Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
„Gabriel soll
Schulz dienen“
Sein Rücktritt löste bei vielen Erleichterung aus: Sigmar Gabriel. Foto: DPA
SPD

„Gabriel soll Schulz dienen“

Nach der eigenwilligen Nominierung des Kanzlerkandidaten bemühen sich die Genossen um Geschlossenheit. Fraktionschef Oppermann stellt klar, wer was zu tun hat.

26.01.2017
  • GUNTHER HARTWIG

Berlin. Keine 24 Stunden nach seiner am Ende doch überstürzten Nominierung als Kanzlerkandidat präsentierte sich Martin Schulz (61) vor den SPD-Abgeordneten im Bundestag als der ersehnte Hoffnungsträger. „Wir brauchen Mut – und den haben wir auch“, rief der ehemalige Präsident des Europa-Parlaments den Genossen zu, „wir kämpfen um den Führungsauftrag in einer neuen Bundesregierung.“ Prasselnder Beifall für einen Auftritt, der Eindruck machte.

So schnell kann sich also die Stimmung drehen. Zuletzt gab die SPD-Bundestagsfraktion eher ein trauriges Bild ab – zweifelnde Mienen, verzagte Herzen. Mit Sigmar Gabriel, so räumten viele Parteifreunde des Vizekanzlers hinter vorgehaltener Hand ein, werde es „superschwer, wenn nicht sogar unmöglich“, bei der Wahl im September einen Machtwechsel zu bewirken. Umso erleichterter nahmen sie am Dienstagnachmittag die Eilmeldung von Gabriels Verzicht auf.

Es geht um Sympathiewerte

Allerdings lagen die Begleitumstände der personellen Neuaufstellung vielen Genossen gestern noch schwer im Magen. Von Martin Schulz stammt der zutreffende, aber wenig schmeichelhafte Vergleich des gewichtigen Parteichefs mit einem dicken Kind, das mit dem Hintern die Bauklötze wieder umschmeißt, die es gerade aufgetürmt hat. Auch dieses Mal. Selbst Parteilinke wie die Ulmerin Hilde Mattheis, die mit Schulz als Kanzlerkandidat sehr gut leben können, fanden die Form, wie Gabriel seinen Entschluss erst über Medien lanciert hatte, nicht in Ordnung. Und auch an der Frage, ob der bisherige Wirtschaftsminister für die letzten acht Monate dieser Wahlperiode nun unbedingt ins Außenamt wechseln muss, scheiden sich die Geister. „Der will“, sagt ein Sozi aus dem Heimatverband des Goslarers, „die Sympathiewerte, die jedem Außenminister fast automatisch zufallen, jetzt für sich einheimsen.“ Tatsächlich hat Gabriel ja ein massives „Image- Problem“, wie der erfahrene Wahlkampfmanager Frank Stauss erklärt, woraus fast zwingend geringere Erfolgsaussichten bei Wahlen resultieren. Besorgte Ortsvereinsvorsitzende hatten sich in den letzten Wochen zuhauf an die Berliner SPD-Zentrale gewandt und gewarnt: „Mit dem Sigmar wird das nichts.“

Genau deswegen warf der SPD-Boss das Handtuch und machte den Weg für Schulz frei, „weil der die besseren Wahlchancen hat“, wie Gabriel offen zugab. Dass der bisherige Vorsitzende dem künftigen Frontmann in den nächsten Monaten noch gehörig dazwischenfunken könnte, befürchten auch Sozialdemokraten aus der engeren Führung. Fraktionschef Thomas Oppermann gab deshalb gestern vorsorglich die Devise aus: „Der künftige Außenminister wird im Wahlkampf eine dienende Rolle spielen.“ Das wird sich zeigen.

Eher distanziert dürften zwei prominente Genossen die neue Formation an der SPD-Spitze betrachten, denen selbst persönliche Ambitionen nachgesagt werden: Andrea Nahles und Olaf Sch- olz. Die Sozialministerin fehlte beim Auftritt der gesamten Führung am Dienstagabend im Willy-Brandt-Haus, der Hamburger Bürgermeister lächelte sibyllinisch. Gabriel, so heißt es, habe Schulz installiert, um den Machtanspruch von Nahles und Scholz auch für die Zeit nach der Bundestagswahl im September abzuwehren. Nahles legte sich schon als Generalsekretärin mit Gabriel an, Scholz lässt den Rivalen stets spüren, dass er sich für den klügeren Strategen hält.

Dass Gabriels Kalkül aufgeht, setzt freilich ein respektables Wahlergebnis für Schulz und die SPD voraus – jenseits der dürftigen 20 bis 23 Prozent, die Demoskopen derzeit für die SPD notieren. 2014 holte der „Kissinger von Würselen“ als Spitzenkandidat bei der Europa-Wahl immerhin 27,3 Prozent, und auch für die Bundestagswahl setzt er sich hohe Ziele: „Wir wollen den Bundeskanzler stellen, in welcher Konstellation auch immer.“

Das sind Töne, die den Genossen natürlich gefallen, weil sie Neubeginn und Aufbruch signalisieren, den Ausbruch aus dem Jammertal der aktuellen Umfragen, für das sie nicht zuletzt den oft unberechenbaren Gabriel verantwortlich gemacht haben. Ob Schulz die Erwartungen erfüllt? Unbestritten ist, dass er reden kann, gern Klartext, ein mitreißender Wahlkämpfer ist (FDP-Mann Alexander Graf Lambsdorff: „Ein Kampfschwein“), polternd und emotional zum Raufen mit seinen Gegnern bereit. Europa muss ihm niemand erklären, auch nicht die Weltpolitik.

Sein Manko, das sehen selbst viele seiner neuen Anhänger in der Partei so, ist seine Unerfahrenheit im Regierungsgeschäft. Was er über Steuern, Finanzen, Sicherheit und Soziales denkt, ist weithin unbekannt. Und er kommt fast allein in die Bundeshauptstadt, aus seinem Brüsseler „Kabinett“ bringt er bloß seinen langjährigen Pressesprecher Markus Engels mit. Nun muss er schauen, wie er sich schnell ein Team seines Vertrauens für das Willy-Brandt-Haus aufbaut. Dort wartet bekanntlich eine rechte Schlangengrube auf Schulz.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

26.01.2017, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball