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Korntal-Münchingen

Flüchtlinge direkt neben den Gräbern

Korntal-Münchingen stimmt einer Unterkunft mit einer klaren Mehrheit zu. Dennoch wird der Neubau überdacht.

18.10.2016
  • HANS GEORG FRANK

Korntal-Münchingen. Klares Ergebnis: Bei einem Bürgerentscheid in Korntal-Münchingen (Kreis Ludwigsburg) befürworteten 63 Prozent den Bau von Unterkünften für 45 Flüchtlinge. An der Abstimmung beteiligten sich 43 Prozent der Wahlberechtigten. Für Bürgermeister Joachim Wolf nennt die Entscheidung „erfreulich“.

Der Standort verhilft dem Vorhaben zum überregional beachteten Politikum. Das Grundstück grenzt auf drei Seiten an den Friedhof im Stadtteil Korntal. Es liegt in einer ruhigen, von Maklern als „hochwertig“ beworbenen Wohngegend mit stattlichen Eigenheimen und gepflegten Gärten. Selbst Ortsfremden kommt nicht sofort in den Sinn, auf dem verwahrlosten Areal eine Heimat auf Zeit für Flüchtlinge zu schaffen.

Nicht einmal eine konfliktarme Bebauung ist vorstellbar. Der etwa 20 Meter lange Streifen scheint für eine Erweiterung des Friedhofs reserviert zu sein. Gräber grenzen direkt an. An einem Eingang mahnt Psalm 90: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Wenige Meter entfernt steht am Kriegerdenkmal: „62 000 000 Menschen starben weltweit als Soldaten und Zivilisten im 2. Weltkrieg. 6 500 000 Menschen wurden vom nationalsozialistischen Regime umgebracht.“

Sorgen um Totenruhe

Diese Umgebung hielten Gegner des Projekts für pietätlos. Sie sammelten 1200 Unterschriften für ein Bürgerbegehren, nachdem sie darauf hingewiesen hatten, dass Flüchtlinge auch Totenruhe oder Beerdigungen stören könnten. Der Gemeinderat respektierte das Ansinnen und setzte den Bürgerentscheid fest. Dabei war nicht vergessen worden, mehrfach die Alternativlosigkeit der Standortwahl hervorzuheben.

In der Gesamtgemeinde mit über 19 000 Einwohnern schloss sich die Mehrheit nicht dem Korntaler Widerstand an. Aber die Ablehnung fiel in der Nähe des Bauplatzes sehr deutlich aus: 285 der Anlieger sind gegen das Vorhaben, 168 für die Errichtung der 15 Wohneinheiten im Container-Stil. In Korntal war die Beteiligung mit 60 Prozent auch am höchsten. Der Ort wurde 1819 von der Evangelischen Brüdergemeinde als religiöses Gemeinwesen gegründet.

Bürgermeister Wolf, seit gut neun Jahren im Amt, stimmte das Ergebnis des Bürgerentscheids auch nachdenklich. Kurz nach Bekanntgabe des Ergebnisses am Sonntagabend deutete er an, dass die Baupläne „überarbeitet“ werden könnten. Die Gegner des Projekts interpretierten die Aussage so, dass wohl eine Verkleinerung gemeint sein könnte. Wolf jedenfalls will eine Lösung finden, mit der alle Bürger leben können: „Es soll wieder Frieden in der Stadt einkehren.“

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18.10.2016, 06:00 Uhr

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