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Strukturpolitik

„Fortschritt ist die tragende Säule“

Neue Risiken, neue Industrien, neue Jobs. Die Wirtschaft steht vor großen Aufgaben, sagt Wilhelm Bauer. Der Technologiebeauftragte der Landesregierung soll helfen, sie zu bewältigen.

10.04.2017
  • AXEL HABERMEHL

Stuttgart. Vor knapp fünf Monaten hat die baden-württembergische Landesregierung Wilhelm Bauer zu ihrem Technologiebeauftragten bestellt. Höchste Zeit für ein Gespräch am Stuttgarter Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, das Bauer leitet.

Herr Bauer, ist technischer Fortschritt etwas Gutes?

Wilhelm Bauer: Auf jeden Fall. Die Entwicklung unseres Lebensstandards bis heute hat viel mit technischem Fortschritt zu tun: in der Versorgung der Menschen, im Gesundheitswesen und in vielen anderen Bereichen. Technischer Fortschritt ist die tragende Säule für das Wohlergehen der Menschen.

Warum reden dann alle von Disruption und fürchten Umwälzungen mit gravierenden Folgen?

In jeder Veränderung liegen Chancen und Gefahren. Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, zuerst die Gefahren zu betrachten und darauf emotional zu reagieren. Wenn man bewusst nachdenkt und Chancen und Gefahren abwägt, stellt man oft fest, dass die Chancen überwiegen.

Um welche Risiken geht es für Baden-Württemberg?

Wir sind Innovationsführer. Baden-Württemberg hat in Europa den höchsten Anteil an Ausgaben für Forschung und Entwicklung: 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – absolute Spitze. Aber in der Innovationsdynamik sind wir nicht spitze, sondern haben uns im Vergleich mit anderen verschlechtert. Es besteht die Gefahr, dass andere näher kommen.

Was heißt das konkret?

Wir sehen, dass Großunternehmen und der gehobene Mittelstand viel in technischen Fortschritt investieren können: in Digitalisierung, Industrie 4.0 oder Elektroantriebe, um nur einige Bereiche zu nennen. Der Mittelstand insgesamt, der in Baden-Württemberg sehr viele Menschen beschäftigt, und kleinere Unternehmen haben hier aber noch Zugangshemmnisse. Darin könnte eine Gefahr für unser Land liegen.

Warum ist der Mittelstand so träge?

Ich sehe zwei wesentliche Gründe. Die Auftragslage ist gerade sehr gut, und wenn ein Unternehmer zwei Dinge auf dem Schreibtisch hat, nämlich ein volles Auftragsbuch und den Plan, sich mit Digitalisierung zu beschäftigen, ist er nicht schlecht beraten, erst mal seine Aufträge abzuarbeiten. Der andere Grund liegt in den angeführten Zugangshemmnissen zu diesem Thema, da viele Unternehmen aus ganz anderen Bereichen kommen.

Was also ist zu tun?

Erstmal muss man ein Bewusstsein schaffen, also kleinen und mittleren Unternehmen klarmachen, dass sich viel verändert und sie sich damit beschäftigen sollten. Dann müssen sie Kompetenzen aufbauen, das hat viel mit der Rekrutierung von Mitarbeitern und Weiterbildung zu tun, da sehe ich großen Handlungsbedarf. Drittens muss man den Unternehmen empfehlen, mit Partnern zusammenzuarbeiten. Sie müssen nicht alles selbst machen.

Was sind dabei Ihre Aufgaben als Technologiebeauftragter?

Ich soll die Landesregierung beraten, was sie tun kann, um die Technologieführerschaft und Innovationsstärke der Unternehmen im Land zu fördern. Es gibt ja eine Reihe von Möglichkeiten: Beratung, Coaching, Förderung. Aber die geplanten Formate sind noch in der Endabstimmung.

Baden-Württemberg ist Autoland. Aber beim Thema Elektroantrieb gehen andere voran. Die Deutsche Post baut selbst E-Transporter und auf der Cebit wurde ein E-Kleinwagen vorgestellt, der Endkunden nur 12 000 EUR kosten soll. Wo ist das günstige Elektroauto aus Baden-Württemberg?

Das gibt es noch nicht, und ob die von Ihnen genannten Beispiele am Ende wirtschaftlich erfolgreich sind, weiß man auch nicht.

Denken Sie nicht, dass der Elektroantrieb sich durchsetzt?

Das muss man abwarten. Man sollte allen Technologien gegenüber offen sein. Das Thema Mobilität steht vor einem großen Wandel. Es betrifft alle beteiligten Industrien und Unternehmen. Die Digitalisierung löst Veränderungen aus, es entstehen neue Mobilitätssysteme und -plattformen. Hier sind die Unternehmen im Land sehr gut aufgestellt. Der zweite große Wandel ist der Übergang zu neuen Antriebsformen, ob E-Motor, Hybrid oder Brennstoffzelle. Da hat die deutsche Industrie vielleicht ein bisschen gezögert, aber inzwischen ist sie ganz gut unterwegs. Fakt ist: Deutschland baut die besten Autos. Egal, wohin ich reise, überall wollen die Leute Mercedes oder Audi fahren.

Aber andere holen auf.

Vielleicht, aber die treibenden Kräfte sind die etablierten Unternehmen. Diese Startup-getriebenen Entwicklungen sind spannend und reizen sicher auch die Etablierten, aber ich glaube nicht, dass deren Produkte so einfach und schnell ersetzt werden.

Seien Sie doch mal Prophet: Wie lange fahren auf unseren Straßen noch Autos mit Verbrennungsmotor?

Das ist Kaffeesatzleserei. Am Ende entscheiden die Kunden. Ich gehe davon aus, dass wir selbst in 20 Jahren noch bestimmte Verbrennungs-Fahrzeuge haben. Aber in 50 Jahren fahren wir vielleicht alle elektrisch. Bestimmt werden Autos, die vor allem im urbanen Raum genutzt werden, schneller elektrifiziert. Aber der Verbrennungsmotor ist noch lange nicht obsolet.

Was bedeutet dieser Wandel für die Industrie?

Viele Branchen, Tätigkeiten und Qualifikationen werden dann nicht mehr so benötigt wie heute. Aber das neue Mobilitätssystem besteht nicht mehr primär aus einem Fahrzeug, sondern aus vielen anderen Wertschöpfungsbestandteilen: Plattformen, Software, intelligente Parkhäuser. Dazu gehören viele neue Aufgaben und Dienstleistungen. Wenn wir in Baden-Württemberg dieses neue Mobilitätssystem aufbauen, entstehen neue Jobs.

Aber andere Jobs als heute.

Ja, diese Tätigkeiten fordern viel mehr digitale Kompetenzen. Wir brauchen mehr Datenspezialisten, Informatiker und Entwickler. Dagegen wird es weniger ums Drehen, Fräsen, Schleifen gehen. Wenn ein Motor aus weniger Teilen besteht, braucht man weniger Menschen, die sie zusammenschrauben. Aber vor allem verändern sich die Tätigkeiten.

Gibt es dann künftig nur noch Arbeitsplätze für Kreative und für Hochqualifizierte?

Das können auch Facharbeiter-Jobs sein. Solche Veränderungen gab es auch in den letzten Jahrzehnten. Heute ist der Mechatroniker einer der häufigsten Ausbildungsgänge, vorher gab es den Mechaniker. Mit entscheidend wird sein, wie Unternehmen ihre Beschäftigten weiterbilden. Es muss nicht jeder Informatik studieren, aber jeder muss sich in dieser Welt bewegen können.

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10.04.2017, 06:00 Uhr

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