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Eltern und Trainer besonders aggressiv

Fußball: Uni Tübingen hat 2602 Schiedsrichter aus dem WFV-Gebiet zum Thema Gewalt im Fußball befragt

Werbung für den Schiri-Job ist das wahrlich nicht: Bei einer Befragung der Uni Tübingen durch Doktoranwärterin Thaya Vester von 2602 Schiedsrichtern in Württemberg gaben 54,6 Prozent an, oft, fast immer oder manchmal auf dem Platz beleidigt zu werden. 17,3 Prozent sind bereits tätlich angegriffen worden. Nicht nur aus diesem Grund schlägt die 30-Jährige Alarm: „Es besteht dringender Handlungsbedarf!“

17.01.2013
  • Sascha Eggebrecht

Horb/Tübingen. Es war eine der drastischsten Gewalttaten im deutschen Amateurfußball. Am 16. September 2011 wurde in Berlin ein Schiedsrichter von einem Spieler angegriffen und schwer verletzt. Mit einem Schädel-Hirn-Trauma musste Gerald Bothe mehrere Tage im Krankenhaus bleiben, zehn Minuten war er ohne Bewusstsein, nachdem er seine Zunge verschluckt hatte. Sein „Fehler“ damals: Er hatte einem Spieler die Gelb-Rote Karte gezeigt. „Das war eine Todeserfahrung“, sagte er wenige Wochen nach dem Vorfall.

In den Niederlanden endete ein ähnlicher Zwischenfall Ende des vergangenen Jahres sogar tödlich. Nachdem mehrere Jugendliche einen Schiedsrichterassistenten wegen einer vermeintlichen Fehlentscheidung angegriffen hatten, starb das Opfer wenig später im Krankenhaus. Während in den letzten Wochen und Monaten meist Ausschreitungen von Fans im Profifußball die Schlagzeilen bestimmten, steht seit dem tragischen Tod von Richard Nieuwenhuizen auch das Thema Gewalt im Amateurbereich im Blickpunkt.

Wissenschaftlich aufgearbeitet wurde das Thema von Thaya Vester. Die Mitarbeiterin des Instituts für Kriminologie der Universität Tübingen forscht im Zusammenarbeit mit dem Württembergischen Fußballverband (WFV) derzeit im Rahmen ihrer Doktorarbeit über „Gewaltphänomene im (Amateur)fußball“. Mit teilweise erschreckenden Ergebnissen.

Die Wissenschaftlerin hat in der Zeit von Oktober bis Dezember 2011 genau 2602 Unparteiische aller 41 Schiedsrichtergruppen im württembergischen Fußball-Verband (WFV) per Fragebogen – den sie bei Schulungen von den Personen ausfüllen ließ – befragt, ob sie sich sicher fühlen. „Und es ist richtig, dass Schiedsrichter fast schon als Freiwild gesehen werden, was Beleidigungen angeht. Bedroht wurden 40 Prozent der Befragten, 17 Prozent wurden tätlich angegriffen“, sagte Thaya Vester.

Zuvor wurden zudem sämtliche Sportgerichtsurteile der Spielzeiten 2009/10 und 2010/11 ausgewertet, die schwere Vergehen – Spielsperren ab drei Monaten – beinhalten sowie unabhängig vom Strafmaß alle Spielabbrüche und tätliche Angriffe auf Schiedsrichter. Das Ergebnis: In der Saison 2009/10 gab es 388 derartiger Fälle, eine Serie später waren es „nur“ noch 347. Darunter waren 2009/10 sogar 61 Spielabbrüche, ein Jahr später reduzierte sich die Zahl auf 43 nicht regulär beendete Partien. Nun könnte schnell der Eindruck entstehen, dass die rückläufigen Zahlen mit den neuen Reglungen des WFV zur Saison 2009/10 – Einführung der Platzordner, Einrichtung einer Technischen Zone – zu tun haben könnten, aber diesen Eindruck möchte Thaya Vester nicht gelten lassen. „Wir müssen jetzt erstmal abwarten, wie die weiteren Saisons laufen werden, ob die Zahl der Vorfälle weiter abnimmt, stagniert oder wieder zunehmen wird. Dann können wir weitere Schlüsse ziehen.“

Fest steht dagegen: Als besonders aggressiv würden von den Schiedsrichtern Trainer und Eltern wahrgenommen, betont die Doktoranwärterin: „Das sind ausgerechnet die Leute, die Vorbild sein sollten.“ Deren Benehmen übertrage sich auch auf die Spieler. Deshalb haben einige Landesverbände in den Jugendklassen einen Mindestabstand zum Spielfeld eingeführt. Die direkte Ansprache an die Kinder von außen soll dadurch unterbunden werden.

