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Angela Merkel

G ehen g eht nicht

Die Bundeskanzlerin stellt sich wieder zur Wahl. Doch will sie wirklich weitermachen, oder beugt sie sich nur den Zwängen der Zeit?

21.11.2016
  • GUNTHER HARTWIG

Schon 1999, als CDU-Generalsekretärin, machte sich Angela Merkel in einem Gespräch mit der Fotografin Herlinde Koelbl ernsthafte Gedanken über ihren Rückzug aus der Politik, genauer gesagt über die Frage, wie sie es dereinst schaffen würde, das Ende ihrer politischen Karriere frei und selbst zu bestimmen. Bereits damals, gerade mal zehn Jahre nach dem Quereinstieg der Pastorentochter und Diplomphysikerin in die Berufspolitik, zunächst im Ost-Berlin der Endzeit-DDR, dann nach der Wiedervereinigung in Bonn, war ihr klar, dass der Ausstieg aus der Politik schwerer sei, „als ich mir das früher immer vorgestellt habe“.

Später, als Bundeskanzlerin, wurde Angela Merkel häufig auf diese Erkenntnis angesprochen, und immer wieder verwies sie auf ihre CDU-Vorgänger Konrad Adenauer und Helmut Kohl, die es eben nicht geschafft hatten, rechtzeitig abzutreten, sondern gegen ihren Willen aus dem Amt befördert wurden – der Alte aus Rhöndorf durch die eigene Partei, der Pfälzer Patriarch vom Wähler. Das jedenfalls sollte ihr nicht passieren, war die Botschaft. Vor allem aber galt weiter, was Merkel im Interview mit Herlinde Koelbl erklärt hatte: „Ich will nicht ein halbtotes Wrack sein, wenn ich aus der Politik aussteige.“

Nun durfte man sich in der Vergangenheit durchaus schon Sorgen um die gesundheitliche Verfassung der Kanzlerin machen, nicht wegen dramatischer Krankheiten oder sporadischer Unfälle, sondern weil sich Zeichen von Erschöpfung häufig nicht vertuschen ließen – kein Wunder bei diesem Arbeitspensum. Aber signifikante Symptome einer allgemeinen Amtsmüdigkeit waren bislang nicht zu erkennen, selbst wenn sich „Bild“-Autor Nikolaus Blome 2015 ganz sicher war, dass Merkels Rücktritt unmittelbar bevorstehe, und der „Stern“ kurz darauf meldete: „2016 macht sie Schluss.“

Dass die seit November 2005 amtierende Regierungschefin den „Zenit ihrer Macht überschritten“ und den „Nimbus ihrer Unbesiegbarkeit verloren“ habe, wollten auch andere Leitmedien in letzter Zeit wissen. Tatsächlich gab es ja aktuelle Hinweise darauf, dass mindestens ihr Rückhalt in der Union bröckelt – den Dauerzoff mit Horst Seehofer und der CSU, den Kreis konservativer Kritiker, die auf einer eigenen Homepage zum Abschied von der Kanzlerin („Merkel muss weg“) oder gar zum Austritt aus der Partei aufrufen. Die Gründe für das Unbehagen an der Frontfrau: die Flüchtlingspolitik, das Erstarken der AfD, die erfolglose Suche nach einem eigenen Kandidaten für die Gauck-Nachfolge.

So wurde das Hinauszögern einer klaren Ansage, ob sie beim Dezember-Parteitag der CDU wieder als Vorsitzende kandidiert und 2017 zum vierten Mal als Kanzlerkandidatin antritt, als Signal an die eigene Gefolgschaft wie an die Öffentlichkeit verstanden. Je länger Merkel auf entsprechende Fragen nach ihrer Zukunft den Standardsatz wiederholte, sie werde sich „zum gegebenen Zeitpunkt“ dazu äußern, desto stärker blühten die Spekulationen. Will sie zeigen, dass sie nicht ersetzbar ist, oder klar machen, dass es sie nicht unkonditioniert gibt? Will sie warten, bis Seehofer und die Schwesterpartei ihre Attacken endgültig einstellen?

Die Antworten auf alle diese Fragen hütete Angela Merkel wie ein Staatsgeheimnis, ihr engstes Umfeld gab sich über Monate unwissend oder verschwiegen. Vereinzelt begehrten CDU-Funktionäre in der Berliner Parteizentrale Auskunft darüber, wie sie die organisatorischen Vorbereitungen für einen Wahlkampf treffen sollen, ohne dass Klarheit über die Spitzenkandidatur herrscht. Auch Experten rätseln, wie das Konrad-Adenauer-Haus eine Kampagne praktisch planen soll, wenn vage bleibt, wer den Karren wohl ziehen wird.

Es war die hohe Zeit der Kaffeesatzleser. Äußerungen von Merkel-Vertrauten wie Volker Kauder, Thomas Strobl oder Peter Tauber wurden als Beweise herangezogen: Natürlich, sie tritt wieder an. Zweifler dagegen beharrten darauf, dass diese Kanzlerin anders tickt als ihre durchweg männlichen Vorgänger: Sie weiß, wann sie gehen muss. Das Problem nur: Kann Merkel, nicht mal ein Jahr vor der Bundestagswahl, ihre Partei jetzt überhaupt noch in eine offene Schlacht um die Nachfolge stürzen? Und fast wichtiger: Sieht jemand einen Kronprinzen (Wolfgang Schäuble) oder eine Kronprinzessin (Ursula von der Leyen) mit realistischer Aussicht auf allgemeine Akzeptanz?

Das alles sprach für einen positiven Bescheid der Bundeskanzlerin, aber erst recht die fragile Weltlage: die andauernde Flüchtlingskrise, der ungelöste Ukraine-Konflikt, der Brexit und die EU-Zerreißprobe, das Erstarken von Populisten und Autokraten in Europa und den USA, der Syrien-Krieg und der IS-Terrorismus. Hat nicht auch US-Präsident Barack Obama bei seinem Abschiedsbesuch in Berlin überdeutlich werden lassen, welche Verantwortung für westliche Werte und transatlantische Stabilität auf „Angelas“ Schultern lasten? Bei dieser Kanzlerin („Sie kennen mich“) weiß alle Welt augenscheinlich, was man an ihr hat. Sich jetzt vom Acker zu machen – das ging offenkundig gar nicht.

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21.11.2016, 06:00 Uhr

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