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Dorfhistorie

Früher Wirtschaft, heute Begegnungshaus

Anstelle des heutigen Baus im Weitinger Zentrum stand ursprünglich das Gasthaus „Hirsch“, dem die Schwesternstation sowie der Kindergarten und das Pfarr- und Jugendheim folgten.

15.10.2016
  • Hermann Nesch

Am 3. Oktober lud die „Weitinger Hoamet“ zu einem historischen Dorfrundgang ein. Dabei war dem gemütlichen Abschluss in der „Hoametscheuer, dem früheren Lagerhaus der Spar- und Darlehenskasse von 1948, der Kirchplatz die zweitletzte Station. In der „guten Stube“ hatten damals Hermann Nesch und Elisabeth Speiser einiges zu erzählen.

Da ist zum einen das stattliche Pfarrhaus aus dem Jahr 1762, die 500 Jahre alte Pfarrkirche Sankt Martinus, zurzeit Baustelle (die SÜDWEST PRESSE berichtete mehrfach) und der Kirchplatz, auf dem bis 1948 die wuchtige Zehntscheuer stand. Der Kirchhof dazwischen diente bis 1822 als Begräbnisstätte.

Den Platz rundeten zwei weitere Gebäude ab: die 1818 erbaute und 1994 abgebrochene ehemalige Pfarrscheuer, an deren Platz heute die Spielhalle des Kindergartens steht, und schließlich das Begegnungshaus, dessen Vorgängerbauten auch eine hoch interessante Geschichte aufweisen.

Begonnen hatte es einst mit dem Gasthaus „Hirsch“ direkt neben der Kirche und deren Sakristei. Die Wirtschaft ist schon 1750 nachgewiesen und auch auf der „Karte des Laienzehnten des Klosters Wittichen, Schaffnei Horb“ abgebildet. Nach dieser Karte hatte das Wirtshaus ein Satteldach anstelle des späteren barocken Mansardendachs.

Das Fachwerkhaus dahinter, heute Georg Sommer, war einst das dazugehörige Ökonomiegebäude des „Hirsch“. Das Wirtshaus, zu dem auch eine Brauerei gehörte, war bis zum Jahre 1904 im Besitz der Familien Mayer. Der letzte Wirt Lorenz Mayer übernahm danach den „Adler“. Im Jahre 1907 begann dann die Geschichte des „Kinderschüles“, als im ehemaligen Gasthaus eine Schwesternstation eingerichtet wurde. Den früheren Seelsorgern war der „Hirsch“ in unmittelbarer Nähe zur Kirche längst ein Dorn im Auge, vor allem auch deshalb, weil der Brauereiwirt angeblich immer am Sonntagmorgen während der Frühmesse sein Bier ausführte.

Die Franziskanerinnen kamen

Der Pfarrer soll deshalb aus Verärgerung sein Bier von auswärts bezogen haben. Und so kam die Gelegenheit, den „Hirsch“ mit Geldern aus dem Baufonds zu erwerben, als im „Adler“ der Besitzerwechsel anstand, gerade zur rechten Zeit. Die bürgerliche Gemeinde ließ das Gebäude renovieren und richtete zusammen mit der Kirchengemeinde eine Schwesternstation mit drei Schwestern aus dem Orden der Franziskanerinnen ein. Diese übernahmen neben der Krankenpflege und dem Kirchenschmuck auch den Kindergarten.

Im Winterhalbjahr besuchten die Kinder das „knallenge“ Kinderschüle im Erdgeschoss und im Sommerhalbjahr das etwas „luftigere“, aber nicht beheizbare und nebenan liegende Josefsheim in der ehemaligen Pfarrscheuer. In den 1950er-Jahren siedelte der Kindergarten dann unter Pfarrer Philipp Rang auf Drängen des Caritasverbandes endgültig ins „verbesserte“ Josefsheim über.

Parallel dazu wurde das alte Schwesternhaus im ehemaligen „Hirsch“ renoviert und zum Pfarr- und Jugendheim ausgebaut. Schon lange entsprach es nicht mehr den Anforderungen und sollte dringend von Grund auf saniert und zum Gemeindehaus erweitert werden. Ein Abriss noch im Dezember 1996 kam zu-nächst auch nicht in Frage, weil das Gebäude vom Landesdenkmalamt als „heimatgeschichtliches Kulturdenkmal“ eingestuft worden war.

Doch kaum war das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt, schon mussten die Benutzer des Pfarr- und Jugendheimes vor den inzwischen lauernden Gefahren geschützt werden. Ein Rohrbruch zu Jahresbeginn 1997 im Obergeschoss und der nachfolgende erhebliche Wasserschaden machten die Nutzung des Gebäudes unvorhergesehen schnell unmöglich.

Nach gründlichen Untersuchungen stimmten die Denkmalschützer dann doch einem Abbruch zu, da ein Umbau aufgrund der „völlig maroden Bausubstanz“ wesentlich teurer käme, als ein Abriss und ein anschließender Neubau. Im August 1998 fiel das Gebäude dann der Spitzhacke zum Opfer und im Jahr 2003 wurde an seiner Stelle das heutige Begegnungshaus eingeweht.

Kehrte der Teufel im „Hirsch“ ein?

Zwei Sagen aus Weitingen sind im Ländle bekannt. Zumindest für die, die sich ein etwas für Literatur,
für Volks- und Heimatkunde
interessieren.

Es ist die Sage von der großen Wetterglocke von 1512 und die Sage von der schönen Bauerntochter, die mit dem Teufel einen Pakt geschlossen hatte. Beide „G’schichtle“ sind einzeln und auch zusammen in mehreren Ausgaben „Schwäbischer Volkssagen“ enthalten.

Ob letztere etwas mit dem alten „Hirsch“ zu tun hat, ist ungewiss. „Hoamet“-Vorsitzender Hermann Nesch gegenüber, der die Sage vor etlichen Jahren wieder ausgegraben hatte, versicherten einige nicht mehr unter den Lebenden weilenden Weitinger, dass man sich „ganz früher“ erzählt habe, das folgende „sagenhafte“ Geschehen habe sich im „Hirsch“ zugetragen:

Ein schönes Bauernmädchen in Weitingen konnte am schönsten tanzen und machte dadurch eine gute Heirat mit dem Wirt im Dorf. Das schöne Tanzen aber hatte sie vom Teufel gelernt, dem sie dafür schriftlich versprechen musste, dass er sie zu

einem bestimmten Zeitpunkt holen dürfe.

Da kam eines Tages ein Wagen mit zwei Rappen bespannt vorgefahren, aus dem zwei Herren stiegen und in die Gaststube eintraten. Nachdem ihnen die Wirtin etwas zu trinken gebracht hatte, musste diese zu den beiden Gästen in die Mitte sitzen, von denen sie nicht mehr loskommen konnte.

Da merkte sie, dass ihr Stündlein geschlagen hatte, gestand die ganze Geschichte ihrem Manne, der eilig einen Kapuziner in Hechingen holen musste. Dieser kam mit der Stola angetan und zwang den Teufel, die Handschrift herauszugeben, worauf er mit fürchterlichem Gestanke durch den Kamin abzog. Seither ist in der Wirtsstube die verrußte Stelle zu sehen, durch die der Teufel

abgezogen ist.

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15.10.2016, 01:00 Uhr

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