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Frankreich muss zittern
GRAFIK Foto: Quelle: dpa
Präsidentenwahl

Frankreich muss zittern

Zwei Urnengänge, so viele Unbekannte wie noch nie: Alles ist möglich. Auch das Schreckensszenario, dass am Ende in der Stichwahl zwei EU-Gegner antreten.

21.04.2017
  • PETER HEUSCH

Berlin. Es wäre schön, wenn man sich wenigstens ein wenig der Vorfreude hingeben dürfte. Ausgerechnet Emmanuel Macron, dem jüngsten, optimistischsten, ausgewogensten und europafreundlichsten aller Bewerber um die französische Präsidentschaft sagen die Umfragen einen strahlenden Sieg voraus. Doch leider haben Donald Trumps überraschender Durchmarsch bei der US-Wahl und die unerwartete Absage der Briten an die EU gezeigt, dass Meinungsforscher zuweilen gründlich daneben liegen.

Es kommt hinzu, dass das französische Wahlsystem seine Tücken hat. Das Rennen um den Élysée-Palast nämlich wird über zwei Runden gehen. Da keiner der insgesamt elf Kandidaten Aussicht hat, bereits im ersten Urnengang am 23. April eine absolute Mehrheit zu erringen, wird es am 7. Mai zwangsläufig zu einem Stechen zwischen jenen beiden Anwärtern kommen, auf die die meisten der abgegebenen Stimmen entfallen sind.

Wenn – und nur wenn – dem linksliberalen Jungstar Macron an diesem Sonntagabend den Sprung in den Stichwahlgang gelingt, könnte von einer Vorentscheidung gesprochen werden. Im direkten Duell würde er laut den in diesem Fall eindeutigen Prognosen jeden seiner Konkurrenten deutlich schlagen. Aber Vorsicht: Neben Macron haben mit der Rechtsextremistin Marine Le Pen, dem Konservativen François Fillon und dem Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon noch drei weitere Bewerber nicht zu unterschätzende Chancen, sich für die zweite Runde zu qualifizieren.

In den drei jüngsten Umfragen für den ersten Wahlgang hat Macron die Nase mit 24 Prozent zwar noch knapp vorne. Doch Le Pen liegt nur einen Punkt hinter ihm und auch Fillon sowie Mélenchon bleiben mit annähernd 20 Prozent auf Schlagdistanz. Vor diesem Hintergrund würde schon allein die von den Meinungsforschungsinstituten eingeräumte Fehlerquote von zwei Prozent eine wahre Zitterpartie andeuten. Da jedoch ein gutes Drittel der Franzosen immer noch unentschlossen ist und zudem eine ungewöhnlich hohe Enthaltungsquote von 30 Prozent befürchtet wird, halten zahlreiche Beobachter diese Fehlerquote für „sehr optimistisch“.

Enthaltung auf Rekordhoch

„Jede Konfiguration bleibt denkbar“, gibt der Politologe und Meinungsforscher Bruno Cautrès zu: „Viele Wähler dürften sich erst in der allerletzten Minute entscheiden, wenn sie die Stimmzettel schon in der Hand halten.“ Zu den ohnehin zahlreichen Unbekannten zählen dabei auch die Folgen des dramatischen Absturzes des Sozialisten Benôit Hamon auf kümmerliche acht Prozent. Dass Hamon mit dem Ausgang der Wahl nichts mehr zu tun hat, steht fest. Doch die Antwort auf die Frage, ob die sich von ihm abwendenden Linkswähler am Ende Mélenchon oder Macron unterstützen werden, könnte sich durchaus als Zünglein an der Waage entpuppen.

Auch von den verbleibenden sechs Kandidaten – krasse Außenseiter, zu denen etwa zwei Trotzkisten und zwei Souveränisten zählen – wird nach dem 23. April kein Hahn mehr krähen. Aber selbst wenn jeder von ihnen nur ein Prozent der Stimmen auf sich zieht, kann das bei einer hohen Wahlenthaltung unabsehbare Konsequenzen haben. Bei der Präsidentschaftswahl 2002, die von der bisherigen Rekordenthaltung von 28 Prozent überschattet war, stolperte der als haushoher Favorit geltende Sozialist Lionel Jospin über die Vielzahl linker Mitbewerber. Der Front-National-Gründer Jean-Marie Le Pen zog damals an seiner Stelle in die Stichwahl ein.

Ein Szenario, das der Politologe Pascal Perrineau im Kopf hat, wenn er warnt: „Alles bleibt denkbar.“ Das schließt auch das Schreckensszenario eines Stichwahlduells zwischen den Europagegnern Le Pen und Mélenchon mit ein, die Frankreich aus der EU führen wollen und das Land mit ihren unorthodoxen Programmen wirtschaftlich geradewegs gegen die Wand zu fahren drohen.

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21.04.2017, 06:00 Uhr

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