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Und heute?

Gedenken an die Novemberpogrome in der ehemaligen Baisinger Synagoge

Der Anlass für die Gedenkfeier am Montagabend in der ehemaligen Synagoge Baisingen war die Vergangenheit: Vor 77 Jahren haben Nazis dieses jüdische Gebetshaus zerstört. Aber auch die Gegenwart geriet in den Blick.

11.11.2015
  • WOLFGANG ALBERS

Baisingen. Lautlos fast war das Flüstern, dann normal. Eine Gruppe von jungen Leuten hatte einen Kreis um die gut 80 Besucher der Gedenkfeier gezogen. Als sie ihr Flüstern zu einem scharfen Zischen steigerten, waren schon erste Worte zu verstehen: „Einer schrie mich an“, „SA-Leute“, „totgeschlagen“.

Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Klassen des Rottenburger Sankt-Meinrad-Gymnasiums hatten gemeinsam mit ihren Lehrerinnen Cornelia Prauser und Kerstin Lüdtke und ihrem Lehrer Jochen Stegmaier diese Form des Gedenkens ausgearbeitet.

Dazu hatten sie Augenzeugenberichte der Reichspogromnacht von 1938 gesammelt, aus denen sie vortrugen. Etwa aus einer Erinnerung an den Düsseldorfer 9. November: „Auf mich drangen die Kerle mit geballten Fäusten ein. Einer packte mich und schrie mich an. Ich war überzeugt, dass ich totgeschlagen werde.“

Da aber alle gleichzeitig lasen, sehr laut, und die Texte ganz unterschiedlich waren, ergab sich ein dissonanter, verstörender Chor. Dieses Stilmittel machte das Chaos und die Verwirrung des Nazi-Überfalls spürbar. Gleichzeitig gingen die Schüler vor das Scheunentor in der Wand der Synagoge (die später als Scheune genutzt wurde). Dort war ein Lichter-Rechteck, das jetzt zu Buchstaben umgruppiert wurde: „Und heute?“

Dieses Heute erledigt eigentlich die Frage, ob es noch zeitgemäß ist, jedes Jahr an die Novemberpogrome von 1938 zu erinnern, sagte Oberbürgermeister Stephan Neher als Vorsitzender des Fördervereins Synagoge Baisingen. „Wenn man die aktuellen Diskussionen verfolgt, die Umfragewerte von rechtsgerichteten Parteien sieht, dann fragt man sich schon: Haben die Menschen nichts gelernt?“

Etwa aus dem Schicksal der Baisinger Juden. „Das waren Menschen, die sich über Jahrhunderte eingelebt hatten, sich in Vereinen und sogar im Militär integriert hatten. Und trotzdem wurde das jüdische Leben vernichtet.“ Und das alles sei nicht nur in den bekannten Lagern, sondern direkt vor der eigenen Haustüre geschehen.

Seine Gemütslage sei ambivalent, sagte Stephan Neher: „Ich bin noch optimistisch, aber manchmal muss man auch resignieren. Wenn es eine gewisse Abwehrhaltung gibt gegen alles, was aus der Fremde kommt, wenn man sich die Wahlen in Osteuropa anschaut.“

Für den CDU-Politiker stehen mühsam errungene europäische Werte auf dem Spiel: „Was in 70 Jahren mit viel Mühe, Streit, Entscheidungskraft entstanden ist, in einer Nacht wieder kaputt zu machen: Das wäre fatal.“ Und: „Was passiert, wenn jeder nur noch in nationalen Grenzen denkt, hat die Geschichte in Europa ja unter Beweis gestellt. Hoffen wir, dass sich Geschichte nicht wiederholt.“

Gedenken an die Novemberpogrome in der ehemaligen Baisinger Synagoge
Schüler und Schülerinnen des Sankt-Meinrad-Gymnasiums gestalteten am Montag die Gedenkstunde in der ehemaligen Synagoge Baisingen. Bild: Albers


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11.11.2015, 12:00 Uhr

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