Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Terror

Flucht endet in Mailand

Anis Amri wird von einem italienischen Polizisten erschossen. Seine Reise durch Europa wirft Fragen auf.

24.12.2016
  • AFP/DPA/GAB

Mailand. Es ist mitten in der Nacht in Sesto San Giovanni. 25 Minuten braucht man von hier aus mit der Metro nach Mailand. Zwei junge Polizisten schieben in der Nähe des Bahnhofs der 80 000-Einwohner-Stadt Wache. Da fällt Luca Scatà und Christian Movio ein Mann auf. Sie fragen ihn nach seinen Papieren. Dann geht alles ganz schnell: Statt eines Ausweises zieht der Mann zunächst deutsches Shampoo und andere Hygieneartikel aus dem Rucksack, dann eine Pistole Kaliber 22, schießt einen Polizisten in die Schulter. Der andere Polizist feuert zweimal zurück und trifft den mutmaßlichen Attentäter von Berlin in den Brustkorb. Anis Amri ist tot.

Shampoo und Pistole

Neben den Hygieneartikeln und mehreren Zugfahrkarten fanden die Ermittler keinerlei schriftliche Dokumente und andere Gegenstände in Amris Rucksack. Die Fahrscheine deuten darauf hin, dass er aus Chambéry in den französischen Alpen zunächst nach Turin gefahren war. Nach einem dreistündigen Aufenthalt nahm er einen weiteren Zug nach Mailand, wo er nachts um ein Uhr ankam. Zwei Stunden später traf er in Sesto San Giovanni auf die Polizeipatrouille.

Die Suche nach dem Terrorverdächtigen ist damit beendet, doch seine Radikalisierung unter den Augen der deutschen Behörden und sein Weg durch Europa lassen viele Fragen offen. Schon in Italien, wohin er im März 2011 gekommen war, um einer Haftstrafe in Tunesien zu entgehen, geriet er schnell mit dem Gesetz in Konflikt: Am 24. Oktober 2011 wurde er zusammen mit drei anderen Tunesiern festgenommen, weil er eine Schule in Brand gesteckt hatte. Ein italienisches Gericht verurteile Amri wegen Brandstiftung, Körperverletzung und Diebstahls zu vier Jahren Haft. Er saß seine Haftstrafe in voller Länge und in mehreren Gefängnissen auf Sizilien ab, wo er sich italienischen Medienberichten zufolge radikalisierte.

Abschiebung scheitert

Im Mai 2015 wurde Amri in ein Abschiebegefängnis auf Sizilien gebracht. Seine Abschiebung scheiterte offenbar jedoch daran, dass Tunesien ihn nicht zurücknehmen wollte. Amri kam aus der Abschiebehaft frei und reiste im Juli 2015 nach Deutschland aus. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Gleichzeitig geriet der junge Tunesier ins Visier der Ermittler. Er wurde von mehreren Sicherheitsbehörden als „Gefährder“ eingestuft, weil er Kontakte zur radikalislamischen Szene unterhielt. Die Überwachung brachte jedoch keine Hinweise, so dass sie im September 2016 eingestellt wurde. Während der Zeit der Observierung fiel Amri offenbar als Kleindealer auf. Seine Abschiebung scheiterte auch in Deutschland an bürokratischen Hindernissen: Amri hatte keine gültigen Ausweispapiere und die Behörden seines Heimatlandes bestritten, dass er Tunesier war. Ein Verfahren zur Ausstellung eines Ersatzpasses zog sich seit August hin. Am Mittwoch übermittelten die tunesischen Behörden die Papiere – zwei Tage nachdem Amri mit einem Lkw in den Berliner Weihnachtsmarkt gerast und dabei zwölf Menschen getötet und fast 50 weitere verletzt haben soll.

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums bestätigte, dass bis November in diesem Jahr 117 Tunesier in ihre Heimat abgeschoben, mehr als sechs Mal so viele wie 2015. Die Zusammenarbeit mit der Regierung in Tunis, so der Sprecher, sei nach dem Besuch von Thomas de Maizière im Frühjahr besser geworden. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte nach ihrem Telefongespräch mit dem tunesischen Staatspräsidenten, die Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber nach Tunesien müssten weiter beschleunigt werden, und es müssten noch mehr Betroffene in ihre Heimat zurückkehren als bisher.Der Sprecher kündigte an, dass der Fall Amri jetzt „mit kühlem Kopf, dem gebotenen Abstand, aber zügig“ aufgearbeitet werde. Man werde „noch einmal jeden Stein umdrehen“, damit mögliche Lücken geschlossen und erwiesene Mängel abgestellt werden könnten. Skeptisch äußerte sich der Sprecher zu einer Verlängerung der Abschiebehaft für abgelehnte Asylbewerber: „Das ist mit der Verfassung wohl nicht vereinbar.“

Die Ermittlungen richten sich nun auf ein mögliches Helfernetzwerk des Tunesiers. Allerdings liefen die Ermittlungen „derzeit nur gegen Unbekannt weiter“, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank gestern. Unterdessen hat das IS-Sprachrohr „Amak“ ein Video veröffentlicht, auf dem angeblich Amri zu sehen ist, der einen Treueid ablegt. gab/gha/afp/dpa

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

24.12.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball