Stuttgart 21 scheint gerettet

Fragen und Antworten zum Tiefbahnhof und zur Neubaustrecke

Die Nachricht ist eindeutig. Der Bund will das Bahnprojekt S 21 durchziehen. Dazu sollen zwei Milliarden Euro mehr aus Berlin nach Stuttgart fließen. Bei der Demo am Samstag ist verschärfter Widerstand zu erwarten.

22.02.2013

Von WOLFGANG RISCH

Stuttgart "Endstation Stuttgart 21 - bitte alle aussteigen" ist das Motto der Kundgebung und des Demonstrationszuges, zu dem das Aktionsbündnis gegen S 21 morgen, Samstag, mehrere tausend Teilnehmer in der Landeshauptstadt erwartet. Nach den jüngsten Informationen, dass der Bund an dem umstrittenen Projekt festhalten und bis zu zwei Milliarden Euro Mehrkosten übernehmen wolle, ist ein weiter verschärfter Widerstand zu erwarten. Aber ginge der denn so einfach, der Ausstieg aus dem Projekt? Und wenn ja, zu welchem Preis? Und was wäre nötig, um den Hauptbahnhof an die Schnellbahnstrecke Wendlingen-Ulm anzubinden? Die Gegner des Tiefbahnhofs nennen den "Kopfbahnhof 21" gar "die bessere Alternative".

Könnte das "Konzept Kopfbahnhof 21" das Projekt "Stuttgart 21" ersetzen? Gegenwärtig eindeutig nein, weil das "Konzept Kopfbahnhof 21" zwar als Denkmodell in den Diskussionen auftaucht, aber nicht wirklich gerechnet wurde. Kenner der Materie gehen auch nicht davon aus, dass die Stuttgart-21-Gegner die Möglichkeiten haben, diese - im Prinzip wohl denkbare - Alternative zu S 21 in allen Details durchzurechnen. Die Aussage, "die Kosten für die Modernisierung des Kopfbahnhofs liegen deutlich unter den Baukosten von Stuttgart 21" könnte also wohl zutreffen, ist aber nicht belegt. Zumal der Vergleich hinkt: Das Aktionsbündnis rechnet die Kosten für die Modernisierung des bestehenden Bahnhofs gegen gleich drei Bahnhöfe auf: Den Tiefbahnhof, den S-Bahnhof Mittnachtstraße und den ICE-Filderbahnhof beim Flughafen. Letzterer ist aber ein Teil des Projekts S 21. Darf also die Anbindung des Flughafens, der gegenwärtig nur mit S-Bahnen erreichbar ist, ans Fern- und Regionalbahnnetz herausgerechnet werden, um auf einen günstigeren Preis für "K 21" zu kommen? Denn nicht nur die Stuttgarter, auch die Bewohner weiter Teile des Landes werden den Landesflughafen erheblich schneller erreichen. Und bei "K 21" müsste eine weitere Brücke über den Neckar gebaut werden samt Ausbau der Gleise im Neckartal, um einen Anschluss an die Schnellbahntrasse zu erhalten.

Und der S-Bahnhof Mittnachtstraße? 60 Hektar des durch den Tiefbahnhof frei werdenden Geländes sollen neu bebaut werden, insgesamt wird das Rosensteinviertel 170 Hektar überdecken. Der S-Bahnhof Mittnachtstraße wird dieses Quartier an den öffentlichen Personen-Nahverkehr anbinden und zudem Pendlern von Feuerbach/Zuffenhausen in die Neckarvororte den Weg über den Hauptbahnhof ersparen, wo diese bisher umsteigen müssen. Die Bahn hat 13 000 Pendler gezählt, die diese Strecke täglich benutzen. Auch das Aktionsbündnis sieht die Möglichkeiten einer Erweiterung des Rosensteinviertels - "Auch bei dieser Alternative stehen bisherige Bahnflächen dem Städtebau zur Verfügung" - die Geleise zerschnitten aber nach wie vor ein Stadtgebiet, das eine homogene Einheit werden könnte. Und der Bahnhof Mittnachtstraße, davon gehen Verkehrsplaner aus, könnte zur Entlastung des chronisch verstopften Pragsattels beitragen, wenn wegen der kürzeren Fahrzeit noch einige tausend Pendler vom Auto auf die S-Bahn umstiegen.

Die Gegner des Tiefbahnhofs werfen der Bahn "mangelnde Transparenz" vor, vor allem bei den Kosten. Sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann haben die Bahn aufgefordert, die Finanzplanung für Stuttgart 21 offenzulegen. Merkel steht zwar nach wie vor zu dem Projekt, "weitere Kostenüberraschungen darf es da nicht geben", sagte ihr Regierungssprecher Steffen Seibert am Dienstag. Tatsächlich behauptete die Bahn im Jahr 2005, "Stuttgart 21 zählt heute zu den am besten in großer Planungstiefe vorbereiteten Projekten". Dies haben die Tiefbahnhofgegner akribisch dokumentiert. Hat die Bahn nur geschlampt oder bewusst die wahren Kosten verschleiert? Und wie ist es mit der Transparenz auf der Gegenseite? Da haben "engagierte Bürger" ein Gutachten in Auftrag gegeben und mit Spenden finanziert, das dann - kaum erstaunlich - die Überlegenheit des Kopfbahnhofes dokumentiert. Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner erklärt: "Jeder in der Politik weiß, dass sich die Kosten von Bauvorhaben in zehn Jahren verdoppeln." Der Bahn-Aufsichtsrat muss, das ist ein absolutes Novum, in der Sitzung vom 5. März nicht über anfallende Kosten, sondern über eine Kostenprognose abstimmen. Und Gönner sagt: "Es geht hier nur um einen Bahnhof."

Rohre des Grundwassermanagements an der Südseite des Stuttgarter Hauptbahnhofs: Das "Konzept Kopfbahnhof 21" geistert als Denkmodell durch die Diskussionen, wurde aber nie wirklich gerechnet. Foto: dpa

Zum Artikel

Erstellt:
22. Februar 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Februar 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2013, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen