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Die Psycho-Burg

„Fluch der Karibik“-Regisseur Gore Verbinski dreht auf Hohenzollern

Im kommenden Jahr ist Preußens architektonisches Schmuckstück weltweit in dunklen Räumen zu sehen. Ein US-Starregisseur dreht auf Burg Hohenzollern seinen neuen Kinofilm. Es wird ein Thriller.

30.06.2015
  • Kathrin Löffler

Schraplau liegt im Saalekreis und gehört zur Verbandsgemeinde Weida-Land. Personenzüge fahren an der 1169-Einwohner-Stadt nicht einmal vorbei, nur noch dem Güterverkehr nutzen die Schienen in Ortsnähe. Im Rathaus zieht ein ehrenamtlicher Bürgermeister die Strippen. Kalkwerk, Freibad und eine historisch eingerichtete Apotheke bilden die infrastrukturellen und soziokulturellen Eckpfeiler. Doch in diesem Sommer zieht das sachsen-anhaltische Nirgendwo mit Tourismusperle Burg Hohenzollern gleich. Gemeinsam nisten sie sich in der Upperclass der bundesdeutschen Glamour-Hotspots ein. Beide bekommen Besuch aus Hollywood.

Ab September 2016 soll „A Cure for Wellness“ Kinosäle füllen. Den Schauplatz für das US-Machwerk liefert Europa. Gedreht wird seit diesem Monat. In Schraplau. Und in knapp zwei Wochen hoch auf dem Zoller. Nicht das erste Mal, dass auf der Burg Kameras laufen. 2009 war sie Kulisse für den ARD-Märchenfilm „Dornröschen“, drei Jahre später entstanden dort einige Szenen des schwäbischen Mittelstandsmovies „Global Player – Wo wir sind isch vorne“.

Aber noch nie schloss die Verwaltung Preußens Stammsitz wegen Dreharbeiten für die Öffentlichkeit. Bisher schauspielerten und lustwandelten Filmteams und Ausflüglermassen parallel durchs Gemäuer. Jetzt steht ein gewisser Gore Verbinski auf der Gästeliste. Der US-Regisseur verantwortet immerhin die ersten drei Teile des piratesken Kassenschlagers „Fluch der Karibik“. Verbinski betreute den Gruselschinken „The Ring“ und sackte 2012 den Oscar für „Rango“ als besten Animationsfilm ein. Vom 13. bis zum 24. Juli bastelt er sein neues Werk auf einem Zeugenberg am Albtrauf. Deshalb wird in diesem Zeitraum der Führungsbetrieb für den Normalo-Burgbesucher eingestellt. Sogar die Zufahrtsstraße ist dann oberhalb vom Brielhof gesperrt, damit der Filmemachertross samt seiner Lastwagen sich ausbreiten und ungestört anreisen kann. Exklusivität ist gefordert.

Ein Ami-Blockbuster in spe entsteht – und das sind seine Kulissen: malerische Türmchen und Zinnen, Zugbrücken und Schlösserprunk, der Gipfel feudalen Kulturerbes schlechthin mitten in der württembergischen, nun ja, Provinz. Die Traumfabrik adelt die Bastion gewordene jahrhundertelange deutsche Aristokratengeschichte. Warum, weiß keiner.

Zumindest: fast keiner. Studio Babelsberg Motion Pictures rückt nicht mit Details heraus. Die Tochtergesellschaft des Prestige-Filmateliers bei Berlin agiert als Dienstleister bei internationalen Produktionen. Im Auftrag eben auch amerikanischer Filmemacher kümmert sich das Unternehmen um Logistik, Technik und Filmcrew. Und lässt sogenannte Scouts landauf, landab leinwandkompatible sogenannte Locations ausfindig machen. Was letztlich den Ausschlag für die mitteldeutsche Walachei oder Burganlagen im Süden als Drehort gibt, bleibt aber geheim. „Wir sind alle zu Verschwiegenheit verbannt“, mauert Eike Wolf, Pressesprecher im Studio Babelsberg. Bei internationalen Produktionen müssen sich seine Mitarbeiter vertraglich verpflichten, nicht über Einzelheiten zu tratschen. Schon gar nicht, ehe überhaupt gedreht wird.

Den Filmtitel und das Mitwirken des Star-Regisseurs jedenfalls hat Wolf bestätigt. Und der Plot von „A Cure for Wellness“ kursiert bereits im Internet. Menschen mit dem Sinn fürs Heiter-Schwelgerische, die nun schon ein in hohem Maß adrettes Mimen-Pärchen sich auf Albausläufern in den Sonnenuntergang marathonknutschen sehen, dürfen die Fünf-Liter-Packung Eis aber wieder zurück in die Kühltruhe stellen und durchschnäuzen. Denn das ist sicher: Hohenzollern wird nicht Schmonzetten-Schauplatz.

