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Restaurationsarbeiten am Anlagensee als privates Engagement

Frischzellenkur für Nymphen

Nicht nur am Uhlandgymnasium ist derzeit eine Baustelle, sondern auch nebenan bei Danneckers Nymphen. Sie bekommen gerade ein längst überfälliges Lifting verpasst – ausgehend von einer Bürger-Initiative der besonderen Art.

31.07.2012
  • Wilhelm Triebold

Walter Springer konnte es nicht weiter mit ansehen. Der Tübinger Kunsthistoriker liebt seine Heimatstadt mit der vorhandenen historischen Substanz, und er beobachtet besorgt, wie sich der allgemeine Zustand von Kunst im öffentlichen Raum verschlimmert hat. Dagegen, beschloss Springer, müsse man etwas tun.

Und er weiß, was zu tun ist. „Die Denkmale und Kunstwerke im öffentlichen Raum in Tübingen befinden sich in einem erbärmlichen Zustand“, meint er. „Städtischerseits scheint dafür niemand zuständig zu sein. Wenn Kunst im öffentlichen Raum verwahrlost erscheint, lädt sie zur Zerstörung ein; ein Phänomen, das die Soziologen ,broken windows theorie’ nennen. Ist erst mal ein Fenster eingeworfen, sinkt die Hemmschwelle, die anderen auch zu zerstören.“

Der Tübinger, der als Freiberufler ein Büro für Kunstrecherchen betreibt, begreift Kunst und Denkmale im öffentlichen Raum als „eine Art Stein gewordenes kulturelles Gedächtnis einer Stadt.“ Und er findet deutliche Worte: „Der verwahrloste Zustand, in dem sich die Tübinger Objekte befinden, nährt den Verdacht, dass das kulturelle Gedächtnis der Stadt an Alzheimer erkankt ist.“

Edle Spender wollen ungenannt bleiben

Da will Springer als engagierter Bürger der Stadt gegenlenken. Als erstes überredete er zwei Tübinger Unternehmer, die in Not geratenen Danneckerschen Nymphen am Ufer des Anlagensees zu retten. Die beiden edlen Spender, die ungenannt bleiben wollen, steuern 10 000 Euro bei. Mit diesem Posten als Polster machte sich Springer auf die Suche nach Ansprechpartnern in der Stadtverwaltung – und musste feststellen, dass sich das gar nicht so einfach gestaltete.

Vom Kulturamt übers Stadtarchiv ging die Odyssee schließlich, wer hätte das gedacht, zum Tiefbauamt. Der dortige Amtschef Albert Füger zeigte sich dann doch „sehr erfreut“ über die Initiative und sicherte Unterstützung zu. So ließ die Stadt die zwei Nymphen einrüsten, und seit dem gestrigen Montag haben sich mit Julia Feldtkeller und Fabian Schober zwei Restauratoren ans Werk gemacht.

Bei den monumentalen Damen handelt es sich um eine Wasser- und eine Wiesennymphe. Das Danneckersche Sandstein-Original ist längst schon im Kunsthallen-Café unter sicherem Dach und Fach, während die dekorative Steingusskopie der Ladenburger Firma Dursy als Ersatz seit nunmehr 26 Jahren am Anlagensee ihre Bestimmung gefunden hat – und dort gehörig Patina ansetzt.

Das war nicht immer so: „Wunderbar weiß schwebten die Nymphen am 14. Mai 1986 über den zartgrünen Kronen von Platanen und Linden und senkten sich am frühen Nachmittag auf ihren angestammten Platz am Tübinger Anlagensee nieder“, beschrieb der langjährige TAGBLATT-Kulturredakteur Helmut Hornbogen in seinem informativen Büchlein zur Nymphengruppe („Über die bewegte Vergangenheit und vielfältige Gegenwart zweier leichtbekleideter Frauen“) die Ankunft der widerstandfähigeren Kopie.

