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Leitartikel · Sri Lanka

Gefährliche Spirale

Wieder war es ein christliches Hochfest. Wieder gab es Tote.

24.04.2019

Von ELISABETH ZOLL

Seit Jahren schon steigt an Weihnachten und Ostern die Terrorgefahr für Christen: Kopten in Ägypten waren schon Opfer, Christen in Nigeria und nun Betende in Sri Lanka. Ein solcher Anschlag garantiert hohe Opferzahlen und weltweite Aufmerksamkeit.

Die Bomben trafen die Christen in Sri Lanka unvorbereitet. Warnungen ausländischer Geheimdienste waren bei ihnen nicht angekommen. Zwar kennen auch sie Spannungen unter den Religionen, doch betreffen diese vor allem das Zusammenspiel der großen buddhistischen Mehrheit der Singhalesen und der Minderheit der Muslime. Letzteren begegnen buddhistische Nationalisten mit Argwohn. Vor allem aus Saudi-Arabien zurückgekehrte Arbeitsmigranten werden als Fremdkörper empfunden. Sie bringen von ihrem Aufenthalt oft eine rigide Auslegung des Islam und strenge Kleidungsvorschriften für Frauen mit. Das stößt sich am religiösen Miteinander auf Sri Lanka. Jeden Tag erklimmen Muslime, Buddhisten, Hindus und Christen die knapp 5000 Stufen zum Adams Peak, dem berühmtesten Berg des Landes. Er ist Wallfahrtsort aller vier Religionen.

Warum ausgerechnet Sri Lanka, und warum Christen? Die Terrormiliz IS spricht von einem Racheakt für den Anschlag im neuseeländischen Christchurch. Möglich. Die Gewalt passt zu einem Trend. Das der evangelikalen Deutschen Evangelischen Allianz nahestehende Hilfswerk Open Doors macht auf eine sich ausbreitende Christenverfolgung aufmerksam. Der Trend deckt sich mit Beobachtungen des Europäischen Parlaments. In vielen Ländern steigen die Opferzahlen unter Christen. Sie werden drangsaliert, zum Teil auch mit dem Tod bedroht, wie das absurde Verfahren gegen die Pakistanerin Asia Bibi zeigte. Auch in Deutschland nimmt laut Bundeskriminalamt die Hasskriminalität gegen Christen zu.

Angriffe auf religiöse Symbole oder auf Gläubige treffen die Opfer besonders tief und laden Konflikte mit gefährlichem Sprengstoff auf. Sie entfachen Feuer, die zu Flächenbränden werden können. Nationalisten nutzen das, nicht nur in Indien und Pakistan. Auch Terrorgruppen wie Boko Haram begründen Mord, Sklaverei und Plünderung pseudo-religiös. Mal geht es ihnen um den Kampf gegen den Westen, mal um wirtschaftliche Ressourcen, immer aber um die Verbreitung von Angst und Unsicherheit.

Die Schockwelle der Anschläge von Ostern wird weiterschwappen in andere Länder. Die Spirale aus Gewalt, Rache und Vergeltung hat neuen Schwung bekommen. Sie droht, religiöse Toleranz und Respekt vor Anders- oder Nichtgläubigen mitzureißen.

Die Forderung nach Religionsfreiheit – weltweit – ist deshalb kein Luxus, sondern ein Muss, das deutsche Politiker bei jedem sich bietenden Anlass formulieren müssen. Oder wie Heiner Bielefeldt, Ex-UN-Sonderberichterstatter für Religionsfragen, es formuliert: „Ohne Religionsfreiheit wäre der gesamte Menschenrechtsanspruch nur eine leere Hülle.“ Das muss die Politik beherzigen.

leitartikel@swp.de

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Erstellt:
24. April 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. April 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. April 2019, 06:00 Uhr

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