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Stuttgart

Gefährliche Geschäfte

Im anonymen Bereich des Netzes blüht der illegale Waffenhandel. Die Ermittlungen sind schwierig, wie ein Prozess gegen zwei Männer in Stuttgart zeigt.

18.10.2016
  • TOBIAS KNAACK

Stuttgart. Sie nennen sich „Mr.Sunshine“, heißen „The Guy“ oder „Mike Bravo“. Es sind Namen, wie man ihnen auch auf Dating-Plattformen im Internet begegnen könnte. Nur geht es in dieser Geschichte nicht um Liebe oder Sex, sondern um Langwaffen und scheinbar notwendigen Selbstschutz. Denn hinter den vermeintlich unscheinbaren Namen stecken Waffenkäufer im Darknet, dem anonymen Bereich des Internets. Menschen, die als Motivation für ihre Waffenbestellung unter anderem „Selbstschutz“ angeben – und den im nächsten Satz unverhohlen mit „den offenen Grenzen im vergangenen Sommer“ verbinden.

Es ist der vierte Termin im Fall zweier junger Männer, 25 und 28 Jahre alt, aus dem Raum Sindelfingen, die sich seit September vor dem Landgericht Stuttgart verantworten müssen. Ihnen wird vorgeworfen, im vergangenen Jahr mehrere Schreckschusspistolen sowie Sturmgewehre der Marke Kalaschnikow aus chinesischer und jugoslawischer Produktion zu scharfen Waffen umgebaut und samt Munition für insgesamt mehrere zehntausend Euro im anonymen Bereich des Internets verkauft zu haben. Und in diesem Verfahren sitzen im Zeugenstuhl eben auch Menschen, die in separaten Verfahren wegen des illegalen Erwerbs von Waffen im Darknet selbst angeklagt sind.

Je mehr von ihnen gehört werden, desto komplexer wird das Bild. Verständlich, weil das Darknet ein geschützter, nur schwer auszuleuchtender Raum ist – und die Kommunikation darin verschlüsselt. Da geht es um Bitmessages und Bitcoins; also um codierte Nachrichten und um eine Netz-Währung. In diesem geschützten Raum haben sich auch die Anbieter mit ihren Kunden virtuell getroffen und ihre Waffendeals ausgehandelt. Pistolen, Schießkugelschreiber, Maschinen- und sogar Scharfschützengewehre: Scheinbar alles wird hier (um-)gebaut, scharfgemacht und verkauft. Woher sie kommen, an wen sie gehen – das spielt bei den Deals im Darknet, wenn überhaupt, so scheint es in dem Stuttgarter Prozess, nur eine nachgeordnete Rolle.

Krude Kommunikation

Irritierend wirkt die Arglosigkeit, mit der die beiden Angeklagten im Darknet Waffen offenbar verkauften – ihrer Darstellung nach aus purer Geldnot. Ein ziemlich gefährliches Geschäftsmodell, denn: Besorgniserregend erscheint der von mehreren Zeugen geäußerte Wille zu „Selbstschutz“. Und nachhaltig verstörend ist das krude Fabulieren des 25-jährigen Angeklagten mit einem seiner Geschäftspartner in einem nun enttarnten Chat über mögliche Attentate auf deutsche Politiker, namentlich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU). Auch wenn die Vorsitzende Richterin Manuela Haußmann sagte, dass es keine konkreten Pläne gegeben habe und eine Umsetzung nach Beweislage nicht unmittelbar hätte erfolgen können, bleibt die Frage, was passieren kann, wenn die im Darknet verkauften Waffen den falschen Menschen in die Hände geraten.

Eine traurige Antwort darauf hat der Amoklauf von München gegeben. Der Täter, der Ende Juli in der bayrischen Landeshauptstadt neun Menschen und dann sich selbst tötete, hatte seine Waffe offensichtlich im anonymen Bereich des Internets erworben. Der Verkäufer ist, wie auch die beiden Männer aus dem Raum Sindelfingen, gefasst. Er ging den Ermittlern über einen fingierten Kauf ins Netz. Es sind zwei Fälle, hinter denen sprichwörtlich eine hohe Dunkelziffer steht. Denn für die Beamten sind, das wird in dem Prozess in Stuttgart auch deutlich, die Ermittlungen schwierig.

„Hätte der Angeklagte nicht kooperiert und uns seine Sicherheitsschlüssel zur Verfügung gestellt, hätten wir die Kommunikation nicht einsehen können“, sagte ein Beamter des Zollfahndungsamtes Frankfurt (ZFA), das die Ermittlungen ursprünglich angestoßen hatte.

Mit Angeklagtem kooperiert

Im Zuge seiner Festnahme hatte der 25-Jährige umfassend mit den Polizisten sowie dem ZFA kooperiert. Unter anderem hatte er ihnen die PGP-Schlüssel für die codierte Kommunikation gegeben. PGP steht für „Pretty Good Privacy“, übersetzt: Ziemlich gute Privatsphäre. „Es sind zwei Schlüssel nötig, die man sich unmöglich merken kann“, sagte der Ermittler. Sie seien in Dokumenten des Werkzeugmachers gespeichert gewesen. Er habe aber auch insofern kooperiert, als dass er die Beamten seinen Account hat übernehmen lassen. Über den machten sie einerseits Waffenkäufer ausfindig und konnten andererseits, wie auch der Verkäufer der Münchner Mordwaffe gefasst worden war, über fiktive Käufe an weitere, größere Händler herankommen. Dafür verfasste der 25-Jährige offenbar gemeinsam mit den Beamten eine Mail in „seinem Ton“.

Mehrere Ordner sind gefüllt mit ehemals verschlüsselter Kommunikation der beiden Männer. Alleine 117 Seiten eines verschlüsselten Handychats werteten die Beamten aus. Der 25-Jährige, der die Waffen umgebaut haben soll, und sein 28 Jahre alter mutmaßlicher Kompagnon, der sich einem Polizisten zufolge „als Marketing-Chef gesehen“ habe, hatten sich zwei Simkarten gekauft und ihre Kommunikation auf einen sicheren so genannten Threema-Chat umgestellt. In einem ihrer Dialoge, so erinnert sich der Polizist, sei davon die Rede gewesen, dass „ein Turban“ 30 Waffen, ja, vielleicht sogar die gesamte Produktion kaufen wolle. Es sagt viel über das Weltbild der beiden Männer aus; darüber, was in Bereichen des anonymen Webs wie „Deutschland im Darknet“ für gefährliche Waffengeschäfte laufen; und darüber, dass trotz dieses Prozesses sehr vieles im Dunkeln liegt.

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18.10.2016, 06:00 Uhr

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