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Ein Fall von 80 Cent

Geborgte Essensmarke reicht Erima zur fristlosen Kündigung

Ein ehemaliger Einkäufer des Pfullinger Sportartikelherstellers Erima wehrte sich gestern vor dem Arbeitsgericht gegen seine fristlose Entlassung wegen einer unberechtigt verwendeten Essensmarke im Wert von 80 Cent.

10.02.2010
  • katharina mayer

Reutlingen. Die Essensmarke hatte er sich von einem Arbeitskollegen geborgt, da er seine Lebensgefährtin in die Kantine ausführen wollte und nicht genügend Kleingeld in der Tasche hatte. Zwar können die Erima-Angestellten bis zu 18 Essensmarken pro Monat kaufen – allerdings nur zur persönlichen Verwendung, und die muss dann noch per eigenhändiger Unterschrift quittiert werden. Was in diesem Fall auch geschah: Der rechtmäßige Eigentümer des Wertbons unterschrieb und ging nach Hause, der 35-jährige Einkäufer und seine Lebensgefährtin gingen zum Essen. Nicht unüblich, wie der Mann vor dem Reutlinger Arbeitsgericht betonte: „Das war gängige Praxis im Unternehmen.“ Letzteres allerdings nahm den Tatbestand zum Anlass, den 35-Jährigen fristlos zu kündigen. Wenn man die Essensmarken anders nutze, entstünde „ein Schaden“, zeigte sich Rainer Lopau, der Geschäftsführer der zuständigen Fachvereinigung Wirkerei-Strickerei vor Gericht überzeugt. Wobei die Schadenshöhe „in der Tat geringwertig“ und nicht das entscheidende Kriterium sei: „Wenn jemand wegen 80 Cent so ein Gedöns drum macht, dann frag ich mich, wie man es sehen muss, wenn so jemand im Einkauf tätig ist“ – und dort mit Millionensummen umgehe.

Unerheblich auch, dass der Kollege die Essensmarke herausgegeben und dafür eine Verwarnung statt einer Kündigung bekam, denn „im Unrecht gibt es keine Gleichbehandlung“, so der Arbeitgeberfunktionär. Kläger-Anwalt Michael Hubberten wagte allerdings „in erheblichem Maße zu bezweifeln“, ob eine fristlose Kündigung hier angemessen sei. Angesichts der Wirtschaftslage habe sein Mandant „eine längere Arbeitslosigkeit“ vor sich und die obligatorische Sperrfrist beim Arbeitsamt.

Zumindest der Erima-Betriebsrat sah in der Kündigung kein Problem. Er wurde im Dezember vergangenen Jahres durch die Unternehmensleitung informiert und hat der Kündigung, wie Anwalt Hubberten nach der Verhandlung sagte, noch am selben Tag „postwendend zugestimmt“. Das aber sei, wie Erima-Betriebsrätin Irmtraud Gräfe auf telefonische Nachfrage unserer Zeitung sagte, „nicht so passiert.“ Vielmehr sei „von Seiten der Geschäftsleitung sehr sorgfältig agiert“ worden. Die habe mit dem Betroffenen „ausführlich gesprochen“. Im Gegensatz zum Betriebsrat, der „ihn aber auch nicht mehr erreichen konnte.“

Beim Gütetermin vor dem Arbeitsgericht jedenfalls war eine gütliche Einigung „im Moment nicht zu erzielen“, wie Arbeitsgerichtsdirektor Werner Schwägerle sagte. Voraussichtlich im Mai steht nun eine weiterer Runde an.

gSiehe „Mit Engelszungen“

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10.02.2010, 12:00 Uhr

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