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Großer Andrang bei Vorstellung des Generalstreik-Buchs

Geeignet, Hitler zu stürzen

Da ist nirgends nichts gewesen außer hier – am Dienstagabend in Mössingen: Großer Ansturm auf das neue „Generalstreik-Buch“ im Pausa-Quartier.

19.07.2012
  • Ernst Bauer

Mössingen. Gedränge im überfüllten Vortragssaal der Tonnenhalle, gut 150 Bürger/innen, unter ihnen auch Oberbürgermeister Michael Bulander, sind zur Vorstellung des Grundlagenwerks zur Mössinger Lokalgeschichte gekommen: „Das ‚rote Mössingen‘ im Generalstreik gegen Hitler – Geschichte eines schwäbischen Arbeiterdorfes“, neu herausgegeben von Bernd Jürgen Warneken und Hermann Berner, erschienen im kleinen Talheimer Verlag; 353 Seiten dick, mit vielen neuen historischen Fotos und den vollständig dokumentierten Gerichtsurteilen der Wiedergutmachungs-Prozesse, aus denen im Verlauf des Abends immer wieder zitiert wird.

Zunächst erinnert jedoch der ehemalige Mössinger SPD-Fraktionschef Dieter Schmidt als Vorsitzender des Büchereivereins an die unendlichen Debatten im Gemeinderat, spricht von einem „Ereignis, das die Sicht auf den Mössinger Generalstreik klarer macht“ und dem „besonderen Verdienst des Talheimer Verlags, dass er diese fundierte Analyse des historischen Ereignisses nun wieder allgemein zugänglich macht“. Seit Jahren war das alte, 1982 erschienene Taschenbuch vergriffen.

An der Person des Streikführers Jakob Stotz lässt sich laut Dieter Schmidt „der allmähliche Sinneswandel“ in Stadt und Gemeinderat gut darstellen – er rekapituliert die ganzen Jahrestage, die Schwierigkeiten im Umgang mit der eigenen Geschichte, bis hin zum „vorläufigen Höhepunkt“: 2003 – mit Feiern, Ausstellung und Gedenktafel an der Langgass-Turnhalle – „bekennt sich die Stadt zum Generalstreik vor 70 Jahren als einem wichtigen Ereignis der Ortsgeschichte“.

Für 2013 wünscht sich Schmidt, dass sich die Erinnerungsarbeit „zu einer breiten historisch motivierten Bürgerbewegung entwickelt“; und schließt mit dem berühmten Zitat von Brecht, dass der Schoß noch fruchtbar sei, aus dem der Faschismus kroch.

Für den Talheimer Verlag dankt Irene Scherer allen Beteiligten am Generalstreik-Buch, vor allem den Herausgebern, und überrascht mit einem flammenden Appell gegen „nationalen Rückschritt“, für „europäisches Denken“ im Sinne Václav Havels: „Für uns ist nicht nur die Erinnerungsarbeit wichtig, sondern die Zukunftsarbeit für Europa!“ Das neue Buch könne, so Scherer, „vielleicht zu einem neuen Aufeinander-Zugehen beitragen“.

Denn „die Familien der Generalstreiker hatten es schwer“ – dies ziehe sich wie ein roter Faden durch die Nachkriegsgeschichte: „statt Anerkennung und Würdigung offene oder versteckte Ausgrenzung“. Scherer wendet sich namens vieler Mössinger Bürger/innen demonstrativ an die „Kinder und Enkel der Generalstreiker“ – und bittet um Entschuldigung „für das erlittene zweite Unrecht“.

Auch Museumsleiter und Mitherausgeber Hermann Berner findet deutliche Worte für den Umgang mit den „roten“ Mössingern, ehrbaren Handwerksmeistern, die den Streik 1933 anführten: „Man kann sie lieben oder hassen, man kann sie als naiv oder politisch verblendet bezeichnen, aber man kann wohl kaum kritisieren, dass sie es wagten, gegen Hitler auf die Straße zu gehen – dies kann man eigentlich nur bewundern“; vor allem wenn man bedenke, dass sich nirgendwo in Deutschland damals jemand so etwas traute.

Berner: „Diese mutigen Mössinger mit Stalins Verbrechen in einen Topf zu werfen, finde ich, milde gesagt, hanebüchen.“ Er erinnert an das Urteil des Tübinger Landgerichts von 1954, in dem es hieß: „Wäre der Generalstreik überall befolgt worden, wäre diese Maßnahme durchaus geeignet gewesen, die Regierung Hitler lahmzulegen und zum Rücktritt zu zwingen.“

Ein Urteil aus der konservativen Adenauer-Zeit, hebt Bernd Jürgen Warneken hervor, das Oberlandesgericht in Stuttgart habe es 1955 bekräftigt: Dieser aus Überzeugung geleistete Widerstand sei ein Verdienst um das Wohl des deutschen Volkes. Der Tübinger Kulturwissenschaftler: „Dem kann man sich nur anschließen – der Streik war nicht unrechtmäßig, nicht falsch, nein, er war das einzig Richtige!“

Die „Mössinger Studie“, auf dem das Generalstreik-Buch fußt, war eines von 15 Lehrprojekten des emeritierten Professors, sein längstes Projekt, es ging über vier Jahre. Warneken war beim „Wiederlesen sehr erleichtert“: kein Pamphlet, sondern eine sozialhistorische Untersuchung, in der „niemand zum Helden erklärt und niemand diffamiert wird“.

Geeignet, Hitler zu stürzen
Einen Nelkenstrauß der Verlegerin Irene Scherer (rechts) gab es für die Herausgeber Hermann Berner und Prof. Bernd Jürgen Warneken (von links) – im Sinne von Warnekens Vorwort, „dass zur Identität der ‚Blumenstadt Mössingen‘ auch ein Strauß roter Nelken gehört“ – dies scheine jedenfalls heute mehrheitsfähig zu sein.Bild: Franke

Der mutigste Generalstreiker, Malermeister Jakob Textor, wurde laut Hermann Berner wohl durch „ein Missverständnis“ bei der zu Grunde liegenden wissenschaftlichen Studie nicht interviewt. Ihm ist dafür aber die Neuauflage des Generalstreik-Buchs gewidmet. Textor starb 2010 mit 101 Jahren. Dieter Schmidt bezeichnete es jetzt als „schlimm“, dass jenem selbst die kleinste öffentliche Ehrung der Stadt versagt blieb.

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19.07.2012, 12:00 Uhr

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