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Den Eintritt hat er nie bereut

Friedrich Gohl ist seit 65 Jahren Gewerkschaftsmitglied

Kurz nach der Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft trat der 18-jährige Friedrich Gohl in die Gewerkschaft ein. Das war Ende 1945. Kürzlich wurde der ehemalige Postler, der seit drei Jahren in Rottenburg lebt, von Verdi-Bezirkschef Martin Gross geehrt: für 65 Mitgliedsjahre in der Gewerkschaftsbewegung.

19.01.2011
  • Volker Rekittke

Rottenburg. Im Mai 1945 war es drückend heiß. Friedrich Gohl erinnert sich noch gut daran. Den Krieg hatte der damals gerade 18-Jährige mit einem Steckschuss im Bein überlebt. Dann bekam er Wundbrand. Eine russische Ärztin im Kriegsgefangenenlager bei Pirna rettete sein Bein – und sorgte dafür, dass der junge Mann sich schon nach einigen Monaten mit einem Passierschein in Richtung seiner Heimatstadt Hannover aufmachen konnte.

Quer durchs zerstörte Dresden („da war alles platt“) ging’s Richtung Zonengrenze, wo ihm der Passierschein nicht weiterhalf – wohl aber eine kleine goldene Taschenuhr, die er im Lager gut versteckt gehalten hatte. Als Friedrich Gohl schließlich in Hannover am Bahnhof ausstieg, „da hab ich geheult wie ein kleines Kind – ich war zu Hause“.

Nur seine Mutter und die kleine Schwester erwarteten ihn dort. Der Vater war noch in Gefangenschaft, der Bruder gefallen, die ältere Schwester bei den Großeltern untergebracht. Der ausgebildete Maschinenschlosser Gohl fand bald Arbeit in seiner alten Firma – einem Schweißwerk, das den Krieg einigermaßen unbeschadet überstanden hatte. Im Dezember 1945 fing er dort an. An seinem ersten Arbeitstag trat er in die Gewerkschaft ein, den Metallarbeiterverband.

Die Gewerkschaften in den Besatzungszonen mussten 1945 ganz neu anfangen. Einige Monate nach der Machtübernahme 1933 hatten die Nationalsozialisten den sozialdemokratisch orientierten Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) trotz dessen anfänglicher Stillhalte-Politik zerschlagen, etliche Funktionäre verhaftet, das Vermögen beschlagnahmt. Kurz darauf waren mit dem – damals christlich orientierten – Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und den Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen (sozial-liberal) auch die beiden anderen Richtungsgewerkschaften zwangsweise in die von den Nazis gegründete Deutsche Arbeitsfront (DAF) eingegliedert worden.

Die Zeit nach dem Krieg war hart, erinnert sich Gohl: „Das waren Hungerjahre.“ Welche Rolle hatten Gewerkschaften damals? Um höhere Löhne jedenfalls ging’s anfangs nicht: „Geld zählte ja nicht.“ Wichtiger waren Milch und Brot, Kohle und Holz, Schwarzmarkt-Geschäfte, „Material für den Betrieb organisieren“. Das änderte sich erst mit der Währungsreform 1948, als die D-Mark die wertlos gewordene Reichsmark ablöste.

Über den Vater seiner späteren Frau Margarete, die er 1947 kennenlernte, kam Friedrich Gohl 1948 zur Post. In Hannover arbeitete er in der Werkstatt des Telegrafenamtes. „Fast alle Kollegen waren damals in der Gewerkschaft.“ Das war für den jungen Mann eine Selbstverständlichkeit: „Man braucht doch eine Interessenvertretung – ich wollte nicht alleine mit meinem Chef übers Geld verhandeln.“

Von 1955 bis 1969 beförderte Gohl mit den gelben Postbussen der Marken MAN, Magirus oder Mercedes Briefe und Pakete, Menschen und auch allerlei Waren übers flache Land bei Hannover. Die Leute konnten ihre Briefe direkt in einen Schlitz am Postbus einwerfen. Auf den Dörfern sammelte der Fahrer damals auch Arzneirezepte ein. Die wurden in der Apotheke im nächst größeren Ort abgegeben, die Medikamente auf der Rückfahrt gleich wieder mitgenommen. Oder der Wurstkorb, der im gelben Postbus von der Metzgerei im einen zum Gasthof im anderen Dorf transportiert wurde – und obendrauf ein Butterbrotpaket für den Fahrer. Gohl: „Wir waren oft die Verbindung zur Außenwelt.“

Wegen einer Erkrankung hörte Gohl als Busfahrer auf, arbeitete in der Verwaltung des Postreisedienstes, bis seine Frau später schwer erkrankte und Friedrich Gohl Mitte der 1980er Jahre vorzeitig in den Ruhestand ging – um mehr Zeit für die Pflege der Partnerin zu haben, die mittlerweile fast blind ist. „Ohne ihn“, sagt sie, „könnte ich gar nicht auf die Straße.“ Vor eineinhalb Jahren feierte das Ehepaar Diamantene Hochzeit – in der Rottenburger Friedrich-Ebert-Straße, wohin Friedrich und Margarete vor drei Jahren aus Hannover gezogen waren. Der Sohn des Ehepaars lebt schon seit den 1970er Jahren hier, die beiden Senioren wollten näher beim Rest der Familie sein.

Unlängst bekam Friedrich Gohl vom Verdi-Bezirksvorsitzenden Martin Gross bei einer Jubilar-Ehrung im Tübinger Sparkassen-Carré die Urkunde für „65-jährige Mitgliedschaft in der Gewerkschaftsbewegung“ überreicht – erst als Metaller, dann als Postler (die Deutsche Postgewerkschaft ging 2001 in Verdi auf). Dass er jahrzehntelang dabei blieb und seine Beiträge zahlte, hat Friedrich Gohl nie bereut: „Ich wollte nie jemand sein, der einen besseren Lohn kassiert, aber nichts dazu beiträgt.“ Und Gewerkschaftsarbeit „kostet nun mal Geld“, sagt der mittlerweile 83-jährige Gohl: „Der Solidaritätsgedanke lohnt sich, ein bisschen Zusammenhalt muss sein.“

Friedrich Gohl ist seit 65 Jahren Gewerkschaftsmitglied
65 Jahre sind eine lange Zeit: Friedrich Gohl zeigt in seiner Rottenburger Wohnung Ehrenurkunden, die er von der Postgewerkschaft bekommen hat.

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19.01.2011, 12:00 Uhr

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