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Ein Quadrat und die Folgen

Fondation Beyeler verbindet "Auf der Suche nach 0,10" mit "Black Sun"

Selbstbewusst und zerstritten mischte eine Gruppe russischer Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kunstwelt auf. Wie und inwiefern Malewitschs Ideen bis heute nachwirken, ist in Riehen nachzuvollziehen.

07.11.2015
  • CLAUDIA REICHERTER

Riehen Kreuz, Quadrat, Kreis. Schwarz auf Weiß. Das Viereck ist dabei nicht ganz quadratisch; der Kreis heißt "Ebene in Rotation" und rotiert abseits der Bildmitte. Damit liefert Kasimir Malewitsch die Steilvorlage für das oft - nicht unbedingt boshaft, sondern vielmehr ratlos - angesichts Moderner Kunst geäußerte Argument: "Das kann doch jedes Kind. Was soll daran Kunst sein?". Dennoch und deshalb gilt der als Sohn polnischer Eltern 1878 im heute ukrainischen Kiew geborene, später in Kursk und Moskau lebende und 1935 in Leningrad an Krebs verstorbene Begründer des Suprematismus neben Pablo Picasso als der Künstler schlechthin, der die Moderne in der Malerei eingeleitet hat. Nicht zuletzt mit seiner Gruppenausstellung "Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei 0,10", die vor 100 Jahren in einer Privatgalerie im damaligen Petrograd - heute St. Petersburg - zu sehen war.

Von den rund 150 Werken von 14 seiner Zeitgenossen ist heute nur noch ein Drittel erhalten. Für die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel hat der New Yorker Kurator Matthew Drutt die erhaltenen Arbeiten jetzt erstmals wieder zusammengetragen. Und zu "Auf der Suche nach 0,10 - Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei" um Werke derselben Künstler aus demselben Zeitraum ergänzt. So soll die energiegeladene Atmosphäre des künstlerischen Aufbruchs im Winter 1915/16 nachvollziehbar werden. Mit der parallel dazu gezeigten Schau "Black Sun" arbeitet die Fondation zugleich die enorme Auswirkung Malewitschs und seiner russischen Avantgarde-Kollegen wie etwa Wladimir Tatlin (1885-1953) auf das heutige Kunstschaffen heraus.

Beide Ausstellungen sind höchst interessant und verdienstvoll - auch wenn sich die Besucherströme angesichts der intellektuell anspruchsvollen Sujets im Vergleich zu jüngst gezeigten Blockbustern wie Paul Gauguin (370 000 Besucher) im bestbesuchten Kunstmuseum der Schweiz in Grenzen halten dürften. Das wäre allerdings schade. Denn die bereits im vergangenen Jahr mit "Die Welt als Ungegenständlichkeit" im Basler Kunstmuseum begonnene und in Europa abgesehen von Amsterdam seltene Auseinandersetzung mit Malewitsch lohnt sich. Die Geschichte seiner provokativen, richtungsweisenden Schau ist bei Beyeler zudem so unterhaltsam aufgeräumt wie in Bezug auf ein nicht ganz leicht zugängliches Thema nur möglich.

Über Texttafeln werden mannigfaltige Zickereien innerhalb der heterogenen Gruppe deutlich. Angefangen damit, dass Tatlin seinen Freund Malewitsch von einer Ausstellung einige Jahre zuvor ausgeschlossen hatte, bis dahin, dass er auf dessen "0,10"-Schau erst eine Stunde vor Beginn erschien und während der Eröffnung hörbar seine abstrakten Reliefkombinationen an die Wand nagelte.

Der zunächst von Impressionismus und russischer Ikonenmalerei beeinflusste Malewitsch beschrieb seine suprematistische Doktrin, die den Futurismus ablösen sollte, im 1927 in der Reihe der Bauhausbücher auf Deutsch erschienenen "Die Welt als Ungegenständlichkeit": Sie sollte den Künstler vom Zwang der Abbildung befreien, die Kunst vollends zum Selbstzweck erheben. Die Malerei sollte die "absolute Schöpfung" sein, ihre Gegenstände "nichts mehr mit der Natur gemein haben", schrieb er schon 1916. Das erlaube es dem Künstler, die reine Empfindung darzustellen.

Der Kubus wird zum Maß aller Dinge - sich drehend zweidimensional zum Kreis und dreidimensional zur Kugel. Mehrere Vierecke aneinandergefügt ergeben immer neue Formen. So ist sein "Schwarzes Quadrat", das in der revolutionären "0,10"-Ausstellung von 19. Dezember 1915 bis 19. Januar 1916 - für gläubige Christen wie konventionelle Ausstellungsmacher gleichsam provozierend - über Eck im Herrgottswinkel hing, bis heute die Ikone der Moderne schlechthin.

Auf dieses Viereck bezieht sich die Farbfeldmalerei ebenso wie die Minimal Art und die Konzeptkunst. Beispielhaft vereint "Black Sun" 36 Maler, Bildhauer, Installationskünstler und Filmschaffende: Mark Rothko, Rosemarie Trockel, Jenny Holzer, dazu Sigmar Polkes "Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!", Lichtkünstler Dan Flavin, Richard Serra bis hin zu Damien Hirst. Der hat in Hommage an Malewitsch dessen Kreis, pardon, rotierende Ebene, mittels toter Fliegen und Harz neu interpretiert.

Fondation Beyeler verbindet "Auf der Suche nach 0,10" mit "Black Sun"
Drei Ikonen der Modernen Kunst in einer Reihe: Kasimir Malewitschs suprematistisches Triptychon besteht aus "Schwarzes Kreuz", "Schwarzes Quadrat" und "Ebene in Rotation". Es steht im Zentrum der Ausstellung "Auf der Suche nach 0,10 - Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei" in Riehen bei Basel. Foto: Mark Niedermann

Fondation Beyeler verbindet "Auf der Suche nach 0,10" mit "Black Sun"
Richard Serras "Cheever" (2009) aus der Sammlung Richard Serra und Clara Weyergraf-Serra ist das Schlüsselwerk der Schau "Black Sun". Foto: Rob McKeever, © 2015 ProLitteris, Zürich

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07.11.2015, 12:00 Uhr

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