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Großeinsatz

Geduldsspiel in Augsburg

54 000 Menschen mussten wegen einer Weltkriegsbombe ihre Häuser verlassen. Es dauerte lange, bis Experten sie entschärft hatten.

27.12.2016
  • DPA

Augsburg. Wir sind nun schon seit vier Stunden hier, und jetzt wollen sie erst anfangen.“ Wie verloren steht Holger Baum in der weitgehend leeren Augsburger Messehalle und ahnt, dass diese Messe noch lange nicht vorbei ist. „Das dauert mindestens noch einmal vier Stunden.“

Er gehört zu den 54 000 Innenstadtbewohnern zwischen Rathaus, Dom und Fuggerei, die im Rahmen der größten Evakuierungsaktion nach dem zweiten Weltkrieg wegen der geplanten Entschärfung einer Fliegerbombe am 1. Weihnachtsfeiertag ihre Wohnungen bis spätestens 10 Uhr verlassen mussten.

Vergangenen Dienstag war der 1,8 Tonnen schwere Blindgänger bei Bauarbeiten entdeckt und von Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes als äußerst kritisch eingestuft worden – der historischen Stadtkern musste geräumt werden. Wer seine Wohnung nicht selbstständig verlassen konnte, wurde abgeholt, wie die Patienten des Krankenhauses Vicentinum. Rund 900 Polizisten waren im Einsatz, unterstützt von der Feuerwehr und rund 4000 Helfern des Bayerischen Roten Kreuzes.

Gegen Mittag lag ein Hauch von Endzeitstimmung über der Stadt, die ein gespenstisches Bild bot. Alle Einfallstraßen waren mit Sperrgittern und Warnbaken abgeriegelt. Die einzige Farbe ins triste Grau des wolkenverhangenen Weihnachtstages brachten die Blaulichter der allerorten postierten Streifenwagen. Eine Tristesse, die nur noch von jener überboten wurde, die in den sechs Notunterkünften herrschte, wo diejenigen ausharrten, die nicht bei Verwandten oder Freunden untergekommen sind.

In der Aula des Rudolf-Diesel-Gymnasiums ist Selbstbeschäftigung das Gebot der Stunde. Die Live-Übertragung eines regionalen Senders vom Schauplatz nimmt fast keiner zur Kenntnis. Man ist vertieft in Kreuzworträtsel oder blättert in Illustrierten, wie die drei Senioren, deren Kurzweil sich in Grenzen hält. „Unter Weihnachtsstimmung verstehe ich etwas anderes. Das dauernde Warten und Warten nervt ehrlich“, sagt eine Frau.

Sonja Grever und ihr Freund haben eine andere Strategie: „Wir sitzen einfach herum und halten uns mit Kaffee wach.“ Was sie zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen: Abwechslung naht. Zumindest haben Konstantin Betz, Luke Eversfield und Jules Buchenberger einen Plan zur Erbauung der Wartenden: „Wir sind auf die Idee gekommen, ein Konzert zu veranstalten.“ Gut, dass das Trio mit der Band „Two Sided“ befreundet ist: „Sie spielen umsonst.“

Auch in der Augsburger Messehalle kommen keine Klagen auf. Im Gegenteil: Michael Herrmann, Martin Stellmer und Holger Blume haben sich mittlerweile vergnügt ins Schicksal gefügt, angesichts der Erkenntnis, dass Zeit wirklich relativ ist. Wovon vor allem Michael Herrmann ein Lied singen kann, der am Evakuierungstag ahnungslos von der Feuerwehr geweckt wurde. „Ich lag noch im Bett und habe den Lautsprecher gehört. Die haben gesagt, dass dies keine Übung sei und ich gefälligst raus kommen soll.“ Was andernfalls wohl ins Geld gegangen wäre, lässt Martin Stellmer wissen: „Das hätte 1000 Euro Strafe gekostet.“ Innenstadt-Gastwirte, sagt er, hätten dagegen Verluste gemacht, angesichts der längerfristigen Reservierungen und der entsprechenden Warenbestellung: „Bei manchen gab es deshalb Gans to go.“

Die vielen Helfer mussten jedenfalls nicht darben. Im Minutentakt rückten Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn an, bis eine regelrechte Armada auf dem Messeparkplatz nahe der zentralen Verpflegungsstelle stand. „So eine Menge habe ich noch nie gesehen“, war Bernd Herrmann vom BRK Fürth verblüfft. Nicht so sehr von der Motivation seiner Kollegen: „Bei all den großen Einsätzen, die wir in der Vergangenheit mitgemacht haben, gab es nie Probleme.“ Auch nicht am Tag der Bombenentschärfung, abgesehen von einem Mann, „der mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus musste.“

Als Experten nach vier Stunden kurz vor 19 Uhr die drei Zünder aus der Bombe entfernt hatten, durften alle Evakuierten wieder nach Hause. Zu diesem Zeitpunkt war Bernd Herrmann noch unterwegs: „Wir müssen Landstraße fahren, von uns aus gibt's keine Autobahn nach Augsburg.“

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27.12.2016, 06:00 Uhr

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