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22.11.2012

Von Dorothee Hermann

Le sac de farine

„Le sac de farine“ ist eine Entführungsgeschichte, die überrascht. Trotz der knallharten Story wird frau kein tränenseliges Opfer, keinen männlichen Schurken erblicken: Ein Vater holt seine achtjährige Tochter Sarah aus einer belgischen Klosterschule, um sie in seinem marokkanischen Dorf zurückzulassen, das ihr völlig fremd ist. Das Mädchen lässt sich auch von der härtesten Zurückweisung nicht verletzen. „Ich glaube, dass Menschen diese Power haben“, sagte die Regisseurin Kadija Leclere gestern Nachmittag im Filmtagebüro, derzeit Zentrale des Frauenwelten- Festivals von Terme des Femmes. „Sie kommt zum Vorschein, wenn etwas Gefährliches, Bedrohliches geschieht.“ Für Sarah sei es in solchen Situationen einfacher, „ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten“ - wie man sich angesichts eines schweren Unfalls bemühe, sich vom Schock nicht überwältigen zu lassen.

Die völlig kitschfreie Erzählweise mag sich daraus erklären, dass die Story teilweise autobiografisch ist. „Der Vater ist vielleicht noch verlorener als die Tochter“, meinte die Regisseurin. Er gehöre zu einer Generation (von marokkanischen Migranten), die häufig nicht einmal lesen und schreiben gelernt habe.

Frauenwelten-Festivalgast Kadija Leclere (im Tübinger Filmtagebüro) kam über das Theater zum Kino.

Ganz anders Sarah, die Tochter. „Wenn du zur Schule gehst, wenn du gebildet bist, bist du stark“, ist Leclere überzeugt. „Du bist nicht davon abhängig, was die Leute denken.“ Für die Rolle der herangewachsenen Sarah konnte sie den Nachwuchsstar des frankophonen Kinos gewinnen, Hafsia Herzi („Couscous mit Fisch“). Die marokkanische Tante spielt die markante palästinensische Darstellerin Hiam Abbas („Lemon Tree“).

Nebenbei beleuchtet Lecleres Spielfilm-Debüt, wie verhängnisvoll es sein kann, wenn Wünsche Realität werden. In der Klosterschule sehnt Sarah sich nach ihren unbekannten Eltern. Als der Vater unvermittelt auftaucht, steht ein Fremder vor ihr, dessen Absichten sie nicht einschätzen kann. Sie selbst habe als Kind in Belgien nie gedacht, dass ihre Mutter Muslimin sein könnte, so Leclere. Sie nahm an, „sie ist blond wie alle anderen“.

Wie Sarah wurde auch Leclere von ihrem Vater nach Marokko entführt. Nach „zwei Jahren, vier Monaten und zehn Tagen“ gelang der 14-Jährigen 1985 die Rückkehr nach Belgien. Nach einem fünfmonatigen Intermezzo bei ihrem Vater wurde sie von einer Pflegefamilie aufgenommen. Das Brüsseler Viertel, in dem der Vater wohnte, war künftig für sie tabu. Ihre Geschichte sei kein exotischer Einzelfall, betonte die 41-Jährige. „Das ist vielen Mädchen passiert.“

Zum Kino fand Leclere über den Umweg des Schultheaters, wo sie eines Tages in eine Aufführung von Jean Giraudoux? gefeiertem Stück „La Folle de Chaillot“ geriet. Sie wusste sofort: „Auf der Bühne kann ich meine Geschichte erzählen“, erinnerte sie sich. „Von da an war es ein anderes Leben.“ Sie hatte ein Ziel, begann Theater zu spielen, machte eine Schauspielausbildung. „Deshalb glaube ich an die Kunst, an Kunst in der Schule.“ Ein Film kann für sie fast mehr erreichen als Politik. „Man kann viel damit verändern“ – und eben „nicht nur rationale Überzeugungen“.

Info: „Le sac de farine“ läuft im Kino Museum am Donnerstag, 20 Uhr; Freitag, 18 Uhr, Regisseurin jeweils anwesend; im Waldhorn, Rottenburg, Samstag, 18 Uhr.

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Erstellt:
22. November 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
22. November 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. November 2012, 12:00 Uhr

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