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Theater geht alle an

Für Klaus Pierwoß ist 1968 nicht abgehakt

In seiner gerade wieder aufgenommenen Collage „68“, am echten Schauplatz Universität, verknüpft das LTT die damalige Studentenrevolte mit dem studentischen Protest heute.

03.10.2010
  • Ulrike Pfeil

Für den Theatermann Klaus Pierwoß hat 1968 nie aufgehört zu wirken. Die Erfahrungen von damals prägten sein Intendantenleben von den Anfängen am Tübinger LTT über Köln bis zu seinen Bremer Jahren, in denen er heftige politische Kämpfe um die Finanzierung des Drei-Sparten-Hauses focht.

Für Klaus Pierwoß ist 1968 nicht abgehakt
Zwei, die von 1968 selbst geprägt wurden: Die früheren Tübinger Intendantenkollegen Siegfried Bühr (links) und Klaus Pierwoß im Gespräch in der Neuen Aula der Tübinger Uni, vor der „68“-Aufführung. Bühr war zur gleichen Zeit Intendant am Zimmertheater wie Pierwoß am LTT und später unter seinem Freund Pierwoß Hausregisseur am Kölner Schauspielhaus.Bild: Faden

Am Donnerstag war Pierwoß wieder einmal in der „alten Heimat“ (ja, der heute in Berlin lebende hat noch eine starke emotionale Beziehung zu Tübingen). Das LTT hatte ihn eingeladen, im Anschluss an eine Aufführung über die Zeit nach 68 zu sprechen.

Ein „Alt-68er“ ist Pierwoß, Jahrgang 1942, nicht. Als Student der Theaterwissenschaft in Wien erlebte er selbst nur eine milde Form der Bewegung: Studenten, die mit persischen Kommilitonen demonstrierten, wenn der Schah zum Arztbesuch nach Wien kam. Sitzen zu bleiben, wenn der Professor in der Uni den Hörsaal betrat, war schon eine gröbere Unbotmäßigkeit. Aber Pierwoß lernte damals, „Ästhetik und Politik zusammen zu denken“. Und der schüchterne, leicht errötende Student lernte, vor großen Versammlungen zu reden.

Als Pierwoß 1971 zunächst als Dramaturg nach Tübingen kam, mit der Frankfurter Schule im Theorie-Rucksack, hatte die Bewegung über die Uni hinaus schon die Gesellschaft erreicht. Überall und über alles wurde diskutiert, unter den Schauspielern wie abends mit dem Publikum, auch an den Abstecher-Orten. Von denen brach man spätnachts im klapprigen VW nach Tübingen auf, um im „Stern“ (dem einzigen Lokal, das bis zwei Uhr offen hatte) weiter zu diskutieren.

Das Bedürfnis, alles in Frage zu stellen und theoretisch neu zu durchdringen, bestimmte auch das Theater: Der neue Dramaturg gründete einen „Kapital-Arbeitskreis“ zur Marx-Lektüre und versorgte die Schauspieler vor jeder Inszenierung mit dicken Materialsammlungen (alles auf Matrizen kopiert). Viele, vermutet er heute, „legten sich das nur unters Kopfkissen“.

Doch alles zusammen blieb nicht ohne Wirkung: „Wir haben damals das LTT politisiert.“ Und das nicht nur im anekdotenhaften Sinn. Ja, auch im LTT gab es rituelle Reibereien zwischen linken Fraktionen. „Das ist typisch revisionistisch, dass Sie Ihren Text nicht können“, fuhr etwa ein K-Gruppen-Mitglied einen DKPisten an. Nein, etwas anderes kam Pierwoß später als Intendant in Bremen (1994 bis 2007) zugute: die Fähigkeit, eine Beziehung zur Öffentlichkeit jenseits des Theaters herzustellen. Für das Theater als eine gesellschaftlich wichtige Einrichtung auch jene zu werben, die selbst vielleicht nicht hingehen, aber doch finden, „dass so etwas zum Leben in ihrer Stadt gehört“.

Und so „popularisierte“ er das Theater und die Konflikte: Als vom Bremer Senat Sparzwänge drohten und vertragliche Zusicherungen nicht eingehalten wurden, mobilisierte Pierwoß den Fußballverein als Unterstützer. Zusammen mit dem Bürgermeister fuhr er auf dem Tandem ins Werder-Stadion ein. Unter den Prominenten, die für das Bremer Theater das Wort ergriffen, war Filmstar Michel Piccoli, aber eben auch Fußballstar Olli Reck.

Später, als es um die Rettung des Wuppertaler Theaters ging, hielten sie ihn erst für verrückt, weil er die Demo mit Motorradfahrern eröffnen ließ. Aber unter denen ritt der Kohlenpott-Schauspieler Armin Rohde. Auch so kann „Gegenöffentlichkeit“ entstehen (ein Begriff von 68). „Die“, sagt Pierwoß, „hat uns gerettet.“ Mit ihr im Rücken scheute er auch den Gegenangriff nicht. In einer Theaterkrise ließ er sich das Karl-Kraus-Zitat „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten“ aufs T-Shirt malen.

Raus aus der eigenen Institution, die Öffentlichkeit gewinnen, das empfiehlt Pierwoß auch den kritischen Studenten heute. Für ihn ist es die nachhaltigste Botschaft von 1968. Er ist noch immer dankbar dafür.

Info: Weitere Aufführungen des Stücks „68“ sind am heutigen Samstag sowie am 6., 7. und 9. Oktober. Beginn 20 Uhr in der Neuen Aula.

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03.10.2010, 12:00 Uhr

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