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Begegnung mit einem Neo-Faschisten

Fremdenfeindlichkeit

Es war spät. Ganz normales Fest in der Region, gute Freunde, laute Musik, schöne Zeit. Er stand da. Fünf Meter Entfernung – im Gespräch mit seinem Kumpel.

26.08.2015

Ich brauchte mehr als drei Sekunden, um zu verstehen, was auf seinem T-Shirt stand. „Back in Black“, Runenschrift, ein Soldatenkopf in der Mitte. Auf seinem Rücken ein Adler. Das Tier sitzt auf einem Totenschädel. Es sind die Symbole, die für die Ermordung von Millionen Menschen stehen. Die Symbole der Bestie Nationalsozialismus und seiner Waffen-SS – fast ohne Schleier.

Der Junge konnte nicht älter als 21 gewesen sein. Meine erste Reaktion: Wut. Ich denke nicht nach. Meine beleidigende Geste bereue ich kurz darauf. Doch die Wut bleibt. Ich gehe auf den jungen Mann zu. Er lächelt, als ich ihn nach dem T-Shirt frage – er wirkt etwas verlegen. Das Shirt hätte etwas mit der Gruppe AC/DC zu tun, sagt er. Doch Soldaten und Totenköpfe gehören nicht zur Symbolik der Hardrock-Band aus Australien. Das wissen wir beide.

Zur gleichen Zeit brennen in Deutschland wieder die Flüchtlingsheime. Auch bei uns, in Unterweissach, keine 70 Kilometer entfernt von Horb. Die Wut der Menschen konzentriert sich erneut auf das Fremde. Grölende Bürger schreiben den Untergang des „christlichen Abendlandes“ an die Wand, auch in Horb. Nicht auf der Straße – Anfeindungen gegen Fremde finden hier vorwiegend online statt. Fremdenfeindlichkeit findet sich in den massenhaft geteilten Videos mit ihrer „Das Boot ist voll“-Rhetorik. Fremdenfeindlichkeit findet sich bei einem Horber Stadtrat, der offen Publikationen des bekannten Rechtsradikalen und Pegida-Gründers Lutz Bachmann teilt. Eine Person, die Flüchtlinge als „Viehzeug“, „Dreckspack“ und „Gelumpe“ betitelt hat – ein mehrfach verurteilter Verbrecher.

Als ich 14 war zog ich mir weiße Schnürsenkel ein

Es ist wichtig, dass UHL-Stadtrat Hermann Walz das tun darf. Meinungsfreiheit ist eine unserer höchsten demokratischen Errungenschaften – unabhängig von politischer Couleur. Doch die Propaganda muss Anlass sein für alle, die für Werte wie kompromisslose Solidarität einstehen. Es ist wieder an der Zeit laut zu sagen, dass Hass in unserer Werteordnung keinen Platz finden darf.

Ich frage mich, wie der Lebenslauf des Pseudo-SS-Shirt-tragenden Neo-Faschisten aussieht. Dann erinnere ich mich an die eigene Geschichte: Ich war etwa 14 als ich mir weiße Schnürsenkel durch meine Stahlkappenschuhe zog. Ich schäme mich heute für diese Zeit, die Monate mit den glatzköpfigen „Freunden“ aus Talheim. Mit ihrer verbotenen Musik, mit ihren verbotenen Ansichten. Ich war Mitläufer, ein dummer Junge, der sich der Kraft des „Wir gegen den Rest der Welt“-Schemas ergeben hatte. Auf der Suche nach meiner Identität klammerte ich mich an eine Gruppe, die vermeintlichen Halt im Sturm der Pubertät bot. Ich wollte anders sein, ich dachte ich wäre anders. Heute erschreckt es mich, wie einfach es war, das Fremde für meine Probleme verantwortlich zu machen. Wir waren die Guten, die anderen waren die Bösen – verlockend einfach. Wir versuchten, die Komplexität der Welt auf zwei Seiten zu bannen. In ganz Deutschland passiert gerade Ähnliches: schwarz und weiß, gute Flüchtlinge, schlechte Flüchtlinge. Der Kampf der „Gutmenschen“ gegen die „Patrioten“.

Eine Welt in Schwarz und Weiß

Mit diesem Gedankengut im Kopf streiften wir damals durch die Flure des Martin-Gerbert-Gymnasiums – allen anderen überlegen, so dachten wir. Wer die Menschen sind, die wir vorgaben zu hassen, wussten wir nicht. Es war völlig egal, wie das Feindbild aussah, wichtig war nur, dass es existierte.

Wie dumm wir doch waren. Ich bin bis zum heutigen Tag für meine wahren Freunde dankbar, für meine Familie, die mir damals den Kopf wuschen, die mich nicht fallen ließen. Sie begegneten den stumpfen Parolen mit dem, was wir Nächstenliebe nennen.

Die gleichen Parolen werden gerade wieder laut gebrüllt. Hoffen lässt mich nur die Tatsache, dass noch niemand in Talheim demonstriert hat, dass durch den Freundeskreis Asyl und der überwältigenden Mehrheit der Horber Solidarität gegenüber den Flüchtlingen gelebt wird – und dass der Grund ihrer Flucht dabei keine Rolle spielt.

Die Geschichte des Dorffest-Faschisten verlief wahrscheinlich ähnlich wie meine, bisher mit anderem Ausgang. In den Tagen nach dem Fest bereute ich es, nicht auf ihn zugegangen zu sein. Ich hätte mit ihm sprechen sollen, mir die Mühe machen sollen, den Menschen hinter dem „Nazi-Idioten“ zu sehen – nicht mehr das „Die“ und „Wir“ zu sehen. Auch wenn ich heute mit jeder Faser meines Selbst verachte, wofür sein T-Shirt steht, wenngleich er wahrscheinlich nicht auf mich hören würde, ich hätte es zumindest versuchen sollen. Benjamin Breitmaier

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26.08.2015, 12:00 Uhr

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