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Mehr Inklusion wagen

Freundeskreis Mensch nimmt Beschäftigte als Vereinsmitglieder auf

Die Inklusion ist sein Thema: Gotthilf Lorch weiß, was es bedeutet, im Rollstuhl zu sitzen. Vorgestern kamen er und die linke Bundestagsabgeordnete Heike Hänsel zufällig an dem Tag zum Freundeskreis Mensch, als dieser bei der Mitgliederversammlung eine wichtige Entscheidung traf. Eine, die mehr Mitbestimmung ermöglicht.

20.07.2012
  • Gabi Schweizer

Gomaringen. Es sollte nur ein kurzer Rundgang werden – aber überall kamen Heike Hänsel und Gotthilf Lorch ins Reden. Zum Beispiel mit Andrea Stelzer, einer Frau, die, wie sie selbst sagt, die „rechte Hand des Gruppenleiters“ in ihrer Abteilung ist. Steckdosen werden in den Werkstätten des Freundeskreises Mensch in Gomaringen hergestellt – unter anderem.

Geübt dreht der 55-jährige Marc Reich Schrauben fest. „Ich schaff’ schon 25 Jahre hier,“ erzählt er. Seine Nebensitzerin sortiert kleine Drahtgebilde in ein Kästchen. Was sie darstellen, kann sie nicht erklären. „Sie redet nicht“, sagt Marc Reich. Anderswo werden Knetröllchen verpackt. Von Hand. In teure Maschinen investiert der Verein bewusst nicht, weil dann Maschinen die Arbeit übernähmen und Facharbeiter die Maschinen bedienen müssten. „Sie müssen lang sitzen, oder?“ fragt Heike Hänsel die Leute an den Tischen.

Andrea Stelzer freut sich ganz offensichtlich über den Besuch: „Wir machen verschiedene Knetspiele“, berichtet sie bereitwillig. Sie selbst schneide Folien zu. Aber nicht nur. Zwischendurch flitzt sie mit ihrem Rollstuhl davon, das Telefon klingelt, da muss sie ran. Und will dann von Gotthilf Lorch wissen, wo er denn wohnt, was er denn so macht. „Ich bin im Kreisvorstand der Linken“, erfährt sie von dem 50-Jährigen, dass er mit seiner Frau in Tübingen lebt und von Beruf Sozialarbeiter ist – mit allen Einschränkungen, die er durch seine Conterganschädigung erlebt.

Gegenüber den Freundeskreis-Vorständen Horst Gessert (Finanzen) und Thorsten Hau (Wohnen) sowie dem Pressesprecher Herbert Beilschmidt drückt er es so aus: „Ich kann von mir nicht sagen, dass ich die gleiche Arbeit leisten kann wie Sie“ – dafür müsse er sehr viel mehr Energie aufbringen. Die Lohnfrage steckt in diesem Satz mit drin – denn wer in einer Werkstatt für Behinderte arbeitet, bekommt weit weniger als ein Arbeiter ohne Behinderung.

Eigentlich, Hau und Gessert fassen es noch einmal zusammen, will der Freundeskreis möglichst viele Menschen auf den sogenannten ersten Arbeitsmarkt vermitteln. „Das ist bisher aber sehr sehr schwer gewesen.“ Beispiel Personalschlüssel: In den Werkstätten liegt er bei einem „Arbeitserzieher“ für zwölf Beschäftigte – in der Wirtschaft, wo Menschen mit Behinderung eher einzeln unterkommen, wird es dann schwierig.

Besser läuft es, wenn der Freundeskreis direkt einen Auftrag übernimmt. Beispielsweise beziehen Menschen mit Behinderung Betten in der Uniklinik, eine Arbeit, die die Pfleger/innen viel Zeit kostete – nun werden sie entlastet. Oftmals befürchten dann aber die Betriebsräte, reguläre Arbeitsplätze könnten gestrichen werden. Was im konkreten Fall nicht so war.

Für die Werkstätten wiederum bedeutet dies, dass dort immer mehr Menschen beschäftigt sind, die „viel Pflege brauchen“. Und die umgekehrt in keiner Arbeitslosenstatistik auftauchen. „Ich habe Leute in meinem Freundeskreis, die keinen Arbeitsplatz finden und nicht in eine Werkstatt wollen“, erzählt Heike Hänsel: „Vom Jobcenter werden sie schikaniert.“ Lorch sinniert: „Theoretisch müssten die Einrichtungen selbst sechs Prozent Behinderte anstellen.“ Der Freundeskreis hat eben die Verwaltung umgebaut, drei Menschen mit Behinderung sollen dort künftig beschäftigt sein.

Änderungen gibt es auch anderswo: Die Mitgliederversammlung beschloss noch am gleichen Abend, dass künftig auch jene dem Verein beitreten können, die beim Freundeskreis beschäftigt sind – bisher war dies nicht möglich. Eine kurze Diskussion gab es darüber, ob Menschen mit Behinderung auch in den Verwaltungsrat gewählt werden könnten. Dann war klar: Sie dürfen. Ausgeschlossen sind – wegen des Abhängigkeitsverhältnisses – die hauptamtlich Beschäftigten.

Zwar gab es auch bisher schon Gremien für die sogenannten „Klienten“, nämlich den Werkstattrat und den Heimbeirat. Wichtigstes Entscheidungsgremium ist jedoch die Mitgliederversammlung des Vereins, mit dem Verwaltungsrat als oberster Instanz. Noch ist es eine Runde ohne Menschen mit Behinderung, wenn auch keine reine Männerriege mehr: Neu gewählt wurde Tatjana Teufel von der Lebenshilfe Rottenburg. Gerald Hahn, Konrektor der Rottenburger Lindenschule, und Siegmar Roscher, Angehöriger, verließen das Gremium.

Freundeskreis Mensch nimmt Beschäftigte als Vereinsmitglieder auf
Heike Hänsel und Gotthilf Lorch (links) in der Werkstatt des Freundeskreises, im Gespräch mit Andrea Stelzer. Bild: Schweizer

Der Freundeskreis Mensch wurde vor 40 Jahren als Elterninitiative gegründet. Heute hat der Verein 273 Mitglieder. Auf 35 Standorte im ganzen Landkreis verteilt betreibt er Werkstätten, Integrationsbetriebe und Wohnheime – etwa Becks Plastilin und die Integrationsgaststätte Loretto. Insgesamt arbeiten 339 Mitarbeiter ohne Behinderung für den Verein, Praktikanten und junge Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr mitgerechnet. Von den 600 bis 800 sogenannten Klienten ist beinahe jeder Dritte psychisch krank.
Der Verein hat mit Horst Gessert und Thorsten Hau zwei hauptamtliche Vorstände, die die Geschäftsführung übernehmen, und einen ehrenamtlichen Verwaltungsrat, in dem auch Bürgermeister aus dem Landkreis vertreten sind (Volker Derbogen aus Rottenburg und Michael Lucke aus Tübingen). Der Vorsitzende, Wolfgang Wagner, ist Vater eines behinderten Sohnes.

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20.07.2012, 12:00 Uhr

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