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Gefährliche „Zaubertropfen“
Immer mehr Eltern geben ihren Kindern Schlafmittel, damit sie nachts ruhiger sind. Experten warnen vor schweren Nebenwirkungen. Foto: Fotolia
Gesundheit

Gefährliche „Zaubertropfen“

Immer mehr Eltern geben ihren Kindern Schlafmittel. Experten warnen vor diesem folgenschweren Trend und raten, zuerst bei den übernächtigten Müttern und Vätern anzusetzen.

28.01.2017
  • ELENA KRETSCHMER

München. Mein Sohn, vier Jahre, schläft fast nie. Ich bin sehr müde, denn wenn er wach ist, muss ich auch wach sein“, klagt eine Mutter im Internet-Elternforum „Mamiweb“. „Ich würde gerne mal wieder acht Stunden schlafen, mein Körper bricht unter der Müdigkeit zusammen. Ich verzweifle.“ Ein Hilferuf.

Eigentlich wollen die ratlosen Eltern ihren Kindern keine Schlafmittel geben. Eigentlich. Nach Ansicht des bayerischen Gesundheitsministeriums geben immer mehr Eltern ihren Kindern solche. Ministerin Melanie Huml (CSU) positioniert sich: „Diesen gefährlichen Trend, den Kinderärzte und Wissenschaftler derzeit beobachten, müssen wir stoppen.“ Sie warnt vor „schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen für die Kinder“.

Zwar können Eltern ihrem Kind diese „Zaubertropfen“ gut „verkaufen“ – welches Kind glaubt nicht an Magie? Fakt bleibt, dass diese Mittel abhängig machen und innere Organe wie Leber und Niere schädigen können, wie Huml betont. Der Pressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Hermann Josef Kahl, warnt: „Es kann – auch in niedrigen Dosen – zum Atemstillstand kommen.“

Bei den Eltern ansetzen

Die Nebenwirkungen sind vielen Eltern durchaus bewusst. Nicht umsonst lösen Einträge wie der obige immer wieder heftige Diskussionen unter den Forennutzern aus. Für Kahl, selbst praktizierender Kinderarzt, ist sonnenklar: nicht bei den Kindern ansetzen, sondern bei den Eltern. „Mütter schlafen schlecht, sind erschöpft und die Nerven liegen blank.“ Oberste Priorität sollte sein, dass sie schlafen. „Unter der Woche Verwandte mit dem Kind losschicken, am Wochenende den Mann“, schlägt er vor. „Wenn der Schlaf nachgeholt ist, kann die Mutter wieder besser mit einem unruhigen Kind umgehen. Enorm wichtig sei es auch, Schlafrituale für das Kind einzuführen. „Dabeibleiben, singen, vorlesen, Geschichten erzählen, um Vertrauen aufzubauen“, so der Facharzt. Manchen Kindern helfe es auch, wenn sie ins Auto gesetzt und herumgefahren werden. Was am besten wirkt, müssen die Eltern selbst herausfinden.

Seinem gesunden Kind Schlafmittel zu verabreichen, ist aus Kahls Sicht nicht einmal im Notfall eine Lösung: „Das sollte absolut tabu sein.“ Deshalb käme es für den Mediziner nie in Frage, derartige Mittel zu verschreiben. Noch größere Bauchschmerzen bereitet ihm, dass es Schlafmittel für Kinder gibt, die frei verkäuflich sind.

Ein Wirkstoff, der in diesem Zusammenhang in Internet-Foren immer wieder auftaucht, ist Doxylamin. Dabei handelt es sich um ein veraltetes Allergiemittel, das die Nebenwirkung hat, müde zu machen. Ein anderes Mittel, das bei verzweifelten Eltern als Geheimtipp kursiert, sind Zäpfchen gegen Übelkeit. Sie machen dank des Wirkstoffs Dimenhydrinat „ganz nebenbei“ wunderbar müde. Doch wären diese Präparate ungefährlich, hätte die Kommission für Arzneimittelsicherheit im Kindesalter (KASK) der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) wohl kaum schon vor einiger Zeit vor den Gefahren gewarnt und eine Rezeptpflicht gefordert.

Als Schlafmediziner rät Professor Thomas Erler, Ärztlicher Direktor des Klinikums Westbrandenburg in Potsdam, von diesen Mitteln vehement ab. „Erst einmal müssen die Eltern verstehen, dass ihr Säugling oder Kleinkind einen ganz anderen Schlafrhythmus hat als sie selbst“, sagt er. Diesen umzustellen könne mehrere Monate bis hin zu einem oder gar zwei Jahren dauern.

Ein Kind werde einfach wach, wenn es Hunger hat. „Also etwa alle drei bis vier Stunden, sechs Mal am Tag.“ Ein Erwachsener schlafe hingegen rund sieben Stunden, aber eben nur in der Nacht. Um den Rhythmus des Kindes langsam an den der Eltern anzupassen, müsse man auf einige Dinge achten.

Optimale Schlafbedingungen

„Wenn das Wachwerden in der Nacht noch durch Aktivitäten befördert wird, wird das Kind nie durchschlafen“, erklärt Erler. Licht anmachen, mit dem Kind auf dem Arm herumlaufen, zu viel füttern oder das Kind mit ins eigene Bett nehmen seien negative Einflüsse. Stattdessen solle man darauf achten, nur bei dämmrigem Licht ins Zimmer zu kommen, die Atmosphäre ruhig zu halten und das Kind nicht zu lange zu beschäftigen. Ein abgedunkeltes, lärmgeschütztes Zimmer mit einer Raumtemperatur von 18 Grad Celsius bezeichnet Erler als optimale Schlafbedingungen.

Auch er unterstreicht die Wichtigkeit von Schlafritualen: „Jeden Tag zur gleichen Zeit in gleicher Weise. So lernt das Kind unterbewusst, dass es genau dann schlafen soll.“ In ganz harten Fällen empfiehlt er das Schlaflabor: „Dort sind Schlafmediziner, die sich Zeit nehmen.“ Zeit, die mancher Kinderarzt aufgrund der Fülle an Patienten oft nicht habe und deshalb in der Not vielleicht doch mal ein „Zaubermittel“ verschreibe.

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28.01.2017, 06:00 Uhr

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