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Der Deal mit Rezepten für Aids-Medizin

Fünf geständige und vielfach vorbestrafte Männer wegen Betrugs verurteilt

Fünf Angeklagte saßen gestern wegen Betrugs vor dem Tübinger Amtsgericht. Die Männer hatten in einer Tübinger Apotheke Rezepte für HIV-Medikamente gegen Bargeld eingetauscht und damit Drogen für den Eigenbedarf oder den Handel gekauft.

11.07.2012

Tübingen. Fünf Männer, fünf Drogenkarrieren mit all den deprimierenden Einzelheiten – von abgebrochenen Berufsausbildungen, Entziehungsversuchen, Rückfällen, HIV-Infektionen, Beschaffungskriminalität und langen Vorstrafenregistern, an die sie sich selber nur noch unzureichend erinnern. Ihr Alter: zwischen 32 Jahren und 53 Jahren, alle werden derzeit substituiert, alle sind geständig. Von Oktober 2010 und bis Juni 2011 hatten zwei der Angeklagten eigene oder fremde Rezepte in einer Tübinger Apotheke eingereicht und statt der Medikamente Geld kassiert. Drei hatten eigene Rezepte dem Mittelsmann gegeben und sich den Ertrag mit ihm geteilt.

Nur einer der fünf ist nicht HIV-positiv, er schien den Anstoß für diese Art der Geldbeschaffung gegeben zu haben. Der Apotheker habe ein Wochenende Bedenkzeit erbeten, bevor er sich auf den Deal einließ. Dass es da „jemanden gebe, der etwas machen kann“, habe sich in der Szene schnell herumgesprochen.

Trotz ihrer Erkrankungen, drei der Männer sind schwer von Psychosen, Leberzirrhose, Hepatitis C oder Schuppenflechte gezeichnet, war ihnen Geld wichtiger als Medizin. Man wollte sich „was zum Essen kaufen“ hieß es vor Gericht, aber auch Drogen beschaffen.

Einer der Männer sagte, es gehe ihm „sehr gut“, obwohl er HIV-positiv ist, er macht derzeit eine Drogentherapie. Der Älteste auf der Anklagebank, ein hagerer 53-Jähriger, wurde aus der Haftklinik Hohenasperg zur Verhandlung gebracht, er höre seit zwei Monaten Stimmen, sagte er. Ihm sei völlig bewusst gewesen, „dass ich meine Gesundheit verkaufe“. Laut Anklage wurde ihm gewerblicher Betrug in fünf Fällen und in acht Fällen Beihilfe zum Betrug vorgeworfen, zusätzlich auch noch Handel mit Kokain.

Du hast zehn Jahre kaputt gemacht!

Die drei Angeklagten, die ihre eigenen Rezepte dem Mittelsmann mitgaben, standen wegen Beihilfe zum Betrug vor Gericht. In der Regel bekam der Mittelsmann 150 und der Rezeptgeber ebenfalls 150 Euro. Der Löwenanteil blieb beim Apotheker, der die Rezepte, die im Schnitt um die 1200 Euro wert waren, mit der Krankenkasse abrechnete. Über 35 000 Euro kassierte er innerhalb eines Dreivierteljahres. Eine Summe, die er, nachdem der Abrechnungsbetrug aufgeflogen war, sehr rasch zurückzahlte.

Der Apotheker saß nicht mit auf der Anklagebank, er ist vor einiger Zeit gestorben. Dennoch nutzte keiner der Angeklagten die Gelegenheit, Schuld von sich selbst auf den Toten abzuwälzen. Im Gegenteil, die beiden Rezeptdealer sprachen ausgesprochen freundschaftlich von ihm. „Zu mir war er menschlich sehr korrekt“, sagte der 53-Jährige. Der Apotheker habe ihm auch schon mal Aids-Medikamente zugesteckt, wenn er schlecht ausgesehen habe. Und dieser habe ihn etwa auch, nachdem alles aufgeflogen war, in der Hautklinik besucht.

Auch der 32-jährige Angeklagte, dem gemeinschaftlicher gewerblicher Betrug in 17 Fällen vorgeworfen wurde, versuchte weder den Apotheker noch seine Mitangeklagten zu belasten. Er wollte dem Apotheker sogar den eigenen Anteil vom Honorar zurückzahlen. Nach vielen Vorstrafen und einem Klinikaufenthalt zu Beginn des letzten Jahres sei ihm außerdem klar geworden, dass es so nicht mehr weitergehe. „Ich lieg‘ abends im Bett und sage mir, was für eine Scheiße. Du hast zehn Jahre kaputt gemacht.“ Er sei entschlossen, eine Ausbildung als PTA (Pharmazeutisch-technischer Assistent) zu machen. Ob er sich das gut überlegt habe, wollte der Richter wissen und gab ihm den „Tipp, sich etwas anderes zu suchen“.

In seinem Urteil bewegte sich das Gericht in seltener Einmütigkeit mit Staatsanwalt, Verteidigern und – wie es schien – auch den Angeklagten. Der 32-jährige Tatanstifter bekam zwei Jahre und vier Monate (ohne Bewährung), der 53-Jährige zwei Jahre und zehn Monate (ebenfalls ohne Bewährung), die ihm die Gelegenheit zum Drogenentzug geben. Neun Monate zur Bewährung hielt das Gericht für die drei anderen angemessen. Einer setzt damit seine Drogentherapie fort, die anderen beiden werden gemeinnützige Arbeit von 50 Stunden verrichten.ust

Info: Amtsrichter: Eberhard Hirn; Schöffen: Wolfgang Pasche und Anna Henkel; Staatsanwalt: Nicolaus Wegele; Verteidiger: Steffen Hammer, Wolfgang Kemper, Julia Geprägs, Christian Niederhöfer und Manfred Weidmann.

Der 53-jährige Angeklagte machte erste Drogenerfahrungen mit 13 Jahren und saß schon 22 Jahre seines Lebens in Gefängnissen. Er sei über Haschisch, das Aufputschmittel Captagon und eine kurze Heroin-Episode bei Kokain gelandet, berichtete der Mann vor Gericht. Zuletzt habe er ein bis vier Gramm Kokain pro Tag benötigt. Für eine Haftstrafe, die er derzeit verbüßt (es steht noch eine weitere aus), habe er sich bewusst für das Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg und gegen Rottenburg entschieden: „Ich wollte aus dem Grund nicht nach Rottenburg, weil da ein Haufen Drogen unterwegs ist“, sagte der Mann.

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11.07.2012, 12:00 Uhr

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