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Kommentar · Dylan

Ganz klein mit Hut

Gottvater war da. Eines seiner obersten Gebote lautet: Du sollst dir kein Bildnis machen! Aber selbst der zornige Wille und der lange Arm eines Gottvaters ist zu kurz, um all die Smartphones zu vernichten und verdammen, die vieltausendfach aus den Händen einer Gemeinde von Gläubigen wachsen. Bob Dylan ergab sich also der Menge, die erst verschämte, dann immer unverschämtere Blitze auf ihn schleuderte.

22.06.2015
  • Ulla Steuernagel

Was hatten sich diese Menschenwesen nicht alles überlegt, wie sie ihre Kameras einschleusen könnten, um ihren Nachkommen ein Abbild dieses Tages zu liefern, dieses einen Momentes im Leben, in dem sie Gottvaters ansichtig wurden!

Ganz klein  mit Hut

Es wird nun viele Bilder geben, auf denen ein alter Mann mit Hut zu sehen ist. Auf den Altären Tübingens werden sie zu stehen kommen als helle, von tiefer Dunkelheit umhüllte Flecken, die die Qualität eines schweißtuchartigen Gesichtsabdrucks mit einer Aura aus Hutband haben.

Diese Fotos zeigen den Mann, wie er wirklich ist – eben sehr klein mit Hut. Denn die Gemeinde, die gekommen war, um vor ihm niederzuknien, die auf alles gefasst war, auf seinen Zorn, seine Unlust, seine Verachtung; die bereit war, seine Worte aufzunehmen, selbst wenn kein einziges davon verständlich gewesen wäre; die gierig war auf ein Lächeln, ein Zeichen des Erkennens; die selbst noch hingenommen hätte, wenn er sie verstoßen, wenn er den Gottesdienst kalt abgebrochen hätte, weil eines seiner Schäfchen unerlaubt ein Bild zu nehmen wagte; diese ergebene Gemeinde wandte sich überraschend schnell von ihm ab.

Ein anderer entthronte Gott Dylan. Dabei arbeitete er mit den simpelsten Methoden. Fast schon unwürdig, mit welcher Leichtigkeit er den Konkurrenten entmachtete. Denn er sang nicht, er spielte nicht, er schüttete einfach nur Wasser auf die Menschen. Wasser, Wasser und wieder Wasser.

Er zeigte damit nicht nur dem großen Dylan, sondern auch allen großen Funktionsjackenherstellern der Welt, wo der Hammer hängt. Den einfachen Wasserkübeltest bestanden die meisten Kleidungsstücke nämlich nicht. Die Menschen trieften nicht nur äußerlich, irgendwann regnete es von unten zu ihnen hinauf.

Da endlich war es, dass sie auf die Uhr schauten und sprachen: Was für ein Glück, dass dieser Künstler mit seinen Zugaben geizt! Manche von ihnen gingen sogar, ohne seines Lächelns am Ende ansichtig geworden zu sein. Die Menschen werden noch lange von diesem Abend sprechen. Sie werden sagen: Da war doch dieses Konzert, bei dem es aus Kübeln goss – ach, wie hieß noch mal der Sänger?

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22.06.2015, 12:00 Uhr

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