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Wo einst Zölle kassiert wurden, kamen später Spätzle auf den Tisch

„Gaststätte zur Neckarbrücke“, „Zom Kiess“und „Istanbul“

Tübingen. Manchmal findet man selbst im noch jungen Internet Webseiten, die an längst vergangene Tage erinnern. So zum Beispiel auf „www.tuebingen.com“. Klickt man sich dort durch den virtuellen Spaziergang von Tübingen, so schlendert die Computermaus wie selbstverständlich an der Wirtschaft „Zom Kiess“ vorbei – einem „originellen schwäbischen Restaurant“, wie es in der Beschreibung heißt. Dabei gibt es die urige Gaststätte an der Ecke Karlstraße/ Wöhrdstraße schon seit 1999 nicht mehr. In der realen Welt ist anstelle der Traditionswirtschaft das türkische Restaurant „Istanbul“ mit einem „Hauch vom Orient“ getreten, wie das orangefarbene Logo über dem Eingang verspricht.

22.04.2011
  • Jennifer Schmidt

Zollhaus und Stadtwache

Betritt man das „Istanbul“ durch die moderne, gläserne Automatiktüren, entdeckt man noch immer Relikte aus der langen Geschichte des Hauses. So zeigt ein großflächiges Wandgemälde im hinteren Teil des Restaurants ein historisches Panorama Tübingens, auf dem sich die Stadt zwischen Neckar, Schloss und Österberg ausbreitet. Auf den ersten Blick ist der „Kiess“ darauf nicht zu finden.

Erst bei genauerer Betrachtung entdeckt man vor der Stadtmauer ein einzelnes Haus: Es ist das ehemalige Zollhaus, das später das Gasthaus beherbergen sollte. Die Vorlage für das 1955 vom Tübinger Dekorationsmaler Wilhelm Malitius geschaffene Wandbild war ein Merian-Stich, der das Zollhaus um 1100 als einziges Gebäude auf der rechten Neckarseite zeigte. Außerhalb der Stadttore wurde hier der Brückenzoll kassiert und die Stadt bewacht.

Viele Jahrhunderte später, am 7. September 1842, wird aus dem Zollhaus, in dem schon immer Durchreisende bewirtet wurden, eine Wirtschaft: Johannes Christoph Schuler erhielt die Erlaubnis zum Ausschank von Wein, Bier, Most und Branntwein für das Haus an der heutigen Karlsstraße. Der gelernte Bäcker hatte sich damals lange gedulden müssen, bis er eine Schankwirtschaft betreiben durfte. Denn in der Universitätsstadt gab es bereits 13 Schildwirte, vier Bierbrauer, rund 60 Gaststätten sowie 25 Bier- und Branntweinschenken, die um die Gunst der rund 8000 Einwohner warben. Erst als eine Witwe Memminger auf ihr Wirtschaftsrecht verzichtete, konnte Schuler die Schankwirtschaft eröffnen.

Später übernahm sein Sohn Wilhelm Schuler den väterlichen Betrieb und weitete ihn ein Jahr vor seinem Tod noch zu einer Speisewirtschaft aus. 1868 verstarb Wilhelm Schuler und Friedrich Kiess, der Urgroßvater des letzten „Zom Kiess“-Wirtes, kaufte das Haus mitsamt der „Gaststätte zur Neckarbrücke“. Friedrich Kiess servierte in seiner Wirtschaft jedoch nicht nur zünftige Speisen, sondern verkaufte als gelernter Bäcker auch frisch gebackene Teigwaren an die Tübinger Kundschaft.

Nach dem Tod von Friedrich Kiess 1893 führte seine Witwe Louise Margaretha Kiess den Familienbetrieb noch bis 1910 fort – allerdings verpachtete sie die Gaststätte zwischenzeitlich. Schon damals lag die Gastwirtschaft im Vordergebäude des Hauses, die zur Karlsstraße gewandt war. Der einzige Wirtschaftsraum befand sich im Erdgeschoss und war rund 52 Quadratmeter groß. Die Wirtsfamilie wohnte im ersten Stock.

Nur von Holzstützen getragen

Nach 1910 leitete der Sohn Hans Kiess den Familienbetrieb. Als er 1933 verstarb, ersuchte seine Witwe Christine Kiess beim Polizeioberamt in Tübingen eine Übertragung der Wirtschaftskonzession auf ihren Namen.

Der Polizeiinspektor hatte dagegen nichts einzuwenden, denn er hielt die „Gaststätte zur Neckarbrücke“ für eine „gut gehende Wirtschaft“. Allerdings musste die Erlaubnisurkunde für Christine Kiess umgeschrieben werden, da der einstige Wirtschaftsraum im Erdgeschoss „mittels einer Holzwand mit Glasfüllung“ inzwischen in zwei Räume unterteilt worden war.

