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Forscher Jung bescheinigt Spitzenkandidat Wolf einen katastrophalen Wahlkampf
Vernichtende Analyse

Forscher Jung bescheinigt Spitzenkandidat Wolf einen katastrophalen Wahlkampf

Der Wahlforscher Jung lässt kein gutes Haar am Wahlkampf der CDU und an ihrem Spitzenkandidaten Wolf. Insgesamt bescheinigt er der Partei ein grundlegendes Modernisierungsproblem.

09.04.2016
  • ROLAND MUSCHEL

Mannheim. Matthias Jung, Leiter der renommierten Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen, hat viele Zahlen mitgebracht, zu Beliebtheitswerten, Wählerbewegungen, Kompetenzzumessungen. Alles Daten, die den Zuhörern wehtun müssen. Aber noch schmerzlicher sind die Botschaften, die Jung den CDU-Mitgliedern präsentiert. „Der größte Irrtum ist, den Stammtisch für den Querschnitt der Bevölkerung zu halten“, sagt Jung, und dass die Südwest-CDU ein erhebliches „Modernisierungsproblem“ habe.

Mannheim, Donnerstagabend. Der CDU-Bezirksverband Nordbaden hat seine Mandats- und Funktionsträger eingeladen, um die Wahlniederlage aufzuarbeiten. Es ist die erste Veranstaltung dieser Art, die anderen Bezirke wollen nachziehen. Er habe nicht den Eindruck, dass schon alle die Tragweite des Ergebnisses begriffen hätten, denn normalerweise habe so etwas „andere Konsequenzen“, beginnt Jung mit einer Spitze gegen CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf. Ein Minus von zwölf Prozentpunkten habe die CDU unter ähnlichen Rahmenbedingungen bei den parallel abgehaltenen Landtagswahlen weder in Rheinland-Pfalz noch in Sachsen-Anhalt eingefahren, „das gab s allein in Baden-Württemberg“.

Jung kreidet Wolf vor allem dessen Absetzbewegung von der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin Angela Merkel (CDU) an: „Es gab bei rationaler Betrachtung der Lage keinen Grund, sich im Wahlkampf von seiner Bundesvorsitzenden zu distanzieren.“ Das habe der Südwest-CDU „das Genick gebrochen“.

Seine These unterfüttert der Wahlforscher mit Erhebungen der Forschungsgruppe. Danach glaubten 44 Prozent der Baden-Württemberger eine Woche vor der Wahl, dass Wolf von Merkels Flüchtlingspolitik abgerückt sei. 62 Prozent davon hielten das für falsch, bei den CDU-Anhängern sogar 64 Prozent. Denn eine noch größere Mehrheit bejahte die Aussage, dass die Kanzlerin ihre Sache auf diesem Gebiet gut mache. Dass der rheinland-pfälzischen CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner der Merkel-kritische Vorstoß weniger geschadet habe als Wolf, liege an deren besserem Standig. Dass bei einer Direktwahl des Ministerpräsidenten 66 Prozent für den grünen Amtsinhaber Winfried Kretschmann, aber nur 17 Prozent für Wolf gestimmt hätten, sei bezeichnend. So starke Differenzen habe er als Wahlforscher bisher nur einmal in Hamburg festgestellt. „Aber da ist mir der Name des CDU-Kandidaten schon entfallen.“

Als „Gipfel“ von Wolfs Fehlleistungen interpretiert Jung dessen Auftritt am Wahlabend. Nur 23 Prozent der Bürger könnten sich überhaupt für eine schwarz-rot-gelbe Koalition erwärmen. Wenn sich der CDU-Spitzenkandidat dann nach so einem Ergebnis hinstelle und postuliere, dass er eine solche Regierung anführen wolle, dann sage der Wähler: „Ja, es stimmt, wie ich den bewertet habe: nämlich als opportunistisch und rein machtorientiert.“

Es ist der Teil der Analyse, bei dem die CDU-Basis in Nordbaden applaudiert. Der das Selbstverständnis des gesamten Landesverbandes betreffende Teil wird dagegen von mehreren Zuhörern kritisch hinterfragt. Jung attestiert der Südwest-CDU erhebliche Modernisierungsprobleme. Den Befund macht er daran fest, dass die Partei bei der Landtagswahl in der wichtigsten Wählergruppe der Generation 60 plus die größten Verluste erlitten hat. Wenn „den Alten der Kragen platzt“, sei das fatal. In der Altersgruppe 60 plus, die immer Machtbasis der CDU gewesen sei, hätten die Grünen überdurchschnittlich hinzugewonnen - die AfD indes weit unterdurchschnittlich. Die „Hauptbedrohung“ für die CDU sei, dass sich die Grünen als „große bürgerliche Kraft der Mitte“ etablierten. „Da brennt s - nicht bei der AfD.“ Die Südwest-CDU müsse daher aufhören, sich von der als moderner empfundenen Bundes-CDU abzugrenzen.

Er nehme von dem Vortrag mit, dass „der Spitzenkandidat nicht den Effekt hatte, den wir uns erhofft hatten“ und dass sich die CDU wieder mehr der Mitte zuwenden müssen, sagt hinterher Bezirkschef Peter Hauk, den Wolf Anfang 2015 aus dem Amt des Fraktionsvorsitzenden gedrängt hatte. Mehrere Ortsverbände, berichtet Hauk, hätten für den Fall, dass Wolf nun Vize-Ministerpräsident in einer grün-schwarzen Regierung werden sollte, „mit Aufstand gedroht“.

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09.04.2016, 06:00 Uhr

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