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Gerhard Brüssel kümmert sich im Gefängnis um Musik und mehr

Frei-Zeit hinter Gittern

Als Freizeitbeauftragter sorgt Gerhard Brüssel dafür, dass den Häftlingen neben dem streng strukturierten Arbeitsalltag auch ein umfangreiches Angebot an sinnvollen Freizeitbeschäftigungen offensteht. Dafür gibt es gute Gründe.

19.06.2012
  • Pia Hage (18), Naomi Hage (16)

Rottenburg. Ein Gefängnisaufenthalt soll Strafe und nicht Vergnügen sein, könnte man denken. Doch gerade eine gut strukturierte Freizeit ist für die Gefangenen unerlässlich, findet Gerhard Brüssel. Sie hilft ihnen, später wieder in den Alltag außerhalb der Knastmauern zurückzufinden und nicht völlig weltfremd zu werden, erklärt der 50-Jährige. Er kümmert sich darum, dass die Leute im Gefängnis Sport machen und sich kulturell betätigen können. Immer wieder holt Gerhard Brüssel Musikbands ins Gefängnis. Erst kürzlich spielte dort die schottische Gruppe Cross the Border.

Krafttraining ist die beliebteste Sportart. Dazu sagt Gerhard Brüssel nur: „Es ist besser, sich an Gewichten abzureagieren, als an anderen Leuten.“ Neben Basketball, Billard und Tischtennis gibt es aber auch überraschend exotische Angebote. Es besteht beispielsweise die Möglichkeit, an einem Capoeirakurs teilzunehmen, einer Bibel- und Korangruppe beizutreten oder seinen eignen Rhythmus in der Trommelgruppe zu finden.

Der Tagesablauf im Gefängnis ist streng geregelt: Viele der Gefangenen kommen aus sozial benachteiligten Familien und waren vor der Haft keinen strukturierten Tagesablauf gewohnt. Ihnen fällt die Umstellung dann besonders schwer. Gerhard Brüssel berichtet aber auch von Gefangenen, die ihre Zeit im „Knast“ dazu nutzen, um einen Schulabschluss nachzuholen oder einen Sprachkurs zu belegen.

Allerdings gibt Brüssel offen zu, dass Drogen ein großes Problem in der JVA sind. „Dass es überall durchlässige Stellen gibt und geschmuggelt wird, wo es nur geht, lässt sich nicht vermeiden, denn der Gefängnisbereich kann eben nicht hermetisch abgeschottet werden“, sagt Brüssel. So können Drogen und andere begehrte, aber verbotene Dinge wie Handys durch Lieferanten und Bauarbeiter Gefängnis gelangen. Aber auch durch Mauerwürfe und Besucher, die verbotene Objekte in einem Bodypack an den Kontrollen vorbeischmuggeln. Neben Marihuana, Cannabis oder Heroin werden bei den Kontrollen immer öfter neuartige Drogen konfisziert. Besonders Subutex, ein in Frankreich frei verkäuflicher Ersatzstoff für harte Drogen. Viele können sehr erfinderisch sein, wenn es darum geht, ihre Sucht zu befriedigen. So erzählt Brüssel von selbst gebautem Spritzbesteck aus Kugelschreibern oder Nasensprays. Schnell passiert es, dass Gefangene sich überschulden – mit bösen Folgen, die sie vor den Beamten aber geheim halten. „Wenn einer mit einem Veilchen rumläuft, ist er grundsätzlich aus dem Bett gefallen“, erzählt Gerhard Brüssel. „In der Subkultur herrscht das Recht des Stärkeren.“ Und manchmal gehen ihm Gedanken wie dieser durch den Kopf: „Da wird ein junger Mann wegen Diebstahls verurteilt, und das Erste, was ihm in Haft passiert, ist, dass der Stärkere ihm Tabak oder Kaffee wegnimmt.“

Übergriffe auf Bedienstete hat Gerhard Brüssel noch nie erlebt und wertet das als gutes Zeichen: „Wir begegnen uns auf Augenhöhe“ – ohne „Kasernenton“. Brüssel bemüht sich, persönliche Beziehungen zu den Gefangenen aufzubauen – als Freizeitbeauftragter gelingt ihm dies einfacher als vielen Kolleg(inn)en. Er habe immer ein offenes Ohr für die Sorgen der Inhaftierten, die ihm zum Beispiel von familiären Problemen erzählen oder ihrer Unzufriedenheit wegen eines Gerichtsverfahrens Luft machen wollen. Für viele der Gefangenen sei er sogar eine Art Vaterersatz, schätzt Brüssel. Er glaubt, dass für einige der Inhaftierten vielleicht vieles anders gekommen wäre, wenn sie solch ein Gespräch mit ihrem richtigen Vater hätten führen können. Besonders betrübt es ihn, wenn Gefangene ihm kurz vor ihrer Entlassung erzählen, dass sie sich künftig nur noch um Frau und Kinder kümmern wollen, und dann, ein halbes Jahr später, wieder im Knast landen. Auf die Frage ob ihn solche negativen Eindrücke außerhalb der Gefängnismauern weiterverfolgen, überlegt er kurz und antwortet dann ganz offen: „Ja, ich nehme auch vieles mit nach Hause.“

Hin und wieder schildern ihm die Gefangenen aber auch persönliche Erfolgserlebnisse, die sie während ihrer Haft hatten. Solch ein positives Erlebnis war der Besuch des Bundesjugendballetts aus Hamburg, bei dem die Gefangenen selbst geschriebene und komponierte Raps auf der Bühne sangen und inszenierten. Obwohl sie sich anfangs gegen dieses Projekt gesträubt hatten, hätten sie bei der Aufführung viel Gefühl und Begeisterung gezeigt. „Das sind dann so Erlebnisse, die einen selbst auch sehr freuen.“

Dass er von manchem Gefangenen mit Handschlag begrüßt wird, mag nach unserem Gespräch mit Gerhard Brüssel kaum noch verwundern. Mit seiner kräftigen Statur und den hinter dem Rücken verschränkten Händen macht er zweifellos einen sehr autoritären Eindruck. Doch seine ruhige und freundliche Art macht ihn zu einem vertrauenserweckenden und verständnisvollen Ansprechpartner. Auf unsere letzte Frage, wie er denn seine eigene Freizeit verbringt, antwortet er sehr bescheiden: „Ich unternehme viele Spaziergänge mit meinem Hund.“

Frei-Zeit hinter Gittern
Eine einsame Tischtennisplatte steht im Hof von Haus 8 – in dieses Gebäude kommen alle „Neuen“ zuerst. Am vergangenen Dienstag ging es auf der FLUGPLATZ-Seite um die Menschen, die im Rottenburger Gefängnis eine Freiheitsstrafe absitzen. Heute kommen Beamte und eine Sozialarbeiterin zu Wort.

Frei-Zeit hinter Gittern
Gerhard Brüssel ist der Mann, der immer wieder Bands in die JVA Rottenburg holt.

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19.06.2012, 12:00 Uhr

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