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Schauspiel

Flucht aus dem Land der Verdränger

Intendant Armin Petras inszeniert Frank Witzels Roman über die Zeit um 1969. Eine Stuttgarter Premiere.

19.12.2016
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Stuttgart. Schon der Titel dieses 817-Seiten-Wälzers ufert aus. „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ – so heißt Frank Witzels Roman, der den Deutschen Buchpreis 2015 gewann. Stuttgarts Schauspiel-Chef Armin Petras und Dramaturgin Maja Zade haben ihn fürs Theater eingedampft. Im April wurde die Bearbeitung an der Schaubühne Berlin uraufgeführt, jetzt kam die Stuttgarter Premiere in der Spielstätte Nord heraus.

Was sehen wir? 35 Schaufensterpuppen in bunten Sixties-Klamotten (Bühne: Katrin Brack): eine erstarrte Szenerie. Stumm, doch beredt. Blicken wir in eins der Kaufhäuser, an deren Brandstiftung 1968 auch spätere RAF-Gründer beteiligt waren? Vielleicht. Die Puppen zeigen auch den Stillstand der 60er, die Sprachlosigkeit zwischen einer zur NS-Vergangenheit schweigenden Elterngeneration und einer revoltierenden Jugend.

Fünf Schauspieler wirbeln nun durch diese Geisterszenerie, wechseln ständig Rollen und Kostüme, zwischen Erzählung, Spiel und Tanz. Petras streicht lange Philosophie-Exkurse und Musik-Verweise des Romans, konzentriert sich auf das reale Leben und die Fantasien des Ich-Erzählers, eines 13-Jährigen aus der westdeutschen Provinz.

Wir erleben eine Verfolgungsjagd, bei der die Jugendlichen in einem NSU Prinz vor dem Polizei-Käfer fliehen: „mit einer Wasserpistole im Handschuhfach“. Fühlen die restaurative Enge der alten BRD, sehen bei erträumten Banküberfällen zu und dabei, wie der Erzähler in der Psychiatrie landet. Und wir erfahren, warum Fleckenentferner in der Verdränger-Republik BRD einen wahren Boom erlebten.

Eine wilde Revue biographischer, historischer und imaginierter Szenen rauscht da vorüber. Die Akteure streifen sich Nicki-Pullis, Indianerfedern, Pyjamas oder Schupo-Mützen über. Und stellen manche Bild-Ikone von damals nach, etwa die nackten Hintern der Kommune 1.

Dann wieder stoppt Petras diesen Fluxus, schaltet Zwischenspiele ein: bizarre Kampf- und Liebestänze. Viel Kindergeburtstags-Gewusel und Bühnennebel. Hie und da streut Petras Jetztzeit-Elemente ein: Biomüll, Rap und Merkel-Rauten. Und mit dem krachenden Postpunk der Stuttgarter „Nerven“-Band (keine Angst, es gibt Ohrstöpsel) schlägt er vollends eine Brücke ins Heute. Klar, Petras hat schon bessere Arbeiten geliefert. Doch seine Regie hält Mindestniveau: keine Nostalgie-Show, keine falschen 68-er-Klischees. Es gelingt ihm eine unterhaltsame, nachdenklich grundierte Szenen-Collage. Über eine Zeit irgendwann, vor fast 50 Jahren. Otto Paul Burkhardt

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19.12.2016, 06:00 Uhr

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