1938 gab sie die Bewirtschaftung der Gaststätte aus gesundheitlichen Gründen auf. Ihr Sohn Fritz Kiess, selbst gelernter Konditor, war seitdem für das Wohl der Gäste in der Wirtschaft sowie für die angrenzende Bäckerei verantwortlich. Allerdings musste der Betrieb der „Gaststätte zur Neckarbrücke“ bereits zwei Jahre später vorübergehend eingestellt werden, da Fritz Kiess am 8. Juni 1940 zur Wehrmacht eingezogen worden war.

Schwer kriegsversehrt, nämlich mit einer Lähmung im linken Bein und dem erblindeten linken Auge, kehrte Fritz Kiess am Ende des Zweiten Weltkriegs in seine Heimat Tübingen zurück. Er war so stark angeschlagen, dass er den Betrieb zunächst selbst nicht weiterführen konnte. Daher verpachtete er seine Wirtschaft und Bäckerei an den Bäcker- und Konditormeister Ludwig Greuten aus Stuttgart, der dort „total ausgebombt“ worden war, wie es in den Akten heißt. Aber auch Greutens neue Wirkungsstätte war nicht vom Krieg verschont geblieben: Der Betrieb einer „Vesperstube“ im Kiess'schen Haus konnte erst im Oktober 1946 aufgenommen werden, nachdem ein Fliegerschaden am Gebäude behoben wurde.

1950 zog es Ludwig Greuten und seine Frau Ester zurück nach Stuttgart und Fritz Kiess – inzwischen wieder halbwegs genesen – stieg selbst wieder in den Betrieb der „Gaststätte zur Neckarbrücke“ ein. Täglich servierte er fortan 80 bis 100 Essen pro Tag.

Fünf Jahre später schloss Fritz Kiess seine Bäckerei und nahm den ersten großen Umbau der Wirtschaft in Angriff. Vier Monate lang war das Haus, so erinnert sich sein Sohn Hans Kiess später, aufgesprießt und wurde nur von hölzernen Stützen getragen. Durch diese grundlegende Renovierung erhielt die Gaststätte ihr Aussehen, das sie bis 1999 bewahren sollte.

Seltenes Betriebsjubiläum

1972 übergab Fritz Kiess die „Gaststätte zur Neckarbrücke“ altershalber an seinen Sohn Hans, der sie zwei Jahre später noch einmal nach seinen eigenen Plänen umgestaltete: Er ersetzte die Stehtheke durch eine bequeme Sitztheke und benannte die Wirtschaft schlicht in „Zom Kiess“ um, wie sie von den alteingesessenen Tübingern angesichts der langen Familientradition genannt wurde.

Im April 1993 feierte die Familie Kiess genau diese Tradition: Der Betrieb war seit genau 125 Jahren im Familienbesitz. Damals blickte der letzte „Zom Kiess“-Wirt zuversichtlich in die Zukunft: „Jetzt bin ich erst 52 Jahre alt und Sie wollen vom mir etwas über meinen Nachfolger wissen“, so Hans Kiess gegenüber dem TAGBLATT. „Fürs erste jedenfalls werde ich meine Wirtschaft selber weiterbetreiben.

Doch nur sechs Jahre später musste Hans Kiess die Tür zu seinem Betrieb schließen. „Das fällt einem nicht leicht“, sagte er damals. Bis Sommer 2006 blieb das Haus in seinem Besitz, er verpachtete es an Esref Badal. Der 42-jährige Pächter betrieb zuvor bereits in Mössingen und Reutlingen Obst- und Gemüsehandlungen und eröffnete im Kiess'schen Haus das Lokal „Istanbul“. Bis zum vergangenen Sommer blieb Basal Pächter des türkischen Restaurants. Dann wechselten sowohl Hauseigentümer als auch Pächter: Hans Kiess verkaufte sein Haus an die Firma „Istanbul Restaurant Arcar“ in der Herrenberger Straße.

Neuer Pächter des mittags stets gut gehenden Restaurants des weiterhin türkischen Restaurants an der Tübinger Neckarbrücke ist seither Sezai Er.

„Gaststätte zur Neckarbrücke“, „Zom Kiess“und „Istanbul“
Das Wandgemälde im heutigen „Istanbul“ – geschaffen hat es der Tübinger Dekorationsmaler Wilhelm Malitius.

„Gaststätte zur Neckarbrücke“, „Zom Kiess“und „Istanbul“
Die „Gaststätte zur Neckarbrücke“ in den 1920er Jahren. Wirt war zu dieser Zeit Hans Kiess.

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22.04.2011, 12:00 Uhr

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