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Leben macht Durcheinander

Für Regisseur Jean-Pierre Améris ist Kino die Rettung und Familie das große Los

Unglaublich schüchtern sei er, mit diesen Worten gewann Jean-Pierre Améris schon am Eröffnungsabend das Filmtage-Publikum im großen Museum-Saal für sich. Außerdem verriet er, dass sein Film „Famille à louer“ autobiografisch ist.

06.11.2015
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Jean-Pierre Améris macht seit 22 Jahren Filme. Mit seinem Erstling „Le Bateau de mariage“ war er 1994 in Tübingen und bekam den Jugendjury-Preis. Letztes Jahr flossen die Tränen sturzbachartig bei „Marie Heurtin“ („Die Sprache des Herzens“), dem Film über das Klosterleben eines taubstummen, blinden Mädchens. Doch bei Améris Eröffnungsfilm heulte niemand, der Film ist nach „die anonymen Romantiker“ (2010) seine zweite Komödie.

„Wenn ich es könnte“, sagt Améris am nächsten Tag im Filmtagebüro, „würde ich nur Komödien drehen.“ Aber für das lustige Genre braucht er autobiografische Vorlagen, und die liefert das Leben nicht immer. Für die „Familie zum Vermieten“ war es aber so. Der 54-jährige Regisseur und Drehbuchautor schwört, auf genau diese Art seine Familie mit Lebensgefährtin Murielle Magellan gefunden zu haben. Sicher ist das nicht allzu wörtlich zu verstehen, eher so, dass auch er wie sein Protagonist erst spät die Bedeutung von Familie erfahren hat, denn mit seiner Frau trat gleich ein Stiefsohn in sein Leben.

Im Film mietet sich ein reicher depressiver Hagestolz (Benoît Poelvoorde, siehe oben im Bild als Gott) mitten in eine arme, aber vor Vitalität platzende Familie ein. Das Ende dieser Allianz ist absehbar, da muss man kein Mentalist sein. Der griesgrämige Neurotiker Paul-André wird aufgeknackt und lässt sich auf das Abenteuer Familie ein. Sein schriller Gegenpart, die prollige Violette (Virginie Efira), beginnt sich ebenfalls allmählich für ihn zu interessieren. Die Beiden helfen sich gegenseitig, sich aus ihren Rollenkorsetts zu befreien. Die Geschichte dürfte vielen Glaubwürdigkeitsfanatiker/innen missfallen. Denn Paul-Andrés Anziehungskraft bleibt sehr im Verborgenen. Ganz mag man nicht verstehen, was die lebenslustige Violette schließlich in seine Arme treibt – außer eben dass ein keineswegs anonymer, doch romantisch veranlagter Regisseur es gerne hätte.

Wer sich jedoch von der Idee befreit, ein Plot müsste nachvollziehbar sein, dem enthüllt das Werk seine Reize. Lustige Dialoge, knappe Pointen und Running Gags wie ein ständig aufspringender Kühlschrank. Das Happyend ist ironisch gebrochen – dem Kühlschrank sei Dank!

Sein Familienfilm sei ein Märchen wie „La Belle et la Bête“, findet Améris. Deshalb habe er auch die Lebensumstände überzeichnet: den einsamen teuren Bunker des Mannes und die Schrebergartenhütte der Frau.

Familie entstehe für ihn auch im Kopf. „Die schönste Familie ist die, die man sich ausdenkt.“ Wenn es auch im realen Alltag Streit und Probleme gebe, so sei da doch ein inneres Band der Zusammengehörigkeit. Man nervt sich und liebt sich wie in den turbulenten Picknickrunden in Améris Film.

Für Améris kostete es scheinbat eine ähnliche Überwindung wie für seinen Protagonisten, sich auf ein solches Miteinander einzulassen. „Leben ist da, wo Durcheinander ist“, sagt der geläuterte Regisseur. „Im Leben steht der Aschenbecher auch nicht immer an der gleichen Stelle.“

Améris wirkt gar nicht so schüchtern, wie er behauptet, aber in den Tiefen seiner Biografie erscheint das Kino als Lichgestalt und Lebensretter. Er sei als Jugendlicher sehr blockiert gewesen, so habe er sich niemals in größere Menschenansammlungen getraut. Kino sei für ihn so erhebend wie die Musik von Bach.

Zwei bis drei Jahre schreibt er an den Drehbüchern seiner Filme, meist parallel an mehreren. Zusammen mit seiner Frau arbeitet er derzeit auch wieder an einem. Das macht die Sache nicht einfacher. „Es ist sehr riskant!“ sagt Améris mit einem Lachen, das zeigt, dass genau dieses Risiko ihn reizt (Freitag, 18.15, Museum 1, mit Gast, OmdU).

Für Regisseur Jean-Pierre Améris ist Kino die Rettung und Familie das große Los
Regisseur Jean-Pierre Améris. Bild: Sommer

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06.11.2015, 12:00 Uhr

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