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Volksbanken kämpfen um ihr Geld

Furcht vor europäischer Bankenunion nach Kommissionsmuster

Die Euro-Krise mit historisch niedrigen Zinsen wirkt sich auf den Geschäftsverlauf auch der Volksbank Herrenberg-Rottenburg aus. Die Kundeneinlagen wuchsen mäßig, die Kreditaufnahmen stark. Die Bank erwartet ein ordentliches Ergebnis.

16.10.2012
  • Gert Fleischer

Rottenburg. 40.800 Mitglieder hat das genossenschaftliche Kreditinstitut jetzt. Sie können auf fünf Prozent Dividende für ihre Einlagen hoffen, obwohl das allgemeine Zinsniveau deutlich niedriger liegt. Dass die Zinsen so niedrig sind, hängt mit der Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) zusammen, die „die Geldschleusen ex trem geöffnet“ habe, sagte Vorstandssprecher Helmut Gottschalk gestern beim Pressegespräch in Rottenburg.

Verunsicherte Kunden rätseln, wie und wo sie ihr Geld anlegen. Auch den starken Wettbewerb spüre die Volksbank Herrenberg-Rottenburg (VHR). Trotzdem rechne sie mit einem „guten Ergebnis“. In wichtigen Geschäftsfeldern verzeichne sie Zuwachs. Gottschalk: „Wir sind dankbar, dass uns die Kunden vertrauen.“ Ihre Einlagen stiegen seit Ende August vorigen Jahres um 4,2 Prozent auf 965 Millionen Euro. Der Zuwachs hat sich jedoch verlangsamt. Hinzu kommen 404 Millionen Euro in den Kundendepots (plus 2,3 Prozent).

Ob Tagesgeld, normale Spareinlagen oder Wertpapiere des Bundes – überall gibt es Zinsen, die unter der Inflationsrate liegen und somit das gesparte Geld real an Wert verlieren lassen. Aktien haben seit Jahresbeginn durchschnittlich 20 Prozent Wert gewonnen, doch den meisten Privatanlegern in Deutschland seien Aktien nicht sicher genug. Sie nähmen diesbezügliche Empfehlungen der Bank nicht an. Die Erwartungen der VHR beim Wertpapier-Dienstleistungsgeschäft haben sich deshalb „nicht voll erfüllt“.

In dieser Situation, so Gottschalk, bevorzugen die Menschen Sachanlagen. „Die Neigung, das Geld in eine Eigentumswohnung anzulegen, ist groß.“ Dies umso mehr, als es Immobiliendarlehen mit zehn Jahren Laufzeit für weniger als drei Prozent Zins gibt. Bei selbst genutzten Immobilien sei das Investment in Gebäude kaum ein Problem. Schwieriger sehe es aus, wenn Wohnungen als Kapitalanlage mit langfristigen Renditeerwartungen verknüpft werden.

Wenn in 15 Jahren 7 bis 9 Millionen Menschen weniger in Deutschland leben, lasse die Nachfrage von Mietern oder Käufern nach. Gottschalk: „Wer kauft dann ein Haus, das weit entfernt von der S-Bahn-Linie steht?“ Möglicherweise muss das restliche Darlehen zu einem wesentlich höheren Zinssatz verlängert werden. Wer in Immobilien investiert, solle gut prüfen, wo. Der Trend gehe in mittlere und große Städte, dort steigen derzeit Kaufpreise und Mieten.

Was die Inflationsrate angeht, glaubt Gottschalk an wenig Veränderung in den nächsten beiden Jahren, dann allerdings könnte sie steigen. „Ich vermute, das ist auch das, was die Politik will. Dann kann sie die Staatsverschuldung besser managen und lässt die Zeche die zahlen, die ihr Geld in die Altersvorsorge stecken.“ Auch deshalb empfehle die VHR derzeit keine lange Bindung bei Kapitalanlagen und grundsätzlich eine ausgewogene und breite Streuung.

Ausführlich ging Gottschalk – er ist auch Aufsichtsratsvorsitzender der DZ Bank AG und bekleidet einflussreiche Ämter im genossenschaftlichen Finanzverbund – auf den Plan der EU-Kommission ein, eine Bankenunion zu schaffen. Darin sollen alle 6000 Banken in der Euro-Zone von der EZB beaufsichtigt werden. Sparkassen und Genossenschaftsbanken reagierten bundesweit mit ganzseitigen Anzeigen als offener Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel: Sie verwahrten sich gegen den Zugriff in ihre bewährten Sicherungssysteme.

José Manuel Barroso, Präsident der EU-Kommission, nannte solche Ängste übertrieben. Danach wurde es ruhiger. „Die Sache ist überhaupt nicht ausgestanden“, warnt Gottschalk. Es gebe Hinweise, dass Kanzlerin Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble die Bankenunion und ihre Konsequenzen „nicht so schlimm sehen“.

Auch wenn der Griff in die Kassen einer Enteignung gleichkäme – noch schlimmer wäre die Gefährdung der gegenseitigen Institutshilfe, die das genossenschaftliche Bankensystem prägt: Gerät ein Mitgliedsinstitut in Not, sicherten die anderen seine Existenz. Die EU-Kommission dagegen sehe vor, Abwicklungsfonds einzurichten.

Wenn in Deutschland ein Kunde seinen Kredit nicht zurückzahlen kann und das Geld nicht anders abgesichert ist, müssen die Banken sofort eine Wertberichtigung schreiben, erklärte Gottschalk. Spanische Banken hätten „seit Jahren nicht mehr wertberichtigt“. Nach der Immobilienblase dort stünden mehr als eine Million Wohnungen leer. Sie hingen den Banken, vornehmlich den dort anders strukturierten Sparkassen, „wie ein Klotz am Bein“. Die EU stelle nun 60 Milliarden Euro bereit, um diese Banken zu retten. „Es kann nicht sein“, so Gottschalk für die Volks- und Raiffeisenbanken, „dass wir in Jahrzehnten angespartes Geld nach Spanien rüberschieben. Die Probleme sollen dort gelöst werden.“

Das bewährte System genossenschaftlicher Banken und Sparkassen dürfe nicht gefährdet werden. Der fruchtbare Wettbewerb dieser beiden Banken-Sparten sorge seit 150 Jahren dafür, „dass wir diese wunderbare mittelständische Struktur in Deutschland haben“. Großbanken kämen erst, wenn die Betriebe eine gewisse Größe haben.

Gottschalk: „Wir sind nicht kapitalismusgetrieben. Das hat uns der Internationale Währungsfonds von fünf, sechs Jahren noch vorgeworfen.“ Damals habe die EU bei der Bundesregierung durchsetzen wollen, dass die Privatbanken richtig Geld verdienen können. Gottschalk: „Seit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers ist das kein Thema mehr.“

Grundsätzlich hätten die Volksbanken nichts gegen eine Bankenunion. „Wir sind dafür“, so Gottschalk. Aber zuvor müssten gleiche Startvoraussetzungen EU-weit geschaffen werden.

Furcht vor europäischer Bankenunion nach Kommissionsmuster
In diesem Neubau in Wurmlingen könnte die Volksbank Herrenberg-Rottenburg am 6. Dezember eröffnen – vorausgesetzt, die Datenleitungen funktionieren.

Furcht vor europäischer Bankenunion nach Kommissionsmuster
Helmut Gottschalk, Vorstandssprecher der Volksbank Herrenberg- Rottenburg.

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16.10.2012, 12:00 Uhr

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