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Leitartikel Russland

Ganz gelassen

Die Russen glauben dem Westen nicht. Jedenfalls nicht, wenn es um Politik geht. Und die meisten Russen sind fest überzeugt, britische oder amerikanische Geheimdienste steckten hinter dem Giftanschlag auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter.

17.03.2018
  • STEFAN SCHOLL

Moskau. Auch halbwegs liberale Politologen in Moskau vermuten, der Westen habe die grausame Attacke angezettelt, um Wladimir Putin am Vorabend der Präsidentschaftswahl in Schwierigkeiten zu bringen. Oder dass vielleicht doch russische Machtgruppen mitmischen, die bereits ein Spiel um die Nachfolge Wladimir Putins angefangen haben. Obwohl diese frühestens in sechs Jahren aktuell wird, sobald die nächste Amtszeit des wiedergewählten Staatschefs zu Ende gegangen ist.

Tatsächlich wirkt sich der Anschlag von Salisbury nicht auf die russische Innenpolitik im Allgemeinen und auf die Wahl im Besonderen aus. Schon jetzt bezweifelt niemand, dass Wladimir Putin glatt gewinnen wird. Was keinen in Russland, inklusive Putin selbst, besonders erregt. Zum einen hat die TV-Propaganda ein verschwommen-verzerrendes Interface zwischen der Masse der Durchschnittsrussen und den Geschehnissen in der Welt hochgezogen, hinter der all jene Einzelheiten verschwinden, die der Staatsmacht störend vorkommen könnten. Keine russische Talkrunde diskutiert, dass an dem hochgiftigen Nervenkampfstoff in Salisbury auch unschuldige Kinder qualvoll hätten sterben können. Zum anderen haben sich die Russen längst daran gewöhnt, dass sie so gut wie null Einfluss auf außenpolitische Entscheidungen ihre Führung haben. Und dass deren Folgen ihren eigenen, ziemlich sorgenvollen Alltag so gut wie nicht beeinflussen. Verschärfte britische Zollkontrollen für die elitären Passagiere vaterländischer Privatflugzeuge verschlagen Russen mit einem mittleren Monatsgehalt von umgerechnet 570 Euro wirklich nicht den Atem.

Auch jetzt versichern kleine Leute, die nie in England waren, die kleinen Leute in England seien doch ganz vernünftig, nur die May und dieser Boris Johnson hätten einen Knall. Eigentlich finden die Russen England cool, Wladimir Putin selbst kopiert seit Jahren mit großer Sorgfalt das Outfit Daniel Craigs in der Rolle James Bonds. Während die Kollegen von den Nachrichtenkanälen schimpfen, die britische Staatsmacht füttere wieder einmal ihre Russophobie, kommentieren die Reporter des staatlichen Sportfernsehens Match Champions-League-Spiele mit bemühter Objektivität, bei der doch ehrfurchtsvolle Sympathie für Chelsea und Manchester United durchschimmert. Obwohl beide verlieren.

Das einfache Russland ist davon überzeugt, dass es niemand Böses will. Und es ist außenpolitische Skandale gewöhnt, westliche Anschuldigungen von über dem Donbass abgeschossenen Passagiermaschinen, vertauschten Dopingproben bei Olympia oder Morden an Oppositionellen. Um dieses Russland aufzuregen, müsste wohl im Londoner Stadtzentrum eine Salve Grad-Raketen sowjetischer Bauweise einschlagen.

leitartikel@swp.de

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17.03.2018, 06:00 Uhr

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