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Lisa Weber kümmert sich um Probleme aller Art

Für alle Fälle

Lisa Weber (29) ist Sozialarbeiterin im Gefängnis in Rottenburg. Sie findet ihren Job spannend – wie sie dazu kam, berichtete sie im FLUGPLATZ-Interview.

19.06.2012
  • Carolin Deregowski (18)

Alles begann für Lisa Weber während des Studiums. Damals machte sie ein Praktikum im Gefängnis und fand sofort Gefallen daran. „Dort treffen einfach alle Bereiche aus der Arbeit eines Sozialarbeiters zusammen: von Suchtproblemen über den Umgang mit Straftätern bis hin zu psychiatrischer Betreuung.“ Dementsprechend groß ist auch ihr heutiges Aufgabenfeld. Sie ist zuständig für die Betreuung von Gefangenen und steht ihnen mit Rat und Tat beiseite. In freiwilligen Sprechstunden können die Häftlinge sie in ihrem Büro aufsuchen, und die Sozialarbeiterin versucht zu helfen, wo sie nur kann. Bei den Gesprächen, die sich dabei entwickeln, geht es oft um das Leben nach der Haft. Endlich in der Freiheit angekommen, stehen viele Menschen vor dem Nichts. Keine Arbeit, keine Wohnung, und auch die sozialen Kontakte sind nach der Zeit abgebrochen.

Die Suche nach einer Wohnung oder einem Arbeitsplatz stellt sich als äußerst schwierig dar. Dann hilft Lisa Weber den Leuten, Bewerbungen zu schreiben, oder vermittelt Kontakte zu potentziellen Arbeitgebern, Therapeuten und Suchtberatungsstellen. Eine weitere wichtige Aufgabe eines Sozialarbeiters im Gefängnis ist die Vollzugsplanung. Lisa Weber spricht mit den Leuten darüber, wie sie aufgewachsen sind, welche familiären Bindungen sie haben, ob sie einen Beruf ausüben, ob sie in einem Drogenproblem stecken, was sie sich selbst wünschen. Eine Folge dieses Gesprächs können „vollzugsöffnende Maßnahmen“ sein. Beispielsweise gibt es, außerhalb der Gefängnismauern, das sogenannte „Freigängerheim“. Wer dort einsitzt, darf tagsüber raus, sein normales Leben leben und seinen normalen Job ausüben. Außerdem muss Lisa Weber Stellungnahmen schreiben, die beurteilen helfen, ob jemand früher entlassen werden soll.

Enttäuschungen erlebt sie bei ihrer Arbeit nicht selten. „Wenn Gefangene nach kurzer Zeit rückfällig werden, ist das frustrierend. Besonders, wenn man viel Zeit und Mühe investiert hat. Aber damit habe ich gelernt umzugehen.“ Manchmal empfindet die Sozialarbeiterin auch Mitleid mit Häftlingen. Zum Beispiel bei tragischen Abschiebungsfällen: „Manche Männer haben schon so lange in Deutschland gelebt, haben dort Familie und eine Existenz aufgebaut,“ erzählt sie und ergänzt ernüchternd, „und trotzdem werden sie abgeschoben.“ Ein Abschiebegefängnis gibt es in Rottenburg zwar nicht mehr – dort wurden früher Flüchtlinge eingesperrt, die nichts anderes verbrochen hatten, als ohne Genehmigung in Deutschland zu sein. Jedoch werden Menschen mit ausländischem Pass oft abgeschoben, wenn sie zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurden.

Neben diesen unerfreulichen Momenten kann Lisa Weber auch von positiven Erfahrungen berichten. Zu diesen eindrücklichen Ereignissen gehörte zum Beispiel das Weihnachtsbasteln. Die sonst so schroffen Männer bastelten für ihre Familien und Angehörige schöne Dinge, und nebenher entwickelten sich sehr emotionale Gespräche. Dabei wurde der Sozialarbeiterin klar, dass die Gefangenen oft auch nur das Bedürfnis nach Zuneigung haben.

Im Gegensatz zu den Rückfälligen gibt es natürlich auch die Paradebeispiele, von denen Lisa Weber berichten kann: „Letztens bekam ich einen Anruf von einem Abgeschobenen aus der Türkei. Er wollte sich erkundigen wie es mir geht, und hat erzählt, wie es ihm in der Zwischenzeit ergangen ist.“

Wie geht man mit Schwerverbrechern oder Vergewaltigern um? Kann man solchen Menschen überhaupt gegenübertreten, ohne selbst Hass zu empfinden? Für die Sozialarbeiterin ist das kein Problem: „Ich verurteile die Tat, nicht aber den Menschen.“ Weiter ergänzt sie: „Unsere Aufgabe ist es nicht zu urteilen, das hat der Richter schon getan. Wir sind für die Resozialisierung zuständig.“ Insgesamt macht der Sozialarbeiterin ihr Job Spaß.

Für alle Fälle
Lisa Weber

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19.06.2012, 12:00 Uhr

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