„Warum genau der Einzelne austickt, ist individuell sehr verschieden und schwierig zu beantworten. Da gibt es so vieles, da hat man als Verband nur beschränkt Einflussmöglichkeiten“, sagte die 30-Jährige. Trotzdem ist der WFV aktiv geworden und hat Präventivmaßnahmen wie eine Coaching-Zone auch in unteren Klassen, einen verpflichtenden Handschlag vor dem Spiel und einen Ordnerdienst entwickelt. Diese Maßnahmen hat Thaya Vester in ihrer Untersuchung ebenfalls unter die Lupe genommen.

Die Schiedsrichter sind von der Einführung der Technischen Zone mehrheitlich begeistert – 69 Prozent. „Dies dürfte für den Verband ein zufriedenstellendes Ergebnis sein“, sagte Thaya Vester. Des Weiteren wurde zur Förderung des Fair-Play-Gedankens unter dem Punkt 7a der Durchführungsbestimmungen für die Verbandsspiele im Spieljahr 2010/11 der Handschlag vor dem Spiel eingeführt. Auch in diesem Fall gab es eine breite Zustimmung zur neuen Regelung. 66,6 Prozent der Schiedsrichter stehen ihr positiv gegenüber, wobei 14,7 Prozent keine Wertung dazu abgegeben haben. Dennoch hält knapp jeder fünfte Unparteiische den Handschlag vor dem Spiel für eher weniger oder überhaupt nicht sinnvoll.

Die wohl umfassendste und strittigste Ordnungsänderung stellt die Kennzeichnungspflicht der Ordner dar. Die Schiedsrichter wurden befragt, welche Erfahrungen sie bislang mit den Ordnungskräften gemacht haben. Auf die Frage „Haben Sie schon mal einen Ordner-Einsatz in Anspruch genommen, um für Ruhe oder Sicherheit auf oder neben dem Platz zu sorgen?“ antworteten 25,9 Prozent der Schiedsrichter (548) mit „ja“. „Folglich ist der Bedarf an Ordnungskräften durchaus gegeben; ganz abgesehen davon, wie wichtig es für das Sicherheitsgefühl eines Schiedsrichters sein kann, zu wissen, dass im Ernstfall mit Hilfe vom Spielfeldrand zu rechnen ist“, sagte die 30-Jährige, die aber auch noch den WFV in die Pflicht nimmt. „Die Verantwortlichen sollten dringend mal darüber nachdenken, eine Präventionsabteilung zu integrieren – ganz nach dem Vorbild im Hessischen Verband!“

Die kompletten Ergebnisse der umfangreichen Untersuchung zum Thema „Gewaltphänomene im (Amateur)fußball“ von Thaya Vester sollen bis zum Jahr 2014 in drei Teilbänden veröffentlicht werden.

Info: Am heutigen Donnerstag findet ab 19.30 Uhr im Sportheim der SF Obertalheim das SÜDWEST PRESSE „Leserforum Sport“ zum Thema „Gewalt im Fußball“ statt. Der Diskussion des Problems stellen sich Bundesliga-Schiedsrichter Knut Kircher, Gewalt-Experte Heinz-Werner Zwicknagel, WFV-Rechtsexperte Frank Thumm und Junioren-Bundesliga-Trainer Sven Hayer. Einige Plätze sind noch frei, so dass Interessierte auch noch kurzfristig die Möglichkeit zur Teilnahme haben.

Fußball: Uni Tübingen hat 2602 Schiedsrichter aus dem WFV-Gebiet zum Thema Gewalt im Fußball
In diesem Fall nicht gegen einen Schiedsrichter, sondern gegen einen Zuschauer richtete sich die Gewalt in diesem Foto, aufgenommen am Rande des Bezirksliga-Spiels zwischen dem SV Überauchen und dem SV Buchenberg im Bereich des Südbadischen Fußballverbandes. Bild: Eich

Fußball: Uni Tübingen hat 2602 Schiedsrichter aus dem WFV-Gebiet zum Thema Gewalt im Fußball
Thaya Vester hat eine Befragung bei 2602 Schiedsrichtern aus dem WFV-Gebiet vorgenommen.

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17.01.2013, 12:00 Uhr

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