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Videoclip auf OB Palmers Facebook-Seite sorgt für Bewunderung, Neid, Spott und Ärger

Flotte Spritztour auf der Ammer bereitet Arbeit im Landratsamt

Sascha fand die Sause super, jedenfalls spektakulär genug, um sie OB Boris Palmer auf Facebook zu posten. Worauf der dann verwundert bis bewundernd feststellte: „Für was die Ammer nicht alles taugt!“ Einer freilich konnte dem heißen Ritt auf dem renaturierten Flüsschen gar nichts abgewinnen. Naturschutzwart Udo Dubnitzki meldete dem TAGBLATT voller Ingrimm: „Das gehört bestraft!“

13.08.2014
  • Sepp Wais

Gemeint ist das Wakeboarding, eine Mischung aus Wasserski und Wellenreiten. Die Sportart entstand in den 1980er Jahren – wie so manches aus purer Langeweile: Wenn die Surfer in einer Flaute vergeblich auf eine passende Welle warteten, ließen sie sich zur Abwechslung mal von einem Motorboot übers Wasser schleifen. Alternativ kommt als Vor- und Auftriebsmittel ein Wasserski-Lift in Frage. Und wo es – wie an der Ammer in der Tübinger Weststadt – weder Motorboote noch Lifte gibt, tut’s notfalls auch eine simple Seilwinde.

Wakeboarding auf der Ammer in Tübingen schlägt Wellen

Der Sport- und Event-Fotograf Sascha Walther kam Anfang August zufällig vorbei, als sich ein junger Mann gerade anschickte, mit dem Wakeboard auf der Ammer zu surfen. Die Spritztour auf dem Tübinger Flüsschen filmte der Reutlinger. Das Video postete er später an die Facebook-Pinwand des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer. Dort löst das Filmchen zweierlei aus: Bewunderung für den Sportler und Unverständnis für die Umweltbelastung des gerade erst renaturierten Gewässers.

© Video: Sascha Walther | Sport-Px.de 00:36 min

Angeleint an einen hinreichend starken Motor ließ sich nun also ein behelmter Wakeboarder über die leicht mäandrierende Ammer flussaufwärts gen Westen ziehen. Auf diese Idee war bisher noch niemand in Tübingen gekommen, weshalb Sascha die Premiere auf einem Video dokumentierte und dann per Facebook an Boris Palmer, den obersten Ordnungshüter der Unistadt, schickte. Der fand das – „als Privatperson“ – ausgesprochen „lustig“ und „schön“ und „erstaunlich, dass das überhaupt funktioniert“.

Wie ihm ging es 158 seiner Facebook-Freunde, die den rasanten Trip mit einem „Gefällt mir“ adelten. Bei den 27 Kommentaren zu dem Videoclip fiel das Echo nicht mehr ganz so einhellig aus. Markus postete „cool“, Krissi „sehr cool“, Michael „sehr sehr cool“, Simone „genial“ und Arndt „einfach mal geil“. Auch den grünalternativen Stadtrat und Feuerwehr-Taucher Bernd Gugel machte die Fahrt auf dem Brett an: „Will ich auch“ schrieb er und setzte acht Ausrufezeichen dahinter.

Neben Neid und Bewunderung erntete der Ammer-Boarder – und mit ihm Palmer – aber auch jede Menge Spott und Kritik. Adrian witzelt: „Herr Palmer, dieser Junge fährt schneller als Tempo 30“. Was aber erst noch zu beweisen wäre, weshalb Alesandro anregt, „gleich mal einen Messtrupp“ loszuschicken. Doch dann geht es in der Facebook-Debatte zunehmend ernster zu.

Die armen Tiere in der Ammer – pfui!

„Schön, Herr Palmer, dass Sie den Sinn einer solchen Renaturierung verstanden haben,“ stichelt Klaus. Michael hofft, dass wenigstens „die Kaulquappen rechtzeitig auf die Seite gerudert“ sind. Pattrick denkt an alle „armen Tiere in der Ammer: Soll das das neue Vorbild für die Jugend sein? Motorisiert über ein frisch renaturiertes Flüssle! Nein Danke. Pfui! Was kommt als Nächstes? Sportboote auf dem Anlagensee?“ Sein Appell: „Dem muss Einhalt geboten werden!“

Just das fordert auch Udo Dubnitzki in dreifacher Funktion – als Naturschutzwart des Landkreises, als Gewässerwart des Kreisfischereivereins und als Bezirksreferent des Landesverbandes für Fischerei und Gewässerschutz. Für ihn ist der Fall klar: „Wakeboarding auf der Ammer – das geht gar nicht ohne wasserrechtliche Genehmigung.“ Und mit Genehmigung auch nicht – schließlich könne es „doch nicht der Sinn einer zigtausend Euro teuren Renaturierung gewesen sein, dass man aus dem kleinen Flüsschen jetzt ein Freizeitgewässer macht“.

Flotte Spritztour auf der Ammer bereitet Arbeit im Landratsamt
Cool, geil, genial – nein danke, pfui: die Kommentare zu der rasanten Wakeboard-Fahrt auf der renaturierten Ammer gehen weit auseinander.

