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Offenbacher aus Ofterdingen

Fußball: Der etwas andere Fanclub aus dem Steinlachtal

Es ist eine Fern-Beziehung, doch sie hält seit 51 Jahren allen Krisen stand: Fußball-Fans aus Ofterdingen pilgern regelmäßig 300 Kilometer zu ihren Offenbacher Kickers an den Bieberer Berg. Nach dem Motto: „Es ist uns eine Ehre, egal in welcher Liga“.

26.09.2010
  • hansjörg lösel

Ofterdingen. Kennen gelernt haben sie sich beim Endspiel 1959 um die Deutsche Meisterschaft – treu geblieben ist Walter Dürr seinen Offenbacher Kickers bis heute. Mit gerade 16 Jahren war Dürr im Berliner Olympiastadion dabei, als die Offenbacher Kickers gegen Eintracht Frankfurt verloren, mit 3:5 nach Verlängerung. Dürr entwickelte schnell Sympathien für den Verlierer, der schon damals in Berlin vom Schiedsrichter nicht unbedingt bevorzugt wurde. „Wir werden immer benachteiligt, der Deutsche Fußball-Bund sitzt halt in Frankfurt“, sagt der Ofterdinger Dürr – in der Wir-Form spricht er von den Offenbachern.

Fußball: Der etwas andere Fanclub aus dem Steinlachtal
Rot-weiße Leidenschaft: Ihre Fahne haben die Ofterdinger Offenbach-Fans selbst gemalt – bei langen Auswärtsfahrten hat sie auch schon als Decke gedient. Hinten von links Gerhard, Walter „El Presidente“ Dürr, Hubert und Rolf Dietter (der allerdings eher zu Borussia Mönchengladbach hält) Vorne, ebenfalls von links: Leyla, Benjamin Dürr und Steffen Knauss

1998 wanderte das „OFC-Virus“ vom Vater zum Sohn. Walter Dürr fuhr gemeinsam mit Filius Benjamin an den Bieberer Berg, beide waren allerdings zunächst inkognito unterwegs – im Fanbus des SSV Reutlingen. „Schal und Trikot war unter der Jacke versteckt, das haben wir erst in Offenbach angezogen“, erinnert sich Walter Dürr. Auch Benjamin verliebte sich sofort in den OFC. VfB-Fan zu werden oder Bayern-Anhänger kam für ihn nie in Frage. „Es ist das besondere Bieberer-Berg-Feeling, das gibt es nirgendwo anders“, sagt der 28-Jährige. Vater und Sohn Dürr haben immer wieder Freunde und Bekannte mit nach Offenbach genommen, rekrutierten so weitere OFC-Anhänger – 1999 gründeten sie schließlich einen eigenen Fanclub in der Diaspora, die OFC-Fans Ofterdingen. Gemeinsam fahren sie zu den meisten Heimspielen, unterstüzen die Kickers aber auch auswärts. Von Pfullendorf bis Darmstadt haben sie ihre Lieblinge begleitet, beim FC St. Pauli waren sie auch. „Ein bisschen bekloppt muss man schon sein“, sagt Benjamin Dürr. Die selbst gebastelte Fanclub-Fahne hängt im Stadion am Zaun, einen eigenen Schal haben sie auch – und natürlich einen Internet-Auftritt.