Wurfgeschosse gegen wehrlose Damen

Inzwischen hat auch an ihr der Zahn der Zeit gehörig genagt. „Die Figurengruppe zeigt fast flächendeckend mehr oder weniger dichte Schmutzablagerungen sowie mikrobiellen Befall bis hin zu Algen und Moosen“, lautete der Befund. „Der Kunststein ist an den stärker bewitterten Flächen bereits oberflächlich reduziert. Einige Partien sind gerissen, wobei hier eher innere Kräfte und klimatische Schwankungen die Ursache sein dürften als statische Probleme. Auf der Skulptur befinden sich mit Filzstift aufgetragene Graffiti.“

Der gestrige Besuch vor Ort beim Restauratorenteam bestätigt die Befürchtungen. Während Schober behutsam, aber gründlich das gebrochene Weiß des Erstanstrichs mit dem umweltfreundlich wasserreduzierten Trockendampfgerät abbläst, zeigt Feldtkeller auf einige der Schäden. Tatsächlich: Die Wiesennymphe, die der teuren Kollegin den Kranz aufs Haupt drückt, weist einen hässlichen, fingertiefen Riss über den ganzen Oberschenkel auf. Hier sind kosmetische Eingriffe dringend notwendig.

Feldtkeller teilt auch Springers Einschätzung von ausuferndem Vandalismus. „Wir haben erstmal extrem viel Scherben wegräumen müssen“, sagt die freie Restauratorin, die auch die historische Rathausfassade während der anstehenden großen Gebäudesanierung betreut. Offenkundig wurden die beiden wehrlosen Nymphen immer wieder mit Flaschen (aberr auch Steinen) beworfen.

Nun bekommen sie einen neuen schmückenden Anstrich. Dass die Renovierungsarbeiten an dem schmucken Blickfang am Seeufer in die Sommerferien verlegt wurden, hat im übrigen mit den abwesenden Oberschülern zu tun. So lässt sich ungestörter mit direktem Zugang arbeiten. Den ebenfalls in Mitleidenschaft gezogenen Sockel, der von sprengendem Wurzelwerk und Geäst bedroht wird, will dann die Stadt wiederherstellen lassen.

Denn auch das ist ein Anliegen des Motivators Walter Springer. Einerseits soll die Nymphenaktion „eine Anregung für Tübinger Bürger sein, sich für den Erhalt und die Pflege von Kulturdenkmalen einzusetzen“, soll „das Bewusstsein für Kunst im öffentlichen Raum schärfen“, erhofft er sich zumindest. Dadurch solle die Stadt aber nicht von der Pflicht entbunden werden, sich zu kümmern und finanzielle Mittel zur Pflege zur Verfügung zu stellen.

Springer geht sogar noch weiter: „Es wäre wünschenswert“ präzisret er, „wenn das Stadtmuseum den Bereich Kunst im öffentlichen Raum übernehmen würde. Bei der Stadt gibt es derzeit leider keinen festen Ansprechpartner.“

Doch allmählich scheint sich auch dort das Gewissen für den bedrohten historischen Bestand zu regen. Julia Feldtkeller vermeldet, dass nun das Kulturamt von sich aus wegen einer Betstandsaufnahme am Uhlanddenkmal, das vor allem im Sockelbereich akut gefährdet ist, angefragt habe. In diesem Jahr ist nicht nur Ludwig Uhlands 225. Geburtstag, sondern auch sein 150. Todestag zu feiern.

Kaum war der Tübinger Dichter und Demokrat dahingeschieden, begann sogleich ein eigens gegründeter Verein aus Amtsträgern und honorigen Bürgern das nötige Geld für das Denkmal einzusammeln. Rund zehn Jahre später wurde es dann mit einem Festakt der Öffentlichkeit präsentiert.

Frischzellenkur für Nymphen
(Ein-)Gerüstet für die Zukunft: Danneckers Nymphen am Wochenende auf ihrem Hochsitz, nachdenklich zur Gastromeile hinüberschauend.Bild: Metz

Frischzellenkur für Nymphen
Der Sockel bröckelt, die Nymphengruppe kriegt den Dreck weg: Gut zwei Wochen ist das Restauratoren-Duo hier beschäftigt. Bild: Metz

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31.07.2012, 12:00 Uhr

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