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Leitartikel Documenta

Fragwürdiger Versuch

Man kennt das aus dem richtigen Leben: Mit guten Absichten sollte man besonders vorsichtig sein, denn der beste Wille kann zur größten Kränkung für das Gegenüber werden. Insofern ist das Projekt der Documenta 14 zwar ambitioniert, aber auch heikel.

08.04.2017
  • LENA GRUNDHUBER

Ulm. Erstmals findet die weltweit wichtigste Schau für zeitgenössische Kunst nicht nur in Kassel statt, sondern auch in Athen. Ein Ausstellungsformat aus dem reichen Deutschland wird ins gebeutelte Südeuropa exportiert – aus dem Land der finanzpolitischen Zuchtmeister in eine Region, die seit zehn Jahren unter den Folgen der Finanzkrise leidet.

Das Gerede von Griechenland als strukturell schwachem Land, das zu „disziplinieren“ sei, das seine „Hausaufgaben“ erledigen müsse, habe ihn zunehmend aufgeregt, sagt Documenta-Chef Adam Szymczyk. Man habe eine Dringlichkeit verspürt wie zu Zeiten der Gründungs-Documenta 1955 in der deutschen Nachkriegszeit, hieß es bei der Eröffnungspressekonferenz.Es gelte jetzt zu handeln, um der Gegenreform entgegenzutreten.

Die Ausrichtung ist eine dezidiert kritische, dafür steht schon der Arbeitstitel. „Von Athen lernen“ – das ist eine Aufforderung, Klischees auf den Kopf zu stellen, den Kapitalismus als Wirtschaftsordnung und Lebensform zu hinterfragen. Die Entscheidung für Athen war zunächst einmal eine Geste der Solidarität und ein wichtiges Bekenntnis zum Internationalismus.

In der Theorie. Die Realität von Athen steht als Graffito an der Hauswand geschrieben: „Liebe documenta, ich weigere mich, mich exotisieren zu lassen, um dein kulturelles Kapital zu steigern.“ Der Vorwurf ist so hart wie deutlich: Dass da eine elitäre Kuratorenclique eingeschwebt kommt, um hinter der Maske des Rebellenturms doch nur die Interessen des globalisierten Kunstmarktes zu bedienen. Dass Athen nur als Spielplatz dient, um aus einer sicheren Position heraus den intellektuellen Aufstand auszuprobieren. Dass die Stadt als Kulisse missbraucht wird, dass die Formel vom „South as a State of Mind“ nur eine verführerische Metapher ist. Wieso sollte sich ein Land mit 23 Prozent Arbeitslosigkeit theoretische Ausführungen über die Armut anhören? Warum muss man sich von ausländischen Künstlern in den Dialog mit Flüchtlingen bringen lassen, den man seit Jahren weitgehend alleingelassen praktiziert?

Mag sein, in dieser Kritik schwingt die Gekränktheit der lokalen Szene mit, nicht genügend einbezogen worden zu sein. Doch wer mit soviel Anspruch auftritt, wer schon in der Wahl der künstlerischen Mittel Partizipation und Interaktion verspricht, der wird daran gemessen.

Es ist noch zu früh, um ein Urteil abzugeben. Denn manches Projekt könnte das Potenzial entwickeln, in ein echtes Gespräch mit der Stadt und ihren Bewohnern einzutreten. Einige Initiativen könnten vielleicht auch über den Ausstellungszeitraum hinaus Wirkung entfalten. Und dann wäre dieser Documenta wirklich etwas gelungen: nicht nur die nationalen Grenzen zu überwinden, sondern letztlich auch sich selbst.

leitartikel@swp.de

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08.04.2017, 06:00 Uhr

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