Walter Dürr kann viele Anekdoten aus der Kickers-Historie erzählen. Rudi Völler, Uwe Bein, Oliver Reck und Jimmy Hartwig – große Namen der Fußball-Bundesliga, die alle beim OFC gekickt haben. Legendenstatus erreicht hat allerdings vor allem Hermann Nuber. Dem Mittelläufer der legendären 59er-Elf haben sie sogar eine Büste im Stadion errichtet. „Der eiserne Hermann” war im Hauptberuf Metzger, stand in den 60er Jahren samstag vormittags noch selbst hinter der Theke und verkaufte seine Wurst – nachmittags kickte er dann in der Bundesliga. „Wenn es eng geworden ist, ging er dann selbst nach vorne und hat einen rein gehauen“, schwärmt Walter Dürr. Er hat früher selbst gekickt, beim SV Nehren. Leichtathlet war er auch, sprintete die 100 Meter in 11,4 Sekunden. Den OFC verfolgte er in dieser Zeit eher aus der Ferne – und im Radio. So beispielsweise 1970 den größten Erfolg der Vereinsgeschichte, DFB-Pokalsieg, im Endspiel überraschte der Außenseiter den großen 1. FC Köln. Doch fortan ging es bergab: Offenbach war in den Bundesliga-Bestechungsskandal verwickelt, geriet immer wieder in Geldnot. Ende der 80er Jahre war die Lizenz futsch, Walter Dürr aber hielt selbst in der Oberliga treu zu seinem Verein. Immer nach dem Motto: „Es ist uns eine Ehre, egal in welcher Liga“. Denn auf die Anhänger konnte sich der OFC immer verlassen. „Das ist auch das Besondere an diesem Verein, ohne die Fans würde es den Klub gar nicht mehr geben“, sagt Benjamin Dürr. Großsponsoren hatten die Kickers nie, finanzkräftiger sind die ungeliebten Frankfurter.

Kontakt zu den Profis hatten die OFC-Fans eher selten. Eine Ausnahme ist Suat Türker, der aus Reutlingen stammt. „Den haben wir mal auf Mallorca getroffen“, erinnert sich Steffen Knauss. Dort gab es gleich zwei Meisterschaften zu feiern: Die Zweite des TSV Ofterdingen war in die A-Liga, Offenbach in die zweite Liga aufgestiegen. Ansonsten allerdings müssen OFC-Fans oft Leidensfähigkeit beweisen, Erfolge sind rar. Besonders bitter war der Abstieg 2008 – seitdem dümpeln die Offenbacher in der Dritten Liga. In dieser Saison haben die Kickers aber einen furiosen Start erwischt, nach dem Sturm an die Tabellenspitze wartet das nächste Highlight im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund. Für das Mittwoch-Spiel werden die Ofterdinger extra einen Tag Urlaub nehmen. „Wir haben super eingekauft, Wolfgang Wolf ist der ideale Trainer, dieses Jahr passt es einfach“, sagt Walter Dürr – und sieht sogar darüber hinweg, dass Manager Andy Möller eigentlich ein Frankfurter ist. Die Meisterfeier 2011 ist jedenfalls schon fest eingeplant bei den Offenbachern aus Ofterdingen.

Stammplatz auf der Waldemar-Klein-Tribüne

„Es gibt kein besseres Stadion in Deutschland als den Bieberer Berg“, da sind sich die Ofterdinger OFC-Fans einig. Die Stimmung im 25 000 Zuschauer fassenden Stadion sei einzigartig – nicht zuletzt, weil es auf der Gegengerade ausschließlich Stehplätze gibt. Auf der Waldemar-Klein-Tribüne, benannt nach dem mittlerweile 91 Jahre alten Ehrenvorsitzenden, haben auch die Ofterdinger ihren Stammplatz. „Wenn richtig was los ist, schwankt die Tribüne“, berichtet Gerhard. Ein Ritual bei jedem Heimspiel: Die Schlussviertelstunde wird in Offenbach tatsächlich eingeläutet, vor der Henninger-Tribüne hängt eine Glocke. Eine architektonische Besonderheit: Am Bieberer Berg gibt es nur zwei Flutlichtmasten. Das soll auch nach dem Umbau der 1921 eröffneten Arena so bleiben, der im kommenden Jahr beginnt. Die Ofterdinger Offenbacher hoffen, dass „ihr“ Stadion dadurch das ganz besondere Flair nicht verlieren wird.

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26.09.2010, 12:00 Uhr

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