Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
„Fließband des Todes“
Straßenhunde leben sogar im internationalen Geschäftszentrum von Moskau. Foto: GRIGORY SOBCHENKO/AFP PHOTO
Gesellschaft

„Fließband des Todes“

Vor der WM herrscht in Russland Hundekrieg. Tierschützer protestieren heftig gegen das massenhafte Töten streunender Vierbeiner. Dabei ist das schon seit langem üblich.

23.03.2018
  • STEFAN SCHOLL

Moskau. Das Plansoll ist grausam: 4500 streunende Hunde sollen dieses Jahr allein in Jekaterinburg gefangen werden, 4050 von ihnen müssen sterben. „Die Hunde werden zehn Tage in Quarantäne gehalten. Zehn Prozent gesunde und gutmütige Tiere werden ausgesondert, die übrigen eingeschläfert“, erzählt Anna Waiman, Leiterin der Tierschutzstiftung „Soosaschtschita“.

„Die zehn Prozent werden sterilisiert und gegen Tollwut geimpft. Sie bekommen noch 20 Tage Gnadenfrist. Wenn sie danach niemand aufgenommen hat, tötet man auch sie.“

Waiman und ihre Freiwilligen suchen nicht nur für diese zehn Prozent neue Besitzer und Unterkünfte, sondern auch noch für andere gesunde und friedliche Streuner. „Ohne uns wäre das ein Fließband des Todes.“

Die Stadtverwaltung reagiert ungerührt: „Unsere Priorität ist die Sicherheit und Gesundheit der Bürger“, sagte der Jekaterinburger Rathaussprecher Anatoli Karmanow der BBC: „Weil auch sterilisierte Hunde keine Streichelhündchen werden.“

In Russland herrscht Hundekrieg. Ausgerechnet vor der Fußball-WM, die im Juni startet, häufen sich Meldungen über einen Vernichtungsfeldzug gegen streunende Vierbeiner. „Fußball wird gegen Hunde geschützt“, titelt die Zeitung „Kommersant“. „Elf russische Städte werden mit dem Blut herrenloser Tiere überschwemmt“, schimpft die Facebook-Gruppe „BloodyFifa2018“. Schon über 1,6 Millionen Menschen haben eine Protest-Eingabe auf change.org unterschrieben.

Eigentlich ist das Töten von Hunden auch in Russland inzwischen verpönt. In Sankt Petersburg, Kaliningrad, Nischni Nowgorod oder Rostow am Don behandeln die Kommunalverwaltungen streunende Hunde nach dem FSIF-Prinzip: „Fangen, sterilisieren, impfen, freilassen“.

Doch nach Angaben der Zeitschrift „Sobesednik“ entdeckten im Herbst vergangenen Jahres Tierschützer auf dem Gelände des Rostower „Zentrums für herrenlose Tiere“ tausende Hunde- und Katzenkadaver. Mitarbeiter behaupten, die Videos mit den in Kühlhallen gelagerten Tierkörpern seien gefälscht.

Aber die Massentötung scheint weit häufiger praktiziert zu werden, als die viel kostspieligere medizinische Versorgung der Hunde. Der Duma-Abgeordnete Wladimir Burmatow klagt, Töten sei einträglicher als Versorgen. Und die Moskauer Tierschützerin Jekaterina Dmitrijewa, eine der „BloodyFifa“-Initiatorinnen, erzählt, Hundefänger kurvten mit Kühlwagen voller toter Hunde von einer Kommunalverwaltung zur nächsten, um mehrfach Kopfgeld zu kassieren.

Der Stadtrat von Atrachan, Oleg Schejn, sagt, die Stadt habe vergangenes Jahr umgerechnet gut 280 000 Euro für die FSIF-Versorgung von 6000 streunenden Hunden ausgegeben. Laut den Behörden seien für dieses Geld jedoch nur drei Prozent der Tiere sterilisiert, die übrigen getötet worden.

Mit Giftpfeilen beschossen

Dabei gehört Astrachan gar nicht zu den WM-Spielorten. Und Tierschützerin Weiman aus Jekaterinburg sagt, in anderen WM-freien Kleinstädten der Region würden die Hunde aus Kostengründen erst gar nicht eingefangen, sondern mit Giftpfeilen beschossen, die qualvolle Erstickungskrämpfe verursachten.

„Die Fußball-WM bietet uns vor allem den Anlass“, sagt ihre Moskauer Mitsreiterin Dmitrijewa, „auf die haarsträubende staatliche Politik gegenüber den herrenlosen Haustieren aufmerksam zu machen: Fangen und töten.“

Das Sportministerium hat die Austragungsstädte inzwischen angewiesen, gegen die Streuner möglichst human vorzugehen. Dazu sollen eigens neue Tierheime eingerichtet werden. Ein Auftrag, bei dem sich auch wieder viel Geld verdienen lässt.

Vizepremier Witali Mutko, nicht erst seit dem Dopingskandal von Sotschi als Schlitzohr bekannt, hat schon gezählt: In dem WM-Städten seien insgesamt zwei Millionen Streuner zu versorgen, behauptet er – drei bis viermal soviel herrenlose Hunde, wie nach Schätzung von Experten in ganz Russland unterwegs sind.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

23.03.2018, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball