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Vom Motorrad abgeschleppt

Franz Grasses erstes Auto war ein Goggomobil

Der Dußlinger Maschinenbauingenieur Franz Grasse hat im Laufe seines Lebens viele Autos gefahren. Seine ersten Er-„fahrungen“ machte er jedoch in einem Kleinstwagen namens Goggomobil.

09.09.2011
  • Ulrich Eisele

Dußlingen. Franz Grasse, Jahrgang 1924, kommt aus Schlesien. Den Motorradführerschein erwarb er noch bei der Motor-Hitlerjugend. Nach Krieg und Gefangenschaft zog es ihn nach Coburg, später nach Tübingen, wo er eine Stelle als Maschinenbaukonstrukteur bei Wurster & Dietz in Derendingen fand.

1958 hatte er genügend Geld gespart, um sich ein Auto zu kaufen. Ein gebrauchtes, für mehr reichten seine Ersparnisse nicht. Doch für welchen Typ sollte er sich entscheiden? Um ein „richtiges“ Auto wie den VW Käfer, Opel oder Ford zu chauffieren, hätte er einen Autoführerschein der Klasse „drei“ benötigt, und dann hätte er sein ganzes Geld für den Fahrlehrer ausgeben müssen.

Für die Führerschein „vier“-Besitzer gab es damals nur eine Möglichkeit: Kleinstwagen mit weniger als 250 Kubikzentimetern Hubraum wie den Messerschmitt-Kabinenroller, die Isetta oder eben das Goggomobil, im Volksmund „Goggo“ genannt. Fürs letztere entschied sich Franz Grasse, da er damals schon Familie und das Goggo als einziges unter den „Rollermobilen“ vier Sitzplätze hatte.

„Es hatte vorne eine Motorhaube“, erinnert er sich in seinen Memoiren, „obwohl da gar kein Motor drin war. Es hatte in der Mitte einen Fahrgastraum mit zwei Türen und schließlich hinten einen Kofferraum, in welchen gar kein Koffer hineinging, weil dort nämlich schon der Motor drin war. Die vordere Haube diente zum Unterbringen der Beine, und ganz vorn in diesem vorderen Raum stand das Reserverad, so als wollte es als Puffer dienen, falls das Blech von vorn eingedrückt würde.“

Von einem Stuttgarter Gebrauchtwagenhändler kaufte er ein gut erhaltenes Modell. Der Verkäufer tat ihm noch den Gefallen und fuhr ihn noch zum Stadtrand. Dann war Franz Grasse ganz auf sich allein gestellt – ohne Autoführerschein und Fahrpraxis, mit einer Blechkutsche, deren Getriebe unsynchronisiert war. Beim Durchschalten der drei Gänge musste er auskuppeln und vor dem Einkuppeln Zwischengas geben.

„Was für ein Glück, dass es damals noch keinen großen Straßenverkehr gab“, schreibt Franz Grasse in seinen Lebenserinnerungen. Die erste Goggo-Fahrt verlief, in Stichworten wiedergegeben, folgendermaßen: „Anfahren häufig im dritten statt im ersten Gang, Motor mehrmals abgewürgt, bei Gegenverkehr nie abgeblendet, an einer Kreuzung das nachfolgende Auto vorbei gewinkt, irgendwo nach dem Weg gefragt, natürlich auch stark geschwitzt – aber dennoch in Derendingen ans Ziel gekommen.“

In den nächsten Wochen machte sich Franz Grasse mit seinem neuen Gefährt vertraut. Seine „erste große Fahrt“ führte ihn ins 300 Kilometer entfernte Coburg. Als er die Strecke zum zweiten Mal zurücklegte, ereilte ihn auf der Rückfahrt bei Weinsberg eine Motorpanne. Notrufsäulen gab es noch nicht, vom vorbeirauschenden Verkehr wurde er in der Dunkelheit mit seinem kleinen Auto kaum wahrgenommen.

Schließlich erbarmte sich ein Motorradfahrer seiner und schleppte ihn nach Stuttgart – direkt vor die Tore der Werkstatt, bei der er das Goggomobil gekauft hatte. Ein Kurbelwellenlager war ausgeschlagen; repariert wurde es mit Staniolpapier!

„Danach haben wir viele schöne Familienfahrten erlebt und zwei Kinder, eines sitzend und eines liegend, haben so manche Stunde teils schlafend auf der Rückbank verbracht“, schreibt Franz Grasse in seinen Memoiren. Nach drei Jahren und 15.000 gefahrenen Kilometern trennten sich die Wege von Franz Grasse und seinem ersten Auto: Er verkaufte es für die Hälfte des ursprünglichen Preises, um endlich den Führerschein „drei“ zu machen.

Sein Fahrlehrer sei erst skeptisch gewesen, als er ihm von seiner Fahrpraxis erzählt habe. „Doch bald konnte ich ihn davon überzeugen, dass fünfzehntausend Kilometer Fahrschule mit dem Goggo ihre Spuren hinterlassen hatten. Der Fahrlehrer sagte, dass ich schon verdorben sei.“ Das Fahren mit Zwischengas habe er ihm nicht mehr abgewöhnen können – auch wenn das beim Opel Rekord nicht mehr nötig war.

Franz Grasses erstes Auto war ein Goggomobil
Franz Grasse mit seiner Familie und dem ersten Auto, einem Goggomobil.Privatbild

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09.09.2011, 12:00 Uhr

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