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Für sich und doch miteinander
Die WG-Küche ist ein beliebter Treffpunkt für die Bewohner der Senioren-Wohngemeinschaft am Stockenberg. Leo Zülke (rechts) kocht dort am liebsten Königsberger Klopse, Hans-Dieter Karbach (Mitte) isst lieber mit, und Pflegeaushilfskraft Ivan Marinovic stärkt sich dort nach der Nachtschicht. Bild: Priotto

Für sich und doch miteinander

Wohnen Im Pflegeheim am Stockenberg leben derzeit fünf Männer in einer Senioren-WG. Den Alltag meistern die Rentner selbstständig, bei Bedarf gibt‘s Hilfe.

12.11.2016
  • Cristina Priotto

Allein sein im Alter, das möchte niemand. Seit eineinhalb Jahren bietet das Haus der Betreuung und Pflege am Stockenberg in Sulz die Möglichkeit einer betreuten Senioren-Wohngemeinschaft mit neun Plätzen. Fünf davon sind derzeit belegt – alle von Männern. Die SÜDWEST PRESSE hat dem Quintett einen Besuch abgestattet.

Hans-Dieter Karbach wohnt eigentlich nur vorübergehend am Stockenberg. Seinem barrierefreien Zimmer hat der Böblinger mit selbst mitgebrachten Möbeln und Dutzenden bunter Kuscheltiere eine persönliche Note gegeben.

Bad und Küche geteilt

Jeweils zwei WG-Bewohner teilen sich ein Badezimmer: „Jeder hat eine Ablage, die untere ist meine“, erklärt Karbach und zeigt in die blitzsaubere Nasszelle. Die Renigung übernehmen zweimal in der Woche Reinigungskräfte des Pflegeheims, und auch die Wäsche der Männer wird abgeholt und gewaschen zurückgebracht.

Außer dem Bad steht den Männern immer zu zweit ein Abstellraum zur Verfügung, etwa für Koffer, Getränke oder Kleinkruscht.

Am Ende des langen Gangs auf Höhe der Tiefgarage befindet sich das gemeinsame Wohnzimmer. Von dort aus, ebenso wie von den Einzelzimmern, haben die WG-Bewohner einen sehr guten Ausblick aufs Städtle. Im Salon gibt es einen Fernseher sowie Tische für Spiele oder Feiern. „Bei Geburtstagen kommt hier oft die Familie zusammen“, erklärt Eva-Maria Rettig, die im Haus am Stockenberg für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Der beliebteste Treffpunkt der Senioren ist aber die Küche: Dort spielen die Männer oft Karten – „wahrscheinlich, weil es dort etwas zu Essen und zu Trinken gibt“, mutmaßt Rettig.

Der Kochbereich ist sehr großzügig und mit Backofen, Herd, Mikrowelle und Spülmaschine gut ausgestattet. Die meisten Küchengeräte hat einer der WG-Bewohner nach der Haushaltsauflösung mitgebracht. In einer Vorratskammer besitzt jeder der Männer mehrere Regalfächer: Bier, Eintopf in Dosen, Spätzle, Gurken, Tütensuppen, Salzstangen und Schokolade liegen darin. Damit unterscheidet sich die Senioren-WG kaum von einer studentischen Jungs-Wohngemeinschaft.

Den WG-Bewohnern steht es frei, entweder selbst zu kochen, beim offenen Mittagstisch im „Café Ambiente“ mit anderen Senioren aus dem Pflegeheim zu Mittag zu essen oder sich „Essen auf Rädern“ aufs Zimmer bringen zu lassen. Das Frühstück nimmt meist jeder für sich ein, denn einige der Männer sind Frühaufsteher und brauchen schon morgens um 5 Uhr eine Stärkung. Wenn in der Küche gekocht wird, müssen die Nutzer das Geschirr und die Kochutensilien selbst spülen. „Das funktioniert“, registriert Pflegedienstleiterin Elisabeth Pongo mit einer Mischung aus Freude und Staunen.

Im Lauf des Tages treffen sich die WG-Bewohner etwa zum gemeinsamen Radiohören oder Fernsehen. Gerne besuchen die Männer aber auch die hauseigenen Veranstaltungen oder gehen zusammen ins Städtle, oder zum Arzt. Hans-Dieter Karbach und Leo Zülke etwa kommen gerade beide vom Blutabnehmen. „Danach haben wir uns beim Bäcker erstmal ein Croissant gegönnt“, erzählt Zülke. Der Mittsiebziger kocht leidenschaftlich gerne: „Am liebsten Königsberger Klopse mit Rinds- oder Kohlrouladen“, verrät der Villingendorfer. Heute steht jedoch Gemüseeintopf auf dem Speiseplan. „Uns gefällt‘s hier gut“, sagt Leo Zülke strahlend, der vor drei Monaten eingezogen ist und sich nach eigenen Angaben „fit wie ein Turnschuh“ fühlt.

Die WG gewährt den Männern größtmögliche Eigenständigkeit: Besuch empfangen, Einkaufen, Kochen oder Verreisen – das alles müssen die fünf aktuellen Senioren mit niemandem absprechen.

Bei Bedarf können die Bewohner Betreuung oder Pflege bei einem ambulanten Pflegedienst nach Wahl in Anspruch nehmen. Damit unterscheidet sich die Senioren-Wohngemeinschaft am Stockenberg von den Rentner-WGs von Barbara Otte. Der Hausnotrufdienst rund um die Uhr ist im Mietpreis inbegriffen.

Nah am Pflegebereich

„Der Anlauf war schwierig“, berichtet Eva-Maria Rettig vom Start des besonderen Wohnprojekts. „Für die Männer war das eine gute Lösung“, ist die Sprecherin zwischenzeitlich überzeugt. Die jetzigen Bewohner sind zwischen Mitte 60 und Mitte 80. Einige der Senioren waren zuvor im Pflegebereich des Hauses am Stockenberg untergebracht – und haben es später mal nicht weit, wenn der Gesundheitszustand und die Fähigkeit zu selbstständigem Wohnen nachlassen. „Das Wohnumfeld bleibt dann dasselbe“, nennt Rettig einen Vorteil. Mit der Sozialstation Sulz hat das Pflegeheim einen Kooperationspartner: Die Mitarbeiterinnen kommen regelmäßig zur Behandlung ins Pflegeheim. „Unsere WG ist ambulant betreut, kein Betreutes Wohnen“, betont Eva-Maria Rettig.

Der Bereich, in dem sich die Senioren-Wohngemeinschaft befindet, ist 2012 fertiggestellt worden. Während in anderen Teilen des Gebäudes umgebaut wurde, quartierte das Pflegeheim einige Bewohner dorthin aus.

In drei der Zimmer leben zurzeit junge Mitarbeiter des Hauses am Stockenberg aus Kroatien und Ungarn. Somit ist die Wohngemeinschaft auch ein Beispiel für das gelungene Zusammenleben mehrerer Generationen.

„Das Schöne ist, wir können für uns sein und doch ist immer jemand in der Nähe“, fasst Hans-Dieter Karbach zusammen. Leo Zülke nickt, ein Lächeln huscht über das runzlige Gesicht. Für die Männer bietet die WG nicht nur Platz zum Wohnen, sondern auch Raum für neue Freundschaften.

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12.11.2016, 01:00 Uhr

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