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Kein Hirschauer Soldat hat überlebt

Gedenken an die 13 Opfer von Napoleons Russlandfeldzug

Ein Hirschauer Gedenkgottesdienst erinnerte am Samstag an den verlustreichen Russlandfeldzug Napoleons von 1812 und 1813. Dabei kamen auch 13 Hirschauer ums Leben. Ihre Namen stehen auf einer historischen Tafel; ähnlich wie in 13 Rottenburger Teilgemeinden. Solche Tafeln gibt es sonst in ganz Deutschland nicht.

03.09.2012
  • Matthias Reichert

Hirschau. Heuer jährt sich der Russlandfeldzug zum 200. Mal. Nur wenige Hirschauer nahmen am Samstag an dem Gedenkgottesdienst im Kirchle beim Friedhof teil. Wie auf der Tafel schon vor fast 200 Jahren verfügt, soll in Hirschau nun jedes Jahr am 1. September an die Gefallenen erinnert werden.

Der Hirschauer Historiker Hans-Otto Binder lieferte die geschichtlichen Zusammenhänge. Napoleon ordnete seinerzeit, wie der Historiker berichtete, die politische Landkarte und das gesellschaftliche Leben neu, etwa durch die Säkularisation von 1803 das Verhältnis von Kirche und Staat. 1806 kam Hirschau mit der Grafschaft Hohenberg von Vorderösterreich an das neu geschaffene, zuvor protestantische Königreich Württemberg. Der Preis für den württembergischen König Friedrich war die Teilnahme an den napoleonischen Kriegen. Das traf vor allem die Neuwürttemberger hart, die vorher vom Militärdienst verschont waren. Rücksichtslos wurden Soldaten rekrutiert.

Es war Napoleons blutigster Feldzug

„Von allen napoleonischen Kriegen war der Russlandfeldzug 1812/13 der blutigste und schrecklichste“, sagte Binder. Mit über 500 000 Soldaten überschritt die Große Armee am 24. Juni 1812 die russische Grenze. Neben den Schlachten dezimierten Epidemien, Kälte, Hunger und Kämpfe mit Plünderern die Soldaten. Nur wenige tausend Mann überlebten den Feldzug. Von den 15 800 beteiligten Württembergern kamen nur 387 zurück, darunter je zehn Tübinger und Rottenburger. Von den 13 Hirschauer Soldaten überlebte keiner.

Pastoralreferentin Gabriele Lutz erinnerte in ihrer Predigt an alle Opfer von Krieg, Terror und Gewalt. „Warum sollen wir uns erinnern – auch an den Russlandfeldzug 1812?“ fragte Lutz. Die Antwort fand sie in einem Zitat des französischen Philosophen Gabriel Marcel: „Weil die Toten schweigen, beginnt immer wieder alles von vorn.“ Man müsse, so Lutz, „den Toten eine Stimme geben, damit Gewalt, Morden und Krieg nicht immer wieder von vorne beginnen“. Nur durch das Erinnern könnten die Menschen eine Zukunft ohne Krieg und Gewalt gestalten. „Auch wenn der zeitliche Abstand groß ist: Vergessen zerstört die Möglichkeit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, es führt zum Verlust an verantworteter Zukunft“, sagte die Predigerin. „Wer seine Vergangenheit ablehnt, verleugnet sich selbst.“ Und Versöhnen sei nur durch Erinnern möglich.

Eine Besonderheit in der Region sind die Gedenktafeln an die Opfer des Feldzuges. Die Hirschauer Tafel, die gewöhnlich im Flur des Pfarrhauses steht und während des Gottesdienstes in der Kirche aufgestellt war, ist eine von 14 solchen Tafeln im Raum Rottenburg. „Das gibt es in ganz Deutschland nur hier“, unterstrich Binder.

Sie zeigen zugleich eine historische Premiere: Erstmals ist jeder einzelne Gefallene darauf aufgelistet. „Wenn früher Tote genannt wurden, waren das nur Generäle.“ Die meisten Tafeln, auch die Hirschauer, entstanden um 1820. Wer sie in Auftrag gab, ist nicht bekannt, auch nicht die meisten Maler. Die Tafeln sind zumeist einen auf zwei Meter groß. Der Hirschauer Text ähnelt dem in Bad Niedernau. Schreibfehler deuten darauf hin, dass der unbekannte Maler die Vorlage nicht richtig lesen konnte. Auch in Hirrlingen war der gleiche Text auf der Tafel, wurde aber später übermalt.

Das Hirschauer Denkmal erinnert an die „hiesige(n) Bürgersöhne, welche in dem grauenvollen Russlandfeldzug im Jahr 1812 (...) gefallen sind“. Im unteren Teil sind sämtliche 13 Namen aufgelistet, die im Gottesdienst auch verlesen wurden, darunter Hirschauer Familiennamen wie Latus und Binder. In der Mitte sind die Gefallenen in Uniformen abgebildet, während auf den übrigen 13 Tafeln überwiegend Schlacht- und Biwakszenen sowie militärische Symbole abgebildet sind. Württembergische Symbole wie die Königskrone auf der Hirschauer Tafel runden die Darstellung ab. Binders Fazit: „Bei fast allen Tafeln stehen die Toten im Mittelpunkt, am stärksten bei der Hirschauer.“

Gedenken an die 13 Opfer von Napoleons Russlandfeldzug
Historiker Hans-Otto Binder berichtet im Kirchle am Hirschauer Friedhof über den Russlandfeldzug. Bild: Sommer

Gedenken an die 13 Opfer von Napoleons Russlandfeldzug

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03.09.2012, 12:00 Uhr

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