„A Cure for Wellness“ firmiert bisher unter dem Etikett Horrorthriller. Statt royaler Romantik bietet die Burg Raum für Unannehmlichkeiten in der Gesundheitsbranche: Hechingens Wahrzeichen tritt im Film als Spa-Resort in Erscheinung, das sich als für Leib und Seele der Patienten eher nicht so erholsam entpuppt. Menschen verschwänden dort „spurlos“, der Chef erweise sich als „mysteriös“, in den langen Fluren stauten sich „erschütternde Geheimnisse“ und die Einrichtung verfolge „düstere Zwecke“ statt der Genesung ihrer Gäste: Mit solchen Versprechungen bringen einschlägige Filmportale Freunde der popkulturell veranlassten Gänsehaut schon einmal auf den Geschmack. Die Drehort-Bestimmer indes geben sich in geografischen Belangen ganz unpingelig: Das fiktionale Wellness-Institut ist in den Schweizer Alpen angesiedelt.

Wer jetzt schon ganz verschreckt die königlichen Gemächer als blutgetränkte Gemetzelstätten in die Filmannalen eingehen sieht, kann sich beruhigen. „Das wird nichts mit Kettensägenmassaker. Eher Psycho“, präzisiert Roland Beck die Genre-Vorgabe „Horrorthriller“.

Im Januar kontaktierte Studio Babelsberg Hohenzollerns PR-Chef erstmals. Inzwischen grassiert zwischen den Mauern moderate Aufregung. Beck: „Wir sind gespannt wie die Flitzebögen.“ Studio Babelsberg sei eine renommierte Produktionsfirma. Mit einem gewissen Image. Man könne sicher sein, dass der Film Hand und Fuß habe. Und natürlich: „Gore Verbinski ist eine Hausnummer.“

In „Fluch der Karibik“ hatte diese Hausnummer Leinwand-Beau Orlando Bloom und All-time-Darling aller Hausfrauen-, Germanistikprofessorinnen- und Tenniemädchen-Tagträume Johnny Depp unter ihrer Fuchtel. Bei „A Cure for Wellness“ machen andere mit: Potenzielle Groupies und Starjäger/innen aus dem Steinlachtal müssen da profunde Insiderkenntnisse beweisen. Hauptdarsteller Dane DeHaans Gesicht etwa erinnert an den netten Spielgefährten vom Pausenhof. Kundige Fachmagazine aus dem Glitzerweltmetier beachten ihn bisher mäßig. Seinen Durchbruch bescheinigt ihm die Expertenriege des World Wide Web mit dem Science-Fiction-Film „Chronicle – Wozu bist du fähig?“. Außerdem spielte er eine Nebenrolle in „Spiderman 2“ und einem Metallica-Konzertfilm.

Auch zu Mia Goth passt das Newcomer-Label noch gut. Sie gibt eine Spa-Kundin. Bisher geriet die Darstellerin vor allem in den Fokus der Berichterstatter, weil sie sich auf einem weißen Laken liegend in einer Prada-Reklame hervortat. Für die britische Moralpolizei kam die 22-Jährige dabei ein wenig zu lolitamäßig rüber. Vorwurf: Kinderpornografie. Folge: Verbot der Werbung. Ansonsten wirkte das Starlet in Lars von Triers Sex-Kunst-Film „Nymphomaniac“ mit und zeigt sich regelmäßig auf lässigen Paparazzi-Schüssen an der Hand von Berufskollege Shia LaBeouf.

Jason Isaacs Schauspieler-Vita dekoriert schon eine Golden-Globe-Nominierung. Und die Teilnahme an stolzen fünf „Harry Potter“-Verfilmungen. Darin verkörperte er den „Lucius Malfoy“. Jetzt avanciert Isaacs vom blondmähnigen Zauberlehrlings-Gegenspieler zum undurchsichtigen Wellness-Einrichtungsboss.

In zwölf Tagen geht‘s auf der Burg los. Und wenn gut zwei Wochen später alle Szenen im Kasten sind und im kommenden Jahr der Schauerstoff aus Schwaben weltweit Cineasten Fröstelwellen über ihre Körper treibt, kann das weitere Folgen haben. Beispiele, wie eine filmische Würdigung reale Orte noch ein bisschen berühmter macht, gibt es zuhauf. Fans einer beliebten ZDF-Serie fallen etwa jeden Juni bienenschwarmgleich an den Drehorten der Tiroler Wilden-Kaiser-Region zur gemeinsamen „Bergdoktorwoche“ ein. Die weniger alpin veranlagten lauschen in Wien nach einer geführten Tour durch die Kanalisation der Zithermusik aus „Der dritte Mann“. Und zum schottischen Eilean Donan Castle pilgern Filmkonsumenten mit ganz unterschiedlichen Geschmacksvorlieben: Dort entstanden sowohl „Highlander“ und „Verliebt in die Braut“ als auch „James Bond“.

Nun schaffen Shuttle-Busse schon lange Touristenhorden zu Panoramablick und Schatzkammerflitter auf den Zoller. Auf ein mögliches Filmtouri-Publikum scheint man nicht angewiesen. In Schraplau werden sie anders denken.

„Fluch der Karibik“-Regisseur Gore Verbinski dreht auf Hohenzollern
Diese liebliche Märchenburg zerfetzt bald Zuschauernerven.

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30.06.2015, 12:00 Uhr

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