Seiner Ansicht nach greifen die Spritztouren am Seil mit wilden Turbulenzen im Wasser und hartem Wellenschlag gegen die Ufer „tief ins Ökosystem der Ammer ein“ und verursachen „irreparable Schäden“. Zumindest dann, „wenn es nicht beim Einzelfall bleibt, sondern weitere Kreise zieht“. Dass der grüne Rathaus-Chef „das nicht weiß und das Video bewundert“ anstatt einzuschreiten, macht Dubnitzki regelrecht zornig: „Der ist doch ein Verwaltungsmensch, von dem erwarte ich, dass er sich da auskennt.“

Rainer Kaltenmark vom städtischen Ordnungsamt, hätte beim Anblick des Boarders gewusst, was für die Ortspolizeibehörde – auch aus Sicherheitsgründen – zu tun gewesen wäre: Er hätte, wäre er dienstlich unterwegs gewesen, den Wassersportler von der Ammer holen und beim Landratsamt anzeigen müssen. Denn das Surfen an einer Seilwinde geht nach seiner Rechtsauffassung weit über den zulässigen „unschädlichen Gemeingebrauch“ öffentlicher Gewässer hinaus.

Was zum „unschädlichen Gemeingebrauch“ zählt, hat der Gesetzgeber nur schlampig umrissen. Gewiss darf man ganz unbesorgt Kieselsteine tanzen lassen und Gießwasser schöpfen, und schwimmen und eislaufen und Bootlesfahren auch. Wo der Spaß aufhört, weiß allerdings niemand so genau. Grundsätzlich dort, wo der Gemeingebrauch (wie etwa ein Ölwechsel im Bach) einen schweren und schädlichen Eingriff darstellen würde. Generell kann man sagen: Wo Motoren ins Spiel kommen, egal ob im Jetski oder an einer Seilwinde, hört der zulässige Gemeingebrauch auf.

Mit solchen wasserrechtlichen Einzelheiten hat sich der Tübinger Rathaus-Chef bisher noch nicht befasst. Palmer räumt freimütig ein: „Mag sein, dass ich mich über das Wakeboarder-Video ein bisschen allzu naiv gefreut habe. Ich gestehe, mir ist die Rechtslage in diesem Fall nicht bekannt. Aber wenn sich jetzt jemand ans Landratsamt wendet, dann wird das sicher seinen ordentlichen Gang nehmen.“

Genau das passiert jetzt – ordentlich auf dem Dienstweg. Jedenfalls versprach das Martina Guizetti, die Pressesprecherin des Landratsamts, als sie gestern durch eine entsprechende TAGBLATT-Anfrage von dem flotten Ammer-Surfer erfuhr. Nach Rücksprache mit ihren Fachleuten vom Aufgabenbereich Oberirdische Gewässer erklärte sie: „Wir werden der Sache jetzt nachgehen.“ Das heißt: Erst mal gucken, wer der junge Mann auf der Ammer war. So viel steht für Guizetti schon fest: „Bei uns hat niemand eine wasserrechtliche Erlaubnis beantragt – und ohne eine solche geht das nicht.“

Kreisverwaltung holt alle Beteiligten an einen Tisch

Ob es – anders als der ehrenamtliche Gewässerwart Dubnitzki glaubt – mit Genehmigung geht, ist für die Kreisverwaltung offen. Diese Frage will man im Landratsamt nun „so rasch wie möglich“ gründlich und grundsätzlich untersuchen. Dazu sollen laut Guizetti „alle Beteiligten von der Fischereibehörde über den Naturschutz bis zur Stadt Tübingen zeitnah an einen Tisch geholt werden: „Es geht darum, die Freizeitansprüche mit ökologischen Aspekten abzuwägen und dabei alle möglichen Belange bis hin zu Sicherheitsaspekten zu berücksichtigen.“

Dabei kommt es, so weiß Carsten Dehner, Pressesprecher im Tübinger Regierungspräsidium, stets auf die „spezifischen Bedingungen im Einzelfall“ an. Wie aufwändig die amtliche Abwägung und Entscheidungsfindung werden kann, bekam Dehner mit, als sich die Rottenburger sowohl für ihr Neckarfest als auch für ihre Mission Olympic im Sommer 2013 eine Ausnahmegenehmigung fürs Wakeboarding auf dem Neckar wünschten: „Da muss man genau hinschauen, an welchem Ort das stattfindet und welche Tiere und Pflanzen betroffen sind.“

Unter anderem mussten Videoaufnahmen gemacht werden, um herauszufinden, welche Auswirkungen der Wellenschlag auf die Fischbrut hat. An diesem Punkt ist man in Tübingen schon ein bisschen weiter – das Video liegt ja bereits vor. Trotzdem wird aller Voraussicht nach noch einiges Wasser die renaturierte Ammer runtergehen, ehe wieder ein Wakeboarder den Bach hochrauscht. In diesem Sommerloch wird‘s wohl nichts mehr damit.

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13.08.2014, 12:00 Uhr

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