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Kommentar Omnibus

Freie Fahrt für alle nur mit allen

Einfach in den Bus steigen und sich hinsetzen, kein Ticketkauf auf schwankenden Beinen im bereits anfahrenden Bus, keine schwer bedienbare Automaten, keine Kon-trollen, keine Schwarzfahrer, keine Abschreckung durch hohe Preise – das ist eine Vision, die durchaus begeistern kann. Und Menschen zum Umsteigen vom Auto bewegen kann.

12.10.2012
  • Gernot Stegert

„Freie Fahrt für freie Bürger“ nannten das gleich zwei Befürworter eines ticketfreien Nahverkehrs bei der Podiumsdiskussion im Tübinger Schlatterhaus und deuteten dabei augenzwinkernd einen alten Autoslogan für den Busverkehr um.

Aber: Die Idee klingt nicht umsonst so seriös wie „Freibier für alle“. Irgendjemand muss immer die Zeche zahlen. Kostenlos ist Nahverkehr nie, man kann ihn höchstens kostenfrei anbieten. Irgendwoher muss das Geld für Busse, Fahrer und Haltestellen kommen. Aus Steuermitteln wäre legitim, schließlich werden auch Straßen von der Allgemeinheit finanziert. Aus einer Citymaut, möchten Grüne. Die ist aber nicht nur politisch, sondern auch praktisch kaum durch- und umzusetzen. Aus einer Umlage, die alle Bürger einer Stadt oder eines Kreises zahlen, sagen Fachleute. Das jedoch wirkt ungerecht und provoziert Protest. Denn zu entrichten ist im Klartext eine Zwangsabgabe. Zwar verweisen Befürworter wie der Trierer Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim auf vergleichbare Modelle: von der Kurabgabe bis zur neuen Rundfunkgebühr. Doch auch diese ist bekanntlich umstritten. In einem Staat müssen zwar immer Menschen für andere mitbezahlen. Für was Geld ausgegeben wird, das entscheiden die demokratischen Mehrheiten. Ob die sich aber irgendwann für ein Bürgerticket aussprechen, ist fraglich. Selbst bei einer Zustimmung im grünen Tübingen würde immer noch das Ja aus dem Umland fehlen. Ohne das aber ist ein solch wagemutiges Verkehrskonzept wie der „TüBus für alle“ nicht sinnvoll. Das sagte selbst der euphorische Bürgerticket-Vertreter Monheim. Es geht nur „mit allen“, wie das lateinische Wort Omnibus übersetzt heißt. Mit allen Bürgern und mit allen Gemeinden im Verkehrsverbund Naldo.

Ist die Nulltarif-Idee also schon in den Graben zwischen Wunsch und Wirklichkeit geschlittert? Als Zwangsbeglückung wird sie wie andere Verkehrskonzepte an die Wand der Proteste fahren. Doch es geht auch anders. Der lernfähige OB Boris Palmer hat einen geradezu weisen Weg gefunden: die schrittweise Ausweitung von Semester- und Jobtickets. Die werden für und mit Gruppen ausgehandelt, freiwillig und im beidseitigen Interesse. Mehr Kunden bedeuten mehr Geld im System und noch bessere Angebote. Das ist eine Verkehrspolitik der Anreize, wie sie Tübingen braucht.

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12.10.2012, 12:00 Uhr

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