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Paradox in Schwarz-Rot-Gold

Französischer Blick auf die deutsche Flagge

Als französische Studentin auf einem deutsch-französischen Campus wusste ich schon, wie die Deutschen von ihrer Vergangenheit geprägt sind. Meine deutschen Kommilitonen in der Uni konnten schwarzen Humor einfach nicht verstehen, und meine Vorliebe für die deutsche Kultur noch weniger. Als ich im Oktober 2013 zu einem Praktikum frisch in Hamburg landete, hatte ich diese deutsche Charakteristik fast vergessen. Dann kam der Winter mit seinem bissigen kalten Wind.

04.07.2014
  • Océane Hassé

Um meine armen heiklen Ohren vor der hamburgischen Kälte zu beschützen, trug ich meine Wintermütze. Diese Mütze ist aus schwarz-rot-goldener Wolle, und sie ist vor allem sehr warm. Die Leute guckten mich komisch an. Ich fand meine Mütze aber cool und nicht schlimmer als diese modischen Wintermützen mit dem komischen Pelzpompon aus totem Tier.

Als meine Arbeitskollegen mich mit meiner Mütze sahen, guckten sie mich auch komisch an. Einer von ihnen meinte, ich sähe wie ein Nationalist aus, und ich solle meine Mütze ausziehen. „Verstehst du, Océane, wegen der Nazizeit ist es für uns seltsam, die deutschen Farben zu tragen. Pass auf, du könntest eventuell auf der Straße Probleme haben.“

Ein paar Monate später landete ich im Ländle. Und da, der Schock. Volles Unverständnis. In Zeitschriften Angebote für „Duschgel WM-Spezial“ (riecht es nach Bier und Schweiß?) oder „Putenbrust neues Rezept WM-Spezial für Ihre Grillparty“ (sie haben das arme Geflügel vielleicht extra gedopt!).

Das schwarz-rot-goldene Phänomen begann schon kurz, nachdem ich im TGV den Rhein überquerte. Die Leute bauen in ihren Kleingärten nicht nur Gemüse an. Dort wachsen auch deutsche Flaggen! Ich dachte erstmal, dass es an dem Grenzort lag. Aber nein. Auch tiefer im Ländle: an den Fenstern, auf den Autos. Überall. Deutsche Flaggen.

Das Abreagieren der Deutschen mit ihren Flaggen während der WM finde ich merkwürdig. Positiv ist aber, dass ich endlich ruhig meine Mütze tragen darf. Nur ist es jetzt zu warm. Wenn ich mich nach dem Phänomen erkundige, höre ich hier immer die gleiche Reaktion: „Was? Sowas mit den Flaggen macht ihr in Frankreich net?“

Nein. Nur François Hollande hat Fähnchen auf seinem Auto. Aber nicht aus fußballistischen Gründen. Als ich an einem WM-Wochenende nach Paris fuhr, sah ich eher algerische Flaggen. Frankreich wirkt zu unsexy. Auch als die französische Mannschaft die Schweizer zerquetschte, hupten nur wenige Fahrer. Ich sah insgesamt nur zwei Flaggen, als ich auf dem Pariser Autobahnring fuhr. Public Viewings gibt es in Frankreich auch viel weniger. Nach dem Spiel – keine Sauferei wie in Deutschland. Dafür warten die Franzosen bis zum Finale (Hahahaha).

Französischer Blick auf die deutsche Flagge
Océane Hassé ist nun wieder in Frankreich. Ob das gut geht mit den deutschen Farben beim WM-Spiel Deutschland-Frankreich heute Abend?

Océane Hassé, 22, ist Studentin der Politikwissenschaft auf dem deutsch-französischen Campus von „Sciences Po Paris“ in Nancy (Frankreich). Sie hat im Juni ein vierwöchiges Praktikum in der Redaktion des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs absolviert.

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04.07.2014, 12:00 Uhr

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