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Sprecher des Bündnisses gegen Stuttgart 21

Gangolf Stocker berichtete in Reutlingen vom Tag X

Stuttgart 21 wird zum Menetekel für die Landesregierung, findet Gangolf Stocker, Sprecher des Bündnisses gegen den Bahnhofsneubau. Am Donnerstag sprach er auf Einladung der Linken in der Gaststätte Uhlandhöhe.

02.10.2010
  • Katharina Mayer

Reutlingen. Während sich in Stuttgart die Ereignisse überschlugen, berichtete Stocker erst einmal, was im Verlauf des Tages rund um den Hauptbahnhof geschehen war: „Die Polizei hat nicht nur Wasserwerfer, sondern auch Pfefferspray gegen Schüler eingesetzt. Und sie hat auch geprügelt.“ Passiert ist das alles in der guten Stube der Schwaben, im Stuttgarter Schlossgarten.

Gangolf Stocker berichtete in Reutlingen vom Tag X
Gangolf Stocker Bild:Haas

Gut 400 Menschen wurden bei der Räumung, an der Polizisten aus mehreren Bundesländern beteiligt waren, verletzt, sagte Stocker vor gut 80 Zuhörern. „Die Polizei hat die Sanitätsfahrzeuge erst mal gar nicht auf den Platz gelassen. Es war wirklich brutal.“ Kurz nach 18 Uhr sei dann der erste Baum im Schlossgarten gefällt worden, sagte der S 21-Gegner. Obwohl die Genehmigung für die Fällarbeiten erst ab null Uhr erteilt war. Stuttgart sei derzeit „irgendwie gesetzloses Terrain“.

Nach Stockers Einschätzung führt „Panik auf Seiten der Regierung“ zum zügigen Handeln bei Abriss und „Baumgemetzel“. Der offizielle Ablaufplan jedenfalls rechtfertige die Arbeiten nicht. Die Regierung Mappus „tut das jetzt in der verzweifelten Hoffnung: Wir hauen das Glump jetzt zusammen, und am 27. März haben die Leute das alles wieder vergessen – und wählen CDU.“ Laut Stocker „eine klare Fehleinschätzung“. Denn der Protest gegen den Durchgangsbahnhof sei ein bürgerlicher. „Wir haben bei den Protestierenden den ganzen Durchschnitt der Stuttgarter Bevölkerung.“

Und die demonstriert seit Baubeginn gegen das Milliardenprojekt. „Diese Massenkundgebungen haben sich erfolgreich gezeigt“, sagt Stocker. Die Demonstrationen seien das, was es den Gegnern ermögliche, den Druck auf die Politik zu erhöhen. „Und diesen Weg müssen wir weiterhin gehen“, sagt der 66-Jährige, der sich seit nunmehr 15 Jahren gegen Stuttgart 21 stellt. Die Stadt habe sich in den letzten Jahren verändert, meint er. Zwar kenne die Beteiligung am Protest unterschiedliche Grade. Allen Stuttgartern aber gehe es darum, „wie die da oben mit dem Volk umgehen. Das wollen sie sich nicht mehr gefallen lassen.“

Trotz aller Kämpfe und Niederlagen ist Stocker der Humor nicht abhanden gekommen. „Die kriegen es ja jetzt schon hin, diesen Bahnhof stillzulegen“, meint er schmunzelnd. Und erzählt von Kreidetafeln, die den Fahrgästen nach einem Ausfall des elektronischen Anzeigesystems den Weg zum Zug wiesen. „Und die wollen Stuttgart 21 machen.“

Ursprünglich war der Abend in der Uhlandhöhe auch als Informationsveranstaltung zu den Auswirkungen des Bahnprojekts auf den Regionalverkehr geplant. Wegen der Ereignisse in der Landeshauptstadt ließ sich dieses Konzept aber – von einem Referat der linken Landtagskandidatin Petra Braun-Seitz einmal abgesehen – nicht beibehalten. Etliche Zuhörer kamen, wie Stocker selbst, direkt von den Demonstrationen in Stuttgart. Andere wiederum wollten nach der Veranstaltung dorthin oder verabredeten sich für die Fahrt zur Großkundgebung am Freitagabend.

Die Stimmung im Raum war spürbar aufgeheizt, die Fragerunde nach Stockers Vortrag zur Lage geriet stellenweise zur Anklage gegen „die da oben“. Er wünsche sich, dass man die Proteste gegen den Bahnhofsneubau nicht isoliert sehe, sondern „sie einbettet in einen heißen Herbst“, sagte ein Zuhörer.

Ein anderer brachte den Vorschlag ein, die Landesverfassung zu ändern. „Die Konditionen für einen Volksentscheid müssen andere werden. Wir müssen das Plebiszitäre deutlich vom Parlamentarischen trennen.“

Wie man denn argumentativ die S 21-Befürworter umstimmen könne, wollte ein junger Mann wissen. Er tue sich da schwer im Kollegenkreis. Hier bot Stocker Schützenhilfe. Zwar werde man gerade „zugemüllt“ mit Aussagen wie „da kommt keiner mehr raus“. Das aber sei schlicht „dummes Zeug“. Wer solle denn im Falle eines Projekt-Ausstiegs Schadenersatzforderungen stellen? Er jedenfalls stelle sich das „ziemlich skurril vor, wenn die Bahn irgendwelche Ansprüche gegen ihren Eigentümer stellt“.

Das größte Problem sei ohnehin der Wissensstand der Beteiligten. „Wer weiß, ist dagegen und wer nicht weiß, ist dafür. Ich sag’ das so platt.“ Und die größten Nichtwisser seien die entscheidenden Politiker: „Die haben keine Ahnung“. Darüber hinaus seien die Parlamentarier käuflich, „Berlusconi führt das vor“. Ein Horror also, wenn „gekaufte Entscheidungen über einen Volksentscheid rückgängig gemacht werden.“

Volksentscheide unterstütze er jedenfalls „absolut“. Sei doch Baden-Württemberg „in der Tat das Schlusslicht, was direkte Demokratie im Land angeht.“ An dieser Stelle verweist er dann auf einen Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die nämlich habe bekanntlich die Landtagswahl 2011 in Baden-Württemberg als Volksentscheid über S 21 bezeichnet.

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02.10.2010, 12:00 Uhr

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