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Rita Vollmer und Christine Posselt schaffen auf Baustellen

Freitags auf der Neckarbrücke: Zwei Frauen in einer Männerwelt

Eine gigantische Höllenmaschine, braungebrannte, muskulöse Arbeiter, heißer Asphalt – die Neckarbrücken-Baustelle ist so richtig was für harte Männer. Doch zwischendrin arbeiteten am Freitag auch zwei Frauen.

28.08.2015
  • Sabine Lohr

Tübingen. 140 Grad heiß ist der Asphalt, den die Maschine auf die Neckarbrücke aufbringt. Kein Wunder, dass sich da mancher Arbeiter seines T-Shirts entledigt – zumal es sich am Freitag in der schwülen Sommerhitze ohnehin kaum aushalten ließ. Die Arbeiter aber müssen richtig ran – sehr zur Freude zahlreicher, vor allem männlicher Müßiggänger, die fasziniert am Bauzaun stehen und den Fortschritt der Bauarbeiten verfolgen.

Mittendrin im Männerreich Baustelle: Christine Posselt und Rita Vollmer. Posselt, im orangefarbenen Arbeits-Shirt, geht direkt hinter der gigantischen Teer-Maschine immer wieder in die Hocke, das rechte Knie nur wenige Zentimeter über den heißen, schwarzen Krümeln. Das Thermometer lässt sich leicht in die klebrige Masse drücken. Sie muss nur aufpassen, dass sie nicht mit der Hand den frischen Asphalt berührt. „Nee, verbrannt hab ich mich noch nie“, sagt sie. Posselt ist Laborleiterin bei der Verkehrswegebau-Firma J. Friedrich Storz. Ihre Aufgabe auf der Tübinger Neckarbrücke: die Qualitätsprüfung der aufgebrachten Baustoffe. Stimmt die Mischung nicht, müssen die Männer an der Maschine nachbessern.

Am anderen Ende der Brücke, vom Straßencafé aus gut zu sehen, steht Rita Vollmer alleine mitten auf der tiefschwarzen Kreuzung. Die kurze, orangene Hose mit den silbernen Leuchstreifen weist sie als Mitglied des Bautrupps aus. Ein schwarzer Schlapphut schützt das Gesicht der 29-Jährigen vor der Sonne. Auf dem Boden neben Vollmer steht ein grauer Kasten mit gelbem Deckel, den die gebürtige Kiebingerin fest im Blick hat. Immer wieder notiert sie auf ihrem Schreibblock Zahlen. „Ich prüfe die Dichte des Asphalts“, erklärt sie und trägt den Kasten ein kleines Stück weiter nach vorne.

Der Asphalt, auf dem sie steht, ist immer noch ziemlich warm: 50 Grad strahlen vom Boden nach oben. Vollmer findet die Brückenbaustelle in der Stadt trotzdem „angenehm“ – wenigstens im Vergleich zu Autobahnbaustellen. „Die sind manchmal fünf Kilometer lang, und die Strecke geht man dreimal hin und her.“ Ein Dixiklo auf der Baustelle ist die ganze Infrastruktur, Schatten gibt es nirgendwo.

Vollmer hat ihren Beruf als Baustoffprüferin bei der entsprechenden Fachstelle im Tübinger Regierungspräsidium gelernt – ihr Vater ist vom Fach und hat ihr viel von diesem Beruf erzählt. Vor fünf Jahren aber wollte sie dann doch weg von den Baustellen und machte eine zweite Ausbildung, die so gar nichts mit der ersten zu tun hat: Modenäherin.

Die Baukolonnen respektieren die Frauen

Dann rief Christine Posselt sie an. Die beiden Frauen waren früher Kolleginnen in einem Labor gewesen, und Posselt erinnerte sich gut an die junge Kollegin. Als sie Laborleiterin bei Storz wurde, warb sie Vollmer an. „Als ich ins Labor kam, den Staub gesehen und den Asphalt gerochen hab, wusste ich: Ich will wieder zurück“, sagte Vollmer.

Zurück in eine Männerwelt. „In der ist es dreimal besser als unter Weibern“, sagt Posselt. Und Vollmer ergänzt: „Man muss sich darin zwar manchmal behaupten, aber die Männer sind respektvoll.“ Immer wieder sprechen die beiden Frauen davon, dass die Baukolonnen „wie eine große Familie“ seien – zumindest die bei Storz. Die Firma hat allein acht Straßenbaukolonnen. „Die Männer kennen uns und respektieren uns“, sagt Posselt. „Und sie interessieren sich für unsere Arbeit – manchmal fragen sie schon nach dem Prüfergebnis, wenn ich‘s noch nichtmal habe“, sagt Vollmer.

Posselt kennt diese Welt aber auch anders. Die 52-Jährige kommt aus der Oberlausitz. „Im Osten war es eher normal, dass Frauen auf Baustellen gearbeitet haben.“ Mit der Wende seien dann aber „die Macho- und Pascha-Eigenschaften zum Vorschein“ gekommen. Sie zog mit der Familie zunächst nach Winnenden, dann nach Nendlingen bei Tuttlingen, dem Firmensitz von Storz.

Weniger Respekt als die männlichen Kollegen zeigen manchmal die Männer außen am Bauzaun. „Man kommt sich schon manchmal vor wie im Affenkäfig“, sagt Posselt. Manche Zuschauer nähemn aber auch ihren Mut zusammen und fragten, was sie denn da tue. Dagegen haben die beiden Frauen nichts. Nur wünschen sie sich manchmal, dass der eine oder andere diesen Mut etwas früher fasst, statt sie ewig lange zu beobachten.

Freitags auf der Neckarbrücke: Zwei Frauen in einer Männerwelt
Baustellen sind Männersache? Von wegen. Rita Vollmer (links) misst die Dichte des Asphalts, der auf der Neckarbrücke aufgebracht wurde, Christine Posselt dessen Temperatur. Mit den Männern, die auf der Baustelle dominieren, kommen sie gut klar, sagen sie.

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28.08.2015, 12:00 Uhr

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