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Für Herz und Magen
Unternehmer Marcus Klein hält beim „Heißen Kessel“ die Fäden in der Hand. Foto: Caroline Holowiecki
Soziales

Für Herz und Magen

Alle zwei Monate erhalten Bedürftige in den noblen Stuttgarter Design Offices kostenlos Essen, Kleidung und Zuwendung. Die Nachfrage steigt.

04.04.2017
  • CAROLINE HOLOWIECKI

Stuttgart. Fertig?“, ruft der Türsteher und schaut sich rasch um. Alle nicken. Fertig! Die Tür öffnet sich, die Leute strömen hinein. „Langsam, langsam“, ruft er, damit sich die älteren Leute mit ihren Gehstöcken und Wägelchen nicht gegenseitig zu Fall bringen, doch die Tische mit der Second-Hand-Kleidung scheinen sie magnetisch anzuziehen. Sekunden später verschwinden die ersten Hemden, Handtaschen und Jeanshosen in mitgebrachten Plastiktüten. Das Küchenteam mit den dampfenden Lasagneformen hat zunächst nichts zu tun beim „Heißen Kessel“. Heiß begehrt ist hier erst mal die Kleidung. Wer sich vordrängelt, wird angegiftet.

Alle zwei Monate erhalten Bedürftige im ersten Stock der hippen Design Offices in der Lautenschlagerstraße im Stuttgarter Zentrum kostenlos ein Mittagessen, Kaffee, Kuchen und gebrauchte Kleidung. Initiiert hat das Projekt Marcus Klein. 42 Jahre, sportlich, Glatze, Banker und Inhaber einer Start-up-Firma. Ein Erfolgstyp. „Ich arbeite schon viele Jahre selbstständig, und die Stadt war immer gut zu mir. Ich will etwas zurückgeben“, sagt er. Das erste Mal wurde der „Heiße Kessel“ Ende Januar 2016 angeschürt. 60 bis 80 Menschen kamen. Mittlerweile, beim siebten Mal, drängen sind um die 300 Leute. Die meisten von ihnen sind deutlich über 50. Nicht etwa die klassischen Obdachlosen machen die Hauptklientel aus, sondern Senioren, denen die Rente nicht reicht. Altersarmut.

Marcus Klein erreicht seine Gäste über Muliplikatoren wie die Tafel. Alle, die dort einkaufen, kriegen ein Flugblatt zugesteckt. Wo Daimler-Manager sonst an Seminaren teilnehmen, gibt es etwas Warmes, Brot, Äpfel und Hefezopf auf Plastiktellern. Alles gespendet. Je nach Sponsor gibt's auch Neuware. Dieses Mal konnte Marcus Klein Fruchtsäfte und Honig ergattern. „Ich kriege keine Genehmigung für öffentliche Hallen, weil ich keinen eingetragenen Verein habe, und im Restaurant will die Leute keiner haben“, sagt er. Den Eigentümer der Design Offices kenne er eben.

Es ist das große Netzwerk von Marcus Klein, das den „Heißen Kessel“ möglich macht. Die Kleider etwa bekommt er von Bekannten, die wiederum Bekannte ansprechen. „Ich habe noch nie ein Nein bekommen. Jeder will mitmachen. Was den Leuten aber in der Regel fehlt, ist einer, der die Fäden in der Hand hat“, sagt er. Um die 30 Leute helfen pro Veranstaltung ehrenamtlich. Barbara Praun (67) und Marga Holzhausen (61) haben heute wieder seit 10.30 Uhr Klamotten sortiert. Das vierte Mal sind sie dabei. Zwei elegante Frauen mit dezentem Schmuck und Markenkleidung. „Die Leute hier sind sehr nett. Die Frauen freuen sich über etwas Beratung“, sagt Marga Holzhausen. Gerade Frauen sei oft wichtig zu kaschieren, dass sie wenig haben. Es wird viel geredet am Kleidertisch. Viele Frauen seien geschieden, ungelernt,„ausgemustert vom Leben“, sagt Barbara Praun.

Erika Roth ist 79, seit 20 Jahren Rentnerin. 46 Jahre hat sie geschafft, erzählt sie, während sie ihren langen Zopf nach hinten streicht. Hilfsarbeiterin war sie, zwei Kinder hat sie allein aufgezogen. „Die Rente reicht grad so“, sagt sie. 150 Euro blieben ihr nach allen Abzügen im Monat, „und die fünf Enkel und drei Urenkel wollen auch mal ein Geschenkle“, sagt sie und schiebt sich ein Stück Lasagne in den Mund.

„Schreiben Sie, dass die Lasagne sehr, sehr gut ist“, ruft Rahim Raschidan und schickt ein breites, fast zahnloses Lächeln hinterher. Der gebürtige Iraner kommt jeden Samstag mit seinem VW-Bus von Bad Teinach nach Stuttgart, um Flohmärkte zu besuchen. Beim „Heißen Kessel“ gab es für den 67-Jährigen heute eine Bettdecke umsonst. Die Plastiktüte bewacht er ebenso wie die zweite, in der die gesammelten Flaschen vom Vormittag sind.

Es wird langsam ruhiger, an den leeren Kleidertischen wird gespeist. Sabine Sipp wirbelt durch den Raum, sammelt Müll ein, weist Leuten den Weg. Sie arbeitet als Abteilungsleiterin, „Zeit ist mein höchstes Gut“. sagt Sabine Sipp. Dennoch ist sie von Anfang an als Ehrenamtliche beim „Heißen Kessel“ dabei. „Das gibt mir unheimlich viel. Das erdet.“ Viele begrüßen die 46-Jährige mit Handschlag. Auch Alfred Möckel lächelt ihr zu. Der 80-Jährige trägt ein makellos gebügeltes hellblaues Hemd, drüber ein Sakko. „Ich bin allein. Ich muss unter die Leute“, sagt er und nimmt einen Schluck vom Kaffee. Beim „Heißen Kessel“ hat er Gesellschaft, außerdem „beruhige“ ihn das kostenlose Essen auch ein bisschen. „Bis zum 15., 16. eines Monats reicht die Rente, danach muss ich langsam machen.“

Nach einer Stunde ist das Essen alle. An den Stehtischen wird geplaudert. „Heißer Kessel“-Gründer Marcus Klein ist wichtig, Berührungsängste abzubauen. Gemeinsam schwätzen, „das ist ein wichtiger Bestandteil der Integration“. Er hält kurz inne. „Mein Senior ist vor einem Jahr gestorben. Ich habe seine ganze Kleidung hergebracht. Wenn ich dann einen seiner Pullover auf der Straße wiedersehe, dann weiß ich, was wir hier machen, ist wichtig.“

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04.04.2017, 06:00 Uhr

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