

Solche Spaziergänge bietet Carmen Zahn als „Alpaca Magic“ an. Wegen der Corona-Pandemie konnte die Familie erst vor zwei Wochen damit starten. Drei Touren haben bislang stattgefunden, teils nahmen die Teilnehmer dafür weite Anfahrten auf sich, sogar Holländer waren schon dabei.

Die zweistündigen Ausflüge beginnen mit einer Einführung. Die Zuordnung von Mensch zu Tier übernimmt Zahn, danach bekommen die Teilnehmer einen Führstrick. Gelegenheiten zum Fotografieren bestehen unterwegs reichlich, zum Schluss wird an die Tiere Spezialmüsli verfüttert.

Dank der sanftmütigen Art und der langsamen Bewegungen hat die Leinstetter Herde selbst bei einem Mädchen mit großer Angst vor Tieren für gute Laune gesorgt, erzählt Carmen Zahn. Vielerorts werden die einen Meter hohen Alpakas deswegen auch zu therapeutischen Zwecken eingesetzt.

Selbst bei drei Mägen müssen die Pflanzen irgendwann zurück auf die Wiese. Alpakas sind sehr reinlich und pinkeln und koten ausschließlich auf feste Plätze. Die festen Hinterlassenschaften sammelt, trocknet und mahlt die Familie und stellt daraus Dünger her – als „Kacka vom Alpaka“ gibt’s das Naturprodukt zum Kaufen und für den eigenen Garten.

Zudem geben die Fellträger eine besondere Wolle. „Als wir die Tiere im März geholt haben, waren sie kugelrund und flauschig wie Eisbären“, erinnert sich Clara Zahn. Nach der Schur durch einen professionellen Scherer sammelte Carmen Zahn die Wolle nach Farben getrennt in Tupperdosen.

Bei Recherchen stieß die „Alpaca Magic“-Inhaberin auf einen Betrieb in Brandenburg, der aus der Wolle Bettdecken herstellt.

Über mögliche weitere Verwendungsmöglichkeiten ist Familie Zahn bislang wenig bekannt. „Männer fragen, ob man das Fleisch essen kann. Frauen wollen eher wissen, ob sich die Tiere reiten lassen“, erzählt Carmen Zahn schmunzelnd von Erfahrungen mit Touren-Teilnehmern. Beides strebt die Familie aber nicht an.

Während Tochter Clara viel Zeit mit den Alpakas verbringt, ist der neunjährige Sohn Liam etwas zurückhaltender. Bei Spaziergängen ist die Familie aber gerne mit der Herde rund um Leinstetten unterwegs. Bislang bietet „Alpaca Magic“ drei Termine pro Woche an. „Wir stehen noch ganz am Anfang, aber diese Tiere zu halten, ist eine Erfüllung“, schwärmt Carmen Zahn. Wer das Summen, die Kulleraugen und Puschelohren auch nur kurze Zeit erlebt, kann diese Faszination nachvollziehen.

Wenn Carla (links) und ihre Mutter Carmen Zahn die Schüsseln mit Spezialmüsli auf die Weide in Leinstetten tragen, kommen die acht Alpakas sofort und fast immer als Herde angetrabt, um die besondere Zwischenmahlzeit zu genießen.Bilder: CristinaPriotto

Pralle Sonne mögen Alpakas nicht, außer es gibt dort etwas zu Fressen. Gerne wälzen sich die Tiere nach einer kalten Wasserdusche im Sand.

Neugier, Ruhe und ein hoher Niedlichkeitsfaktor wegen der Kulleraugen, der Puschelohren und der drolligen „Frisuren“ kennzeichnen die Alpakas.

Sieht aus wie ein Coffee-to-go-Becher, drin ist aber „Kacka vom Alpaka“ als trockener Dünger.

Touren auf Anfrage:

„Alpaca Magic“ bietet Spaziergänge mit Alpakas für Gruppen ab vier

Personen an, und zwar samstags und sonntags um 9.30 Uhr sowie von April bis September auch mittwochs um

18 Uhr. Eine vorherige Anmeldung ist erforderlich, auf Anfrage werden auch individuelle Touren organisiert. Die Teilnahme ist für Kinder ab acht

Jahren möglich. Ein Spaziergang

dauert zwei Stunden. Der Start ist bei Familie Zahn in Leinstetten in der

Dürrenmettstetter Straße 1.

Anmeldungen sind bei Carmen Zahn möglich, Telefon 07455/335593 oder per E-Mail an: info@alpaca-magic.de.

Info: www.alpaca-magic.de

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Erstellt:
12. August 2020, 20:30 Uhr
Aktualisiert:
12. August 2020, 20:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. August 2020, 20:30 Uhr

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