Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Fünfter Jahrestag des Feuers von Backnang bei dem eine türkische Mutter und sieben Kinder starben
Zwei Tage nach dem Brand: Die Särge der Opfer werden nach der Trauerfeier in Backnang weggetragen. Foto: Franziska Kraufmann/dpa
Ein Brand wird zum Politikum

Fünfter Jahrestag des Feuers von Backnang bei dem eine türkische Mutter und sieben Kinder starben

Am 10. März 2013 starben bei einem Großfeuer in Backnang eine türkische Mutter und sieben Kinder. Die Katastrophe wäre zu verhindern gewesen.

10.03.2018
  • HANS GEORG FRANK

Backnang. Noch waren nicht alle Opfer geborgen, schon kursierten wilde Spekulationen und haltlose Schuldzuweisungen. Die Brandkatastrophe von Backnang mit acht türkischen Toten am 10. März 2013 bekam politische Dimensionen. Dann stellte sich heraus, dass die Familie das schlimme Feuer selber verursacht hatte. „Das Interesse der Medien erlahmte sehr schnell, als sie merkten, dass es sich um eine Brandtragödie ohne politisches Skandalisierungspotenzial handelte“, stellte Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) fest.

Nazil Ö. (40) war mit sieben ihrer zehn Kinder zwischen sechs Monaten und 16 Jahren in der Wohnung erstickt. Das Rauchgas hatte sich bei dem Brand so schnell ausgebreitet, dass eine Rettung nicht mehr möglich war. Obwohl die Feuerwehr nach dem Alarm um 4.33 Uhr mit 106 Einsatzkräften schnell eintraf, fand sie nur verkohlte Leichen. Die Großfamilie lebte seit zwei Jahren in einem Gebäudekomplex einer einstigen Lederfabrik.

Kritik aus Ankara

Zunächst wurde wegen der Staatsangehörigkeit ein politischer Hintergrund nicht ausgeschlossen. „Die erste Frage für uns war, kann das ein Anschlag sein“, erinnert sich Ralf Michelfelder. Er war damals Chef der Polizeidirektion Waiblingen, heute steht er als Präsident dem Landeskriminalamt vor. Ihm sei klar gewesen, „dass anderthalb Jahre nach dem Auffliegen des NSU eine Stimmungslage in der Gesellschaft herrscht, die wir sehr wohl mit einbeziehen mussten“.

Bald habe sich gezeigt, „dass sich der Brand von innen nach außen entwickelte“. Es habe zwar „keine Anzeichen für einen fremdenfeindlichen Anschlag gegeben“, aber die Polizei habe „alle Hypothesen gleichermaßen untersuchen“ wollen.

Bei der Suche nach der Ursache brachten sich die Angehörigen der Opfer lautstark ein. Sie warfen dem Hausbesitzer vor, Elektrik und Heizung vernachlässigt zu haben.

Der Brand geriet zum Politikum. Bundeskanzlerin Angela Merkel verbat sich die Vermutung des damaligen türkischen Präsidenten Abdullah Gül, die Ermittlungen seien einseitig ausgerichtet. Während der Botschafter Hüseyin Avi Karslioglu „volles Vertrauen“ in die deutschen Behörden hatte, bezweifelte der angereiste Vize-Ministerpräsident Bekir Bozdag, dass „auch eine radikale Situation wie in der Vergangenheit“ in Betracht gezogen werde. Die angekündigten Ermittler aus Ankara blieben zwar aus, dafür wurden alle acht Leichen in Istanbul ein zweites Mal obduziert.

Fünfter Jahrestag des Feuers von Backnang bei dem eine türkische Mutter und sieben Kinder starben
Ein Feuerwehrmann beim Brandeinsatz in Backnang. Foto: BENJAMIN BEYTEKIN/dpa
Knapp einen Monat danach meldete die Kripo „Anhaltspunkte für eigenes Verschulden der Familienmitglieder“. Das Feuer sei neben einem Sofa ausgebrochen, auf dem die Großmutter geschlafen habe – wohl ausgelöst durch eine Kippe. Aus dem Schwelbrand habe „ein offener Flammenbrand“ entstehen können, weil die Familie nicht sofort die Feuerwehr alarmierte, sondern mit Kochtöpfen löschen wollte.

Ein Strafverfahren sei nicht eingeleitet worden, sagt Michelfelder: „Es kam zu keiner Schuldfeststellung, alle Angehörigen machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.“ Das Gesetz sieht einen Verzicht auf Strafe vor, wenn die Folgen der Tat „so schwer sind, dass die Verhängung einer Strafe offensichtlich verfehlt wäre“. Michelfelder findet beim Blick zurück „keine Defizite“. Die Polizei habe sich „weit über das übliche Maß hinaus engagiert – das war der einzig richtige Weg“.

Fünf Jahre danach

Heute erinnert nichts mehr an die Katastrophe. Schäden sind beseitigt, Wohnungen vermietet. Das Kultlokal „Merlin“ war entgegen erster Befürchtung doch zu retten, heute wird der 21. Geburtstag gefeiert. Der griechische Wirt Christos „Taki“ Kiroglu hatte beim Brand Großmutter, Sohn und Enkel gerettet; türkische Medien feierten ihn als Held.

Die Getränkehandlung von Walter Schüle ist nach einem Intermezzo in einem unbeheizten Altbau wieder am angestammten Platz. Schüle war damals von der Brandnachricht völlig überrascht, denn in Gedanken war er bereits beim vierten Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden – seine Tochter Sabrina gehörte zu den Opfern des 11. März 2009.

Der Besitzer des Anwesens kann nicht befragt werden. Der Geschäftsmann aus Schwäbisch Hall ist bis Mitte April in Thailand – wie damals.

Der verheerende Brand trug zu mehr Sicherheit in anderen Häusern bei. Der Landtag beschloss am 10. Juli 2013 die verpflichtende Einführung von Rauchmeldern. Treibende Kraft war der damalige Innenminister Reinhold Gall (SPD), selber Mitglied der freiwilligen Feuerwehr. Gall hatte sich in Backnang einen Eindruck vom Ausmaß des Feuers verschafft. Nach seiner Einschätzung hätten nun auch Politiker, die zuvor einem verpflichteten Einbau von Rauchmeldern kritisch sahen, gemerkt, dass dieses Warngerät „mit Sicherheit hätte Leben retten können“.

OB-Kritik an Besuchen von Politikern

Frank Nopper ist seit 2002 Oberbürgermeister in Backnang. Die Stadt hat rund 35 000 Einwohner. Er kritisiert das Verhalten von Politikern an der Brandstelle. „Spitzenpolitiker sollten erst dann bei einem solchen Ereignis vor Ort erscheinen, wenn es zumindest ansatzweise Anhaltspunkte für einen politischen oder extremistischen Hintergrund gibt. Im vorliegenden Fall handelten sie jedoch nach dem Motto: Selbst wenn die Brandtragödie keinen politischen Hintergrund hat, gehe ich vorsorglich vor Ort, für den Fall, dass sie doch einen politischen Hintergrund hat. Dass Spitzenpolitiker bei einem solchen Unglück ihre Anteilnahme bekunden, ist gut und richtig. Es ist jedoch sinnvoll, dass dies erst im Rahmen oder im Umfeld der Trauerfeier erfolgt.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

10.03.